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„Umkehrkurse“ für Homosexuelle : Hetero in drei Tagen

  • -Aktualisiert am

Keine richtigen Männer? „Umkehrungskurse“ in den Vereinigten Staaten sollen Schwule von ihrer Homosexualität befreien. Bild: dpa

Aus Schwulen wieder „Männer“ machen: In den Vereinigten Staaten verdienen zwielichtige Organisationen viel Geld mit „Umkehrkursen“, die homosexuelle Gedanken vertreiben sollen.

          Rich Wylers Reise zur Männlichkeit begann vor 16 Jahren. Damals plagten den Amerikaner Gefühle, die er heute „ungewollte homosexuelle Regungen“ nennt. „Ich fühlte mich fremd und andersartig. Als gehörte ich nicht in diese Welt.“

          Der frühere PR-Berater, der als Mittzwanziger in der Homosexuellen-Szene von Los Angeles verkehrt hatte, war inzwischen mit Marie verheiratet, erzog mit ihr zwei Kinder und verliebte sich dennoch immer wieder in Männer. „Ich fühlte mich hin und her gerissen zwischen dem sexuellen Verlangen nach einem Mann und dem Wunsch, meine Ehe zu retten“, sagt der 55 Jahre alte Mann. Als das Chaos der Gefühle zu groß wurde, suchte Wyler Hilfe bei der Organisation Anonyme Sexaholiker. Wie bei anderen Zwölf-Schritte-Programmen hoffte er, mit einem Eingeständnis des „Fehlverhaltens“ und mit Gebeten die Sexsucht zu überwinden, die er der Homosexualität zuschrieb. Trotz regelmäßiger Besuche der Selbsthilfegruppe verspürte Wyler aber weiter Lust auf gleichgeschlechtliche Partner. „Nach 14 Jahren Doppelleben war ich am Boden. Ich dachte an Selbstmord.“

          „Ich hatte meine Homosexualität überwunden“

          Die Bücher des kalifornischen Psychologen Joseph Nicolosi über die „Reparativtherapie“, die orientierungslose Schwule angeblich in zufriedene Heterosexuelle verwandelt, versprachen Heilung. Da Homosexualität nach Nicolosis These meist auf Defizite bei der Ausbildung geschlechtlicher Identität zurückgeht, entschloss sich Wyler, den „Weg zur Männlichkeit“ zu beschreiten. In Gesprächen mit einem Therapeuten diskutierte er über die Gefühlskälte seines Vaters, die Scham der Mutter, über ihren pubertierenden Sohn und Mike, den Schläger aus Schultagen, der ihn jahrelang schikanierte. Mit seinem Freund Richard, wie Wyler Angehöriger der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen), traf er sich zum Basketball, um neben Jump Shots auch Maskulinität zu trainieren. Von einem Wochenende in den Bergen mit den „New Warriors“, einer Organisation des Projekts „Mankind“ zur Entfaltung der Männlichkeit, kehrte Wyler im Sommer 1998 wie verwandelt zurück. „Ich habe Männer entdeckt! Sie sind wie ich, ich bin wie sie“, berichtete er Marie damals. Über die Methode des „Mannwerdens“ ließ er seine Ehefrau aber im Dunklen.

          Ehemalige Teilnehmer der Seminare, die sich nicht länger an die vereinbarte Vertraulichkeit gebunden fühlen, berichten von schwarzbemalten Gesichtern, Eimern als Toiletten, kalten Duschen und Nackttänzen zu Trommelschlägen. Laut Wyler war das Bedürfnis nach gleichgeschlechtlichem Sex nach dem Wochenende mit den „New Warriors“ erloschen. „Ich hatte meine Homosexualität überwunden.“

          Die Widerstände gegen die „Schwulenheilung“, die sich seit Monaten in Amerika ausbreiten, kann Wyler deshalb nicht verstehen. Nach Berichten über Depressionen und Suizide ehemaliger Patienten hatten Kalifornien und New Jersey als erste Bundesstaaten des Landes in den vergangenen Monaten Gesetze verabschiedet, die Umkehrtherapien zumindest für Minderjährige verbieten. „Die Praktiken gehören in den Mülleimer der Quacksalberei“, sagte der kalifornische Gouverneur Jerry Brown gewohnt wortgewaltig. Chris Christie, der Gouverneur von New Jersey, rechtfertigte das Verbot zurückhaltender mit Studien der American Psychological Association, die vor Risiken der „gay cure“ wie Rauschgiftkonsum und sozialem Rückzug warnt. Die New Yorker Psychologen Ariel Shidlo und Michael Schroeder zeigten mit der Befragung von etwa 200 Absolventen einer Umkehrtherapie, dass es meist gar nicht zur erhofften „Gay-to-straight“-Konversion kommt. Nur eine Handvoll Befragter gab an, die Heterosexualität für sich entdeckt zu haben. Da sie alle später als Berater für andere vermeintlich sexuell Fehlgeleitete ihr Geld verdienten, unterstellen Kritiker einen gewissen Zweckoptimismus.

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