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Ultramarathon im Death Valley : Die durch die Hölle laufen

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217 Kilometer zu Fuß durch das Tal des Todes: Der Badwater gilt als einer der härtesten Läufe der Welt. Bild: Richard John

Kein anderer Ultramarathon fordert seinen Läufern so viel ab wie der Badwater im Death Valley. 217 Kilometer durch den heißesten Ort Amerikas. Ein Deutscher kämpft um einen Platz auf dem Podium.

          Es gibt eine Wüste im amerikanischen Death Valley, die der biblischen Vorstellung einer Hölle auf Erden nahe kommt. Gut 80 Meter unter dem Meerespegel gelegen, staut sich in einer Senke die sommerliche Hitze wie eine undurchdringliche, glühende Barriere. Die Temperaturen erreichen tagsüber bis zu 50 Grad Celsius. Es herrscht eine lebensfeindliche Atmosphäre. Genau hier versammelt sich jedes Jahr eine Handvoll Extremsportler. Ihre Absicht wirkt absurd: ein 217 Kilometern langer Lauf. Der Badwater Ultramarathon gilt als eines der härtesten Rennen der Welt, und der Deutsche Ulrich Stüwe hat sich vorgenommen, einen Platz auf dem Podium zu erkämpfen.

          „An Glück oder Gott glaube ich nicht, sondern denke positiv und vertraue auf meine Vorbereitung und meinen Körper“, sagt Stüwe. Der frühere Bundeswehrsoldat gibt sich kämpferisch. Er weiß, was auf ihn zukommt. Letztes Jahr verpasste er mit dem vierten Platz knapp das Siegertreppchen. Die Konkurrenz ist hart.

          Neben dem Deutschen treffen die Mitstreiter ihre letzten Vorbereitungen, sie alle zählen zur Elite der Ultraläufer. Hinter der sportlichen Fassade sind es aber unscheinbare Männer und Frauen: Anwälte, Unternehmer, Mathematiker. Ein Teilnehmer ist 72 und pensionierter Lehrer. Dennoch macht sich Stüwe nichts vor. Die nächsten 20 bis 25 Stunden werden lang und hart. Sein größter Gegner wird letztlich er selbst sein: „Die erste Hälfte wird mit den Beinen gelaufen, die andere mit dem Herzen.“

          Kilometer 0: Es ist kurz vor 23 Uhr und eine tiefe Finsternis hat sich über das Tal des Todes gelegt. Die erdrückende Hitze des Tages dämmert aber schon. Das Thermometer zeigt 30 Grad Celsius an. Es bleiben wenige Minuten bis zum Startschuss. Stüwe hat einen langen Weg vor sich: Das Ziel wartet 217 Kilometer weiter und mehr als 2400 Meter höher am Mount Whitney. Der Deutsche hat sich über Monate hinweg akribisch auf diese Tortur vorbereitet, endlose Trainingsläufe absolviert, Stunden in der Sauna verbracht. Nun ist die Zeit der Abrechnung gekommen. Erst kurz vor dem Start, erzählt der 45 Jahre alte Läufer später, habe ihn die Aufregung gepackt.

          Badwater Ultramarathon: Ulrich Stüwe (3. v. L.) ist bereit für seinen längsten Tag des Jahres. Bilderstrecke

          Kilometer 35: Auch als erfahrener Ausdauersportlers hat Stüwe den Impuls nicht ganz unterdrücken können, zügig loszurennen. „Später bezahlt man immer, wenn man schnell startet und sich zu früh verausgabt.“ Bei einem Marathon käme man dann vielleicht zehn Minuten später an. Beim Badwater könne ein solcher Fehler, den Teilnehmer aber Stunden oder sogar alles kosten. Stüwe läuft wie die meisten anderen Athleten auch auf dem weißen Seitenstreifen des Highway. Dort soll es einige Grad kühler sein als auf dem restlichen glühenden Asphalt. Neben dem Läufer fährt Stüwes persönliches Rennteam, das ihn mit Eis, Getränken und Nahrungskonzentraten versorgt. Alle 60 Minuten 250 Kalorien und 60 Gramm Kohlenhydrate. Das Extremlaufen nah am Inferno ist eine Wissenschaft für sich.

          Kilometer 67: Es ist kurz vor sieben Uhr als Stüwe einen Checkpoint passiert. Die Sonne ist aufgegangen und mit ihr steigen die Temperaturen in Richtung 40-Grad-Marke. Stüwe versucht unbeirrt sein antrainiertes Tempo zu halten. Aber schon jetzt hat er eine Zeitschuld von einer Stunde auf die Spitze, die sich ein Japaner und ein Pole teilen. Doch bei dem, was nun vor ihm liegt, stockt auch Stüwe: ein 25 Kilometer langer und mehr als 1500 Meter hoher Anstieg. Anders als im vergangenen Jahr lotet Stüwes Körper jetzt schon die Sollbruchstelle aus. Der Deutsche kennt Hochs und Tiefs während solcher Gewaltanstrengungen. Im Vorfeld hat er mehrere 100-Meilen-Rennen erfolgreich absolviert. Doch das hier übertrifft alles.

          Kilometer 105: Das Thermometer zeigt 49 Grad. Es gibt keinen Schatten. Der aufkommende Wind macht es noch schlimmer, wie ein gigantischer Föhn. Einige Läufer fallen zurück in schnelles Gehen, um etwas Kraft zu schöpfen. Die ersten haben mittlerweile ihre Schuhe gewechselt, da die Hitze des Asphalts die Gummisohlen zum Schmelzen gebracht hat. Für andere Läufer ist die körperliche Belastung zu groß gewesen, sie mussten aufhören. Auch Stüwe kämpft verzweifelt gegen den Abbruch. Es ist nicht die Hitze, die ihn niederringt, sondern die Geschwindigkeit, zu der er sich am Anfang des Rennens hinreißen ließ. Nun streikt der Körper und kann sich nicht mehr regenerieren. Stüwe ist am Ende.

          Dennoch quält er sich zehn weitere endlose Kilometer bis zum nächsten Checkpoint. Dort muss sich Stüwe seiner wohl schwersten Herausforderung des gesamten Rennens stellen: dem Eingeständnis, dass es nicht mehr weitergeht. „Ich war gut in der Zeit. Wenn ich bis zum Ende nur noch marschiert wäre, hätte ich den Lauf noch innerhalb der vorgeschriebenen Zeit beenden können.“ Das Rennen aber geht weiter, ab Kilometer 160 beginnen die besten Läufer mit der Jagd nach den Podiumsplätzen. Das Tempo wird nochmal angezogen.

          Kilometer 217: Über das Internet verfolgt Stüwe niedergeschlagen das Ende des Rennens. Der Ingenieur Yoshihiko Ishikawaaus Japan hat den Lauf mit 21 Stunden und 33 Minuten in Rekordzeit beendet. Erleichtert durchbricht der Einunddreißigjährige das Band an der Ziellinie, geht kurz in die Knie, um dann seiner Freundin einen Heiratsantrag zu machen. Über Stunden hinweg laufen weitere Teilnehmer mit erschöpften, aber dankbaren Gesichtern ein. Stüwe kennt diesen empyreischen Moment vom vergangenen Jahr. „Hoffentlich gibt es ein nächstes Mal.“

          Aufgezeichnet von Alexander Davydov.

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