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Ukraine-Protokolle : „Ich habe Angst um ihn“

  • -Aktualisiert am

Eine Demonstrantin hält eine ukrainische Flagge während einer Antikriegsdemonstration hoch. Bild: dpa

Seit Kriegsbeginn erzählen vier Gesprächspartner aus der Ukraine, was sie erleben. Für Wlad fühlen sich zwei Monate in Deutschland surreal an, Elena lenkt sich beim Erdbeerpflücken von der Wohnungssuche ab und Margareta verabschiedet ihren Freund.

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          Wir sind keine Helden

          Ich fahre heute zurück nach Kiew. Nicht, weil ich mich dort sicher fühle. Ich muss zurück. Mein Freund will sich freiwillig der ukrainischen Armee anschließen. Die letzten Tage waren hart für mich. Ich habe viel geweint. Viel mit ihm gestritten. Es ist nicht so, dass er irgendein Held ist, wie es oftmals in den Medien gezeigt wird. Immer wieder lese ich: „Be brave like Ukrainians.“ Als wären wir irgendwelche Helden. Sind wir nicht. Ist er nicht. Wir sind Menschen wie alle anderen auch.

          Eva Schläfer
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich habe das Gefühl, dass wir Ukrainer idealisiert werden. Ich möchte das nicht. Ich habe Angst um meinen Freund. Ich habe Angst, dass er stirbt. Er selbst hat auch Angst. Angst, an die Ostfront zu gehen, aber es gibt keine andere Möglichkeit, sagt er. Er muss dorthin gehen. Und er selbst geht nicht aus Heldentum in die Armee, nicht für seine Nation. Er will einfach wieder in sein normales Leben zurück, er möchte einfach wieder ohne Sorgen in den nächstgelegenen See springen, ohne ständig Angst haben zu müssen, von einer Rakete getroffen zu werden.

          Deswegen fahre ich für ein paar Tage in die Ukraine zu meinem Freund. Um mich von ihm zu verabschieden. Ich glaube fest daran, dass wir uns wiedersehen. Ich nutze die Gelegenheit in Kiew auch, um zu meiner alten Wohnung zu fahren. Ich habe noch Dinge dort, die ich in der Eile zurückgelassen hatte. Mein Abschlusszeugnis habe ich zum Beispiel vergessen. Vielleicht hilft mir das in Europa weiter. Es ist das erste Mal seit Beginn des Krieges, dass ich wieder nach Kiew fahre. Ich hoffe, das Land hat sich nicht allzu sehr verändert. Margareta, 23 Jahre, Enschede
           

          Jetzt sollte ich etwas ändern

          Fast zwei Monate bin ich jetzt in Deutschland. Trotz der friedlichen deutschen Umgebung fühlt sich alles sehr surreal an. Seit dem Moment, als ich hierhergekommen bin, habe ich keine Pause mit dem Studium gemacht. Es ist anstrengend, gleich­zeitig an zwei verschiedenen Studienorten – sowohl in Gießen als auch in meiner Stammuniversität in Kiew – präsent zu sein.

          Was mich motiviert, sind meine Freunde, die mir beistehen und mit denen ich hier im Wohnheim in einem „Safe Space“ bin. Heute bin ich endlich mit meiner Abschlussarbeit fertig ge­worden. Nach der Verteidigung, die jetzt auch bald ansteht, möchte ich runterkommen und meine bisherigen Erfahrungen bewerten. Der Krieg, die Flucht. Alles. Ich hatte kaum Möglichkeit, mit meiner Familie Zeit zu verbringen. Vor ein paar Tagen kamen mich meine Schwester und Mutter hier in Gießen besuchen. Wir hatten eine sehr schöne Zeit, als wir zusammen in die Fachwerkhäuserstadt Marburg zum Spazieren gefahren sind.

          Vom Krieg bekomme ich ziemlich viel mit. Obwohl ich mich medial eher wenig informiere, einfach weil es mich anstrengt, darf ich mich von dem Krieg nicht distanzieren. Ich glaube, ich sollte viel häufiger meine Oma und meinen Opa in Winnyzja anrufen und fragen, wie es ihnen geht. Dafür hatte ich wegen des Studiums irgendwie kaum Zeit. Immer diese Ausreden. Jetzt, wo ich wieder mehr Zeit habe, sollte ich endlich etwas ändern. Wlad, 20 Jahre, Gießen

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