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Ukraine-Protokolle : Wann wird der Frieden kommen?

  • -Aktualisiert am

In Charkiw sind die Angriffe in den vergangenen Tagen weniger geworden. Trotzdem bleiben die Menschen zum Schutz noch in den U-Bahnhöfen. Bild: dpa

Müde, aber geeint: Seit Kriegsbeginn lassen wir uns von vier Ukrainern berichten, was ihnen widerfährt – und wie sich ihr Leben verändert hat.

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          Ich merke, wie müde ich bin

          Meine beiden Söhne und ich sind an diesem Donnerstag gemeinsam mit anderen Ukrainern in zwei Bussen von Düsseldorf nach Remscheid gebracht worden. Auch hier sind wir in einem Hotel untergebracht, das fast schon im Wald liegt. Landschaftlich ist es sehr schön, grün und hügelig. In einem See habe ich Kaulquappen entdeckt.

          Eva Schläfer
          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Trotzdem bin ich erleichtert, dass wir in drei Wochen wieder zurück nach Düsseldorf kommen werden. So sagt man es uns zumindest. Ich mag die Stadt sehr gerne; wir fühlen uns wohl. Da ich dort ja auch schon einen Deutschkurs begonnen habe, werde ich nun drei Tage die Woche mit der Bahn zum Kurs fahren. Was an der Situation aber natürlich nicht so gut ist: Jetzt verzögert es sich mindestens um drei weitere Wochen, bis wir wissen, wo wir zukünftig wohnen können. Und bis ich die Jungs in der Schule anmelden kann.

          So gut es uns auch in Deutschland geht – ich merke, wie müde und wie emotional angegriffen ich bin. Ich wollte nie weg aus meiner Heimat. Das Hotel in Remscheid ist der achte Ort, an dem wir leben, seit der Krieg begonnen hat, seit wir am 24. Februar unser Zuhause in Charkiw verlassen haben. Freunde, die noch dort sind, berichten, dass es seit ein paar Tagen viel ruhiger ist, weil die russische Armee aus der Umgebung der Stadt vertrieben worden ist. Mein Mann überlegt schon, nach Charkiw zurückzukehren, aber ich sage: Nein, mach das nicht, es ist noch zu gefährlich.
          Elena, 43 Jahre, Remscheid

          Geeinter denn je

          Der „Tag des Sieges“ am 8. Mai verlief ohne besondere Vorkommnisse. Einige Leute legten Blumen an den Denkmälern nieder. Die Stadt Melitopol, wo meine Mutter lebt, ist bereits von mehr als der Hälfte der Bevölkerung verlassen worden. Unter der verbliebenen Bevölkerung haben die russischen Soldaten einige Menschen zusammengescheucht, damit sie mit roten Fahnen eine Parade veranstalten.

          Seit den ersten Tagen des Krieges habe ich festgestellt, dass die ukrainische Gesellschaft geeinter denn je ist. Aber natürlich nicht ohne Ausnahmen. Leider stach Melitopol heraus. Meine Heimatstadt ist wahrscheinlich die einzige Stadt in der Ukraine, die in den ersten Tagen der Besatzung durch Massenplünderungen bekannt wurde.

          In meinen Augen ist es ein sehr gutes Zeichen für die Ukraine, dass die Aggression, na ja, sagen wir mal, dass der Vormarsch der Truppen gestoppt wurde. Dass die Besatzer gezwungen wurden, sich aus dem Nordosten zurückzuziehen, dass sie zudem aus der Umgebung von Charkiw vertrieben werden. Die ukrainische Regierung hat sehr gut gearbeitet. Es ist ihr gelungen, den Westen davon zu überzeugen, dass er Waffen liefern muss, weil sich die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen dürfen. Es ist eine Tatsache, dass die Beschwichtigung des Aggressors diesen nur zu weiteren Aggressionen provoziert. Ich glaube wirklich, dass Russland sich die Zähne ausgebissen hat, und ich hoffe , dass die ukrainische Armee in naher Zukunft in der Lage sein wird, alles komplett umzukehren und eine Gegenoffensive zu starten.
          Nikita, 25 Jahre, Kiew

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