https://www.faz.net/-gum-7ii84

Ueli Steck über sein jüngstes Bergabenteuer : „Das war Eigernordwand auf 8000 Metern“

  • Aktualisiert am

Es war sein dritter Versuch: Ueli Steck hat allein eine neue Route auf die Annapurna durchstiegen – und konnte den Achttausender im Himalaya endlich bezwingen. Jetzt will er nur noch nach Hause.

          Der Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck hat am 9. Oktober im Alleingang und auf einer neuen Route die 2.350 Meter hohe Südwand der Annapurna (8.091Meter) in Nepal durchstiegen. Der 37 Jahre alte Steck, der vor allem für seine Speedbegehungen bekannt ist, brauchte dafür 28 Stunden. Die Flanke aus Eis und Fels gehört zu den anspruchsvollsten Wänden des Himalaja. Die Briten Don Whillans und Dougal Haston hatten sie 1970 in einem anderen Wandteil zum ersten Mal durchstiegen. Sie brauchten dafür mehrere Wochen und verwendeten auch Flaschensauerstoff. Steck dagegen suchte die direkte Linie zum Hauptgipfel.

          Herr Steck, zweimal sind Sie schon zur Annapurna-Südwand gefahren. Einmal scheiterten Sie, weil Sie in Folge eines Steinschlags 200 Meter abstürzten, das andere Mal brachen Sie die Expedition nach der Rettung eines in Not geratenen Bergsteigers ab. Was hat Sie so sehr gereizt an dieser Wand, dass Sie einen dritten Versuch machten?

          Die direkte Route zum Hauptgipfel wurde noch nie durchstiegen. Es ist eine schöne, elegante Linie auf einen Achttausender. Das allein schon ist interessant. Die Tatsache, dass alle scheiterten, machte es noch interessanter. 1992 probierten es Pierre Béghin und Jean-Christoph Lafaille zum ersten Mal. Seitdem waren alle Versuche erfolglos.

          Wieso wollten Sie noch eine Route an einem Berg eröffnen, der 1950 erstbestiegen wurde und auf dessen Gipfel schon verschiedene Routen führen?

          Die Route ist eben das Interessante. Alle Achttausender sind bestiegen. Also sucht man sich zeitgemäße Herausforderungen. Wir haben besseres Material als 1950. Also muss man die technische Schwierigkeit des Aufstiegs anpassen und sucht eine andere Route.

          Don Bowie, ein Höhenbergsteiger aus Kanada, mit dem Sie eigentlich durch die Wand klettern wollten, hat am Bergschrund entschieden, nicht mitzukommen.

          Für Don war nach dem Akklimatisieren klar, dass er nicht fähig ist, seilfrei in der Wand zu klettern. Das war aber die Grundvoraussetzung, um überhaupt eine Chance zu haben, diese Route in einem kurzen Wetterfenster zu klettern. Daher hat er mich allein auf die Reise geschickt. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich es probierte!

          Ein falscher Tritt, eine unvorhergesehene Eislawine oder ein Steinschlag, und es ist aus. Hat Sie diese Situation, plötzlich allein in der Wand zu sein, verunsichert?

          Der einzige heikle Moment war, als ich fotografierte und von einer kleinen Lawine überspült wurde. Ich konnte nur noch blitzartig meine beiden Eisgeräte ergreifen, um mich festzuhalten. Dabei ging mein Fotoapparat verloren und einer meiner Daunenhandschuhe. Das hat mich schon einen kurzen Moment verunsichert. Der Fotoapparat kümmerte mich weniger in dem Moment. Ich wusste, dass mich die Crew mit Teleobjektiven verfolgt und zum Beweis fotografiert. Der Handschuh war ein größeres Problem. Das heißt, ich hatte nur mehr meine Kletterhandschuhe übrig und einen dicken Daunenhandschuh. Aber aufgeben war keine Option!

          Was waren die besonderen Herausforderungen dieser Route?

          Die Länge, die Höhe und die dünne Luft der Todeszone, und das alles kumuliert mit technisch anspruchsvoller Kletterei. Das ist Eigernordwand auf 8.000 Metern.

          Nach 28 Stunden waren Sie wieder zurück am Wandfuß. Sie sind auch in der Nacht geklettert. Das ist nicht ungefährlich. Wieso haben Sie sich dafür entschieden?

          Das war meine einzige Hoffnung, den Gipfel zu erreichen. Am Tag war der Wind auf Gipfelhöhe sehr stark. Er hat sofort nachgelassen, als die Sonne unterging. Der Wetterbericht war so, dass am Morgen der Wind wieder auffrischt. Also gab es nur die Möglichkeit, in der Nacht weiter zu gehen. Es war dann aber nicht ganz so wie prognostiziert. Der nächste Tag brachte keinen Wind. Aber wenn man das im voraus genau wüsste, wäre es ja ganz einfach, Berge zu besteigen.

          Wie viel Angst darf man eigentlich haben, wenn man allein durch eine 2.350 Meter hohe Wand klettert, auf einer Route, die vorher noch niemand begangen hat, man also nicht einmal weiß, ob sie tatsächlich zum Gipfel führt?

          Keine! Wenn man Angst hat, hat man sich überschätzt oder man ist der Situation nicht gewachsen.

          Dabei haben Sie in diesem Frühjahr eine Situation erlebt, in der Sie um Ihr Leben fürchteten. Sie gehörten zu den Bergsteigern, die Ende April am Mount Everest von aufgebrachten Sherpas mit dem Leben bedroht wurde. Nach den Vorfällen am Mount Everest, die Sie als die schlimmsten Minuten Ihres Lebens bezeichnet haben, sind Sie erst einmal abgetaucht.

          Zum Everest habe ich mein Statement abgegeben. Mehr kann ich dazu nicht sagen. Wenn man nichts zu sagen hat, sollte man schweigen.

          Sie haben eine Auszeit genommen. Wie haben Sie zurück in die Spur gefunden?

          Das war kein Problem. Die Spur war ja noch frisch!

          Trotzdem konnten die Außenstehenden den Eindruck gewinnen, dass Sie die Ereignisse am Everest auch psychisch sehr mitgenommen haben. Haben Sie durch den Erfolg an der Annapurna mental wieder zu Ihrer alten Stärke gefunden?

          Das kann ich im Moment nicht behaupten. Ich bin fix und fertig. 28 Stunden so ausgesetzt zu sein, ist sehr anstrengend. Jeder Schritt kann zum Absturz führen. Ich habe mich ja nie gesichert.

          Sie haben die Annapurna auf einer Route bestiegen, die vorher noch niemand begangen ist. Geht es im nächsten Frühjahr wieder zurück nach Nepal, um den Plan von diesem Jahr wieder aufzugreifen und auf den Everest und direkt im Anschluss auf den Lhotse zu steigen? Das hat auch noch niemand geschafft.

          Jetzt will ich erst einmal nach Hause fahren und dort ankommen, und dann schaue ich weiter. Ich bin Berner, und die Leute aus Bern sind in der Schweiz bekannt dafür, nicht so schnell zu sein, sondern eher gemütlich.

          Die Fragen stellte Stephanie Geiger.

          Weitere Themen

          Gefährlicher Stau am Gipfelgrat

          Mount Everest : Gefährlicher Stau am Gipfelgrat

          Weil das Wetter derzeit am Mount Everest gut ist, versuchen Dutzende Bergsteiger gleichzeitig den Gipfelanstieg. Es kommt zu Wartezeiten. In einer Höhe jenseits von 8000 Metern können solche Verzögerungen lebensgefährlich sein.

          Topmeldungen

          Muss mit seiner SPD massive Verluste hinnehmen: Carsten Sieling, Bürgermeister und Spitzenkandidat, am Sonntag bei seiner Stimmabgabe in Bremen

          Bürgerschaftswahl : Historische Verluste für SPD in Bremen – CDU knapp vorn

          Nach 73 Jahren an der Regierung droht der SPD in Bremen der Machtverlust. Nach ersten Prognosen erreicht sie nur noch rund 25 Prozent der Stimmen und liegt erstmals knapp hinter der CDU. Die Grünen erreichen demnach 18 Prozent.
          In diesem Haus in Essen führten die Behörden am vergangenen Freitag ein Razzia gegen „Al-Salam 313“ durch.

          Gegen Clans und Rocker : Kriminelle Vielfalt

          Die irakisch-syrische Bande „Al-Salam 313“ soll unter anderem in Rauschgiftschmuggel und Waffenhandel verwickelt sein. Deshalb gehen die Behörden nun verstärkt gegen sie vor. Die Kontakte reichen bis zu kriminellen Clans.

          Ibiza-Affäre : Aufnahme läuft

          Zur Herkunft des Ibiza-Videos bringt das ZDF wieder das „Zentrum für politische Schönheit“ ins Spiel. Die Aktivistengruppe dementiert. Als Drahtzieher der für die FPÖ-Politiker Strache und Gudenus aufgestellten Video-Falle hat sich der Anwalt Ramin M. eindeutig bekannt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.