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Zu dick für Möbel : Passt nicht!

Der Stuhl entspricht den Normen, der Körper nicht. Bild: www.fotex.de

Der Stuhl zu schmal, das Bett zu schwach, die Dusche zu eng: Die Deutschen werden immer dicker. Doch Möbel, die sie tragen, sind ein heikles Thema.

          Wenn er wieder zu seinem Chef gerufen wird, überfällt Maximilian Sauter jedes Mal eine leichte Panik. Es ist nicht so, dass Sauter, der eigentlich anders heißt, Angst vor dem Gespräch hätte – mit seinem Vorgesetzten versteht er sich gut –, aber das Chefbüro macht ihm Sorgen, genauer gesagt, der Besucherstuhl: „Das ist so ein filigranes Teil mit zwei lederbespannten Armlehnen. Bestenfalls bleibe ich dazwischen stecken, schlimmstenfalls bricht der ganze Stuhl unter mir zusammen“, sagt Sauter.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die Vorstellung der peinlichen Situation, die dann entstehen würde, macht ihm solche Angst, dass er lieber nach einer Ausrede sucht und stehenbleibt. Bald geht sein Chef in Rente und mit ihm auch der verhasste Stuhl, hofft Sauter.

          Der öffentliche Raum wurde zu einer Herausforderung

          Doch solchen Situationen wird er auch in Zukunft nicht aus dem Weg gehen können. Immer wieder stellt er fest, dass seine Umwelt für einen Menschen wie ihn mit 180 Kilogramm Körpergewicht nicht ausgelegt ist: Bevor er ein Restaurant betritt, schaut er sich die Bestuhlung genau an. In manchen Hotels kann er nicht duschen, weil die Kabine zu eng ist. Bevor er ein Ferienhaus bucht, inspiziert er ganz genau die Bilder, um abschätzen zu können, ob Couch, Bett und Klobrille ihn wohl aushalten. Zu viele Treppenstufen auf einmal sind für ihn unbezwingbar. Doch auch Aufzüge haben ihre Tücken: Manchmal fährt ein öffentlicher Fahrstuhl nicht los, nachdem er ihn betreten hat. Maximale Belastung überschritten, obwohl nur drei Personen drinstehen. Ein Moment, in dem er am liebsten im Boden versinken möchte.

          Sein Zuhause hat er sich so eingerichtet, dass es ihn trägt: stabile Stühle, ein verstärktes Bettgestell, eine begehbare Dusche. Doch der öffentliche Raum wurde mit zunehmendem Gewicht immer mehr zu einer Herausforderung. Er beantwortet sie mit Rückzug, einer typischen Reaktion von sehr dicken Menschen. Anstatt ins Kino zu gehen, schaut er die Filme auf dem Computer. Auf den Restaurantbesuch verzichtet er und lässt sich Essen liefern.

          Wie schwere Menschen wohnen und leben, ist kaum erforscht. Zu den Themen „Wohnen im Alter“ oder „Wohnen mit Behinderung“ stößt man auf unzählige Studien, es gibt Initiativen, Lobbygruppen und Netzwerke, ganze Wirtschaftszweige sind dazu entstanden. Doch „Wohnen mit Adipositas“, wie Fettleibigkeit genannt wird, wenn der Körpermasseindex (BMI) einen Wert von 30 überschreitet, scheint kaum jemanden zu interessieren. Sowohl bei den Forschungsinstituten als auch bei der Möbelindustrie laufen Anfragen zum Thema ins Leere. „Uns ist kein deutsches Unternehmen bekannt, das sich auf diese Zielgruppe spezialisiert hat“, heißt es zum Beispiel beim Verband der Deutschen Möbelindustrie.

          Jeder fünfte Deutsche ist adipös

          Dabei werden die Deutschen immer schwerer. Jeder fünfte ist adipös, also stark übergewichtig. Etwa zwei Millionen Menschen sind sogar morbid adipös, so schwer, dass sie unter Begleiterkrankungen leiden – und sich im normalen Umfeld häufig nur noch eingeschränkt bewegen können. Dass das Thema die Betroffenen aber durchaus bewegt, zeigen auch Internetforen, in denen sich dicke Menschen miteinander austauschen.

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