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Generationenbeziehungen : Ein bisschen erwachsen

Gute Beziehungen zwischen Eltern und ihren erwachsenen Kindern sind nicht selbstverständlich. Bild: Isabel Klett

Junge Menschen zwischen 18 und 35 haben heute oft ein sehr enges Verhältnis zu ihren Eltern. Warum eigentlich, und: Ist das gut?

          Als ich die Zusage für meinen ersten richtigen Job bekam, habe ich erst mal meine Mutter angerufen. Danach meinen Vater und erst dann meinen Freund und meine beste Freundin. In diesem Jahr werde ich 30, und noch immer rufe ich, wenn es wichtig wird, zuerst meine Eltern an. Schließlich haben sie mehr Lebenserfahrung als ich, sie kennen mich am allerlängsten, freuen sich besonders, wenn mir etwas Gutes passiert – und profitieren am meisten davon, wenn ich mein eigenes Geld verdiene. Nur: Meine Eltern hätten in meinem Alter garantiert nicht zuerst meine Großeltern angerufen. Ist mein Verhalten also merkwürdig? Und: Mache nur ich das oder auch andere in meinem Alter?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Auf der Suche nach einer Antwort höre ich mich erst einmal im Bekanntenkreis um. Ich bin erleichtert, denn ich bin keine Ausnahme. Alle haben ziemlich konfliktfreie Beziehungen zu ihren Eltern, diese sind wichtige Ansprechpartner. Eine Freundin erzählt, jetzt, wo sie sich von ihrem Freund getrennt habe, fahre sie seit Jahren mal wieder mit den Eltern in den Urlaub. Eine andere Freundin hat seit ihrem Erasmus-Jahr 2010 eine Fernbeziehung. Neulich wurde ihr klar, sie zieht auch deshalb nicht zu ihrem Freund, weil sie sich nicht so recht von ihrer Mutter trennen will. Enkelkinder ohne Oma? Das wäre ihr zu traurig. Und ein befreundetes Paar, Anfang 30, mit einem dreijährigen Sohn, hat neulich bei einer Autopanne erst mal den Vater beziehungsweise den Schwiegervater angerufen.

          Niemandem ist es unangenehm, diese Episoden zu erzählen. Mein Eindruck: Sich gut mit seinen Eltern zu verstehen gilt heutzutage überhaupt nicht als uncool. Das gilt für junge Frauen wie für junge Männer und selbst für Musiker. Eines der bekanntesten Lieder der enorm erfolgreichen Deutschpopband AnnenMayKantereit handelt von der guten Beziehung des Sängers zu seinem Vater. „Du hast mich angezogen, ausgezogen, großgezogen“ und „Du bist zu Hause für immer und mich“, singt der 25 Jahre alte Henning May. Rio Reiser hingegen sang noch vor 35 Jahren: „Wenn ich nach Hause komme, sitzt da ein alter Typ, der meint, er ist mein Vater“, und: „Ich will nicht werden, was mein Alter ist.“ „Mein Alter“ statt „mein Vater“ oder „mein Papa“ zu sagen, das macht heute kein Mensch mehr. Es klingt veraltet, so wie „Bulle“ statt „Polizist“, was außer Linksextremen auch niemand unter 50 mehr sagt.

          „Ich finde es vorbildlich, wie meine Eltern mich erzogen haben“

          Ich mache mich auf die Suche nach Zahlen und Fakten und finde heraus: Mehr als die Hälfte der jungen Erwachsenen telefoniert mindestens ein Mal in der Woche mit den Eltern. Seit 1980 hat sich die Zahl der jungen Leute verdoppelt, die zwischen 18 und 25 noch zu Hause wohnen. Und zwischen 1985 und 2010 ist der Anteil der jungen Leute, die ihre Kinder so erziehen wollen, wie ihre Eltern sie selbst erzogen haben, von 50 auf 73 Prozent gestiegen.

          Zu diesen 73 Prozent gehört auch Rebecca Martin, 26 Jahre alt und Autorin des Romans „Nacktschnecken“. Sie sagt: „Meine Eltern haben mich immer erst mal machen lassen, waren aber auch nicht antiautoritär. Ich finde es vorbildlich, wie sie mich erzogen haben. Deshalb haben wir heute wahrscheinlich auch so ein gutes Verhältnis.“ Und weiter sagt sie: „Wir sprechen sehr viel miteinander, auch über Zukunftspläne und wichtige Entscheidungen. Und in vielen Punkten teilen wir unsere Sicht auf die Welt.“

          Ich habe Martin angerufen, weil sie einen Text geschrieben hat, der das Lebensgefühl meiner Generation ziemlich gut auf den Punkt bringt. Darin schreibt sie, mit Mitte 20 gehe sie kaum noch in Clubs, und eine der besten Partys sei der 60.Geburtstag ihres Vaters gewesen, wo mehrere Generationen zusammen im Wohnzimmer getanzt hätten. Und weiter: „Wir üben jetzt Existenzangst. Wir machen eine Art Testlauf fürs Erwachsenenleben. Falls uns am Ende des Monats das Geld ausgeht, können wir immer noch Mama fragen, ob wir zum Abendessen vorbeikommen dürfen.“

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