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Notfallhilfe : Wann sterben lassen, wann reanimieren?

  • -Aktualisiert am

Klaus Fußmann, Flaute (2009) Bild: Klaus Fußmann

Notärzte retten Leben. Das ist ein Glück. Oft ist es aber auch ein großes Unglück. Denn meistens wissen sie nur wenig über den Menschen vor ihnen – sehr zum Leid des Patienten und seiner Angehörigen.

          8 Min.

          Der Mann ist Mitte fünfzig und liegt im Wachkoma. Sein Körper besteht nur noch aus Knochen und grauer, rissiger Haut. Über einen Schlauch bekommt er flüssiges Essen. Spastische Krämpfe haben Beine, Arme und Hände für immer verkrümmt. Manchmal öffnet der Mann die Augen. Das ist die einzige Bewegung, die er macht. Der Blick ist starr, reagiert auf nichts. Niemand weiß, was in dem Mann vorgeht, was er wahrnimmt. Die Ärzte sagen, sicher sei nur, dass er körperlichen Schmerz empfinden könne. Tut ihm etwas weh, rinnen Tränen über sein Gesicht. Oder die Falte auf seiner Stirn wird tiefer. Wahrscheinlich kann er auch seelischen Schmerz empfinden. Manchmal weint er tagelang. Manchmal hat er Schweißausbrüche und scheint gestresst. Der Mann hat ein Loch im Hals. In dem Loch steckt eine Kanüle, durch die unablässig künstlicher Atem in ihn hineinfließt. Wem dient dieser Atem?

          Eigentlich wäre der Mann längst tot. An einem Morgen vor anderthalb Jahren blieb sein Herz zum ersten Mal stehen. Damals war der Mann noch Polizist, er brach während eines Sporttests einfach zusammen. Der Notarzt brauchte zwanzig Minuten, bis das Herz des Mannes wieder pumpte. Kurz darauf, im Krankenhaus, stand es erneut still. Der Mann wurde ein zweites Mal reanimiert. Dann untersuchten die Ärzte sein Gehirn. Bald wurde ihnen klar, dass der Mann, der einmal Polizist war, nicht mehr existierte. Nur noch seine Hülle. Das Gehirn war in den Minuten ohne Sauerstoff fast vollständig abgestorben. Einige Tage später blieb das Herz des Mannes wieder stehen. Auch diesmal ließen die Ärzte den Mann nicht gehen. Sie holten ihn zurück, und jetzt ist er immer noch da. Er lebt inzwischen in einem Pflegeheim.

          Die Schwester des Mannes erzählt das alles. Sie ist verzweifelt. Ihr Atem geht flach, ihr Gesicht brennt rot vor Elend und Sorge. Sie ist überzeugt, dass ihr Bruder lieber gestorben wäre, als so ein Leben zu führen; dass er jetzt leidet. Sie sagt, ihre Eltern gingen daran zugrunde, ihm nicht helfen zu können. „Immer öfter spielt meine Mutter mit dem Gedanken, ihn und sich selbst umzubringen.“ Sie kann ihre Mutter verstehen.

          Die Grenze der Reanimation

          Die Schwester hat die Ärzte damals gefragt, warum sie den Bruder reanimierten, obwohl sie wussten, dass sein Gehirn fast nurmehr aus abgestorbenen Zellen bestand. „Weil Sie und Ihre Eltern noch nicht bereit waren für seinen Tod“, sollen die Ärzte geantwortet haben. Man kann sie nicht mehr fragen, ob das stimmt. Sie arbeiten nicht mehr in dem Krankenhaus. Aber es geht nicht nur um diese bestimmten Ärzte und diesen bestimmten Mann, sondern um die Grenze, auf der die Ärzte und der Mann sich trafen, auf der jeden Tag Ärzte und Menschen zusammentreffen. Es ist die Grenze der Reanimation. Sie lässt sich am besten mit einer Frage beschreiben: Ab wann soll ein Arzt einen Menschen nicht mehr reanimieren, sondern sterben lassen?

          Die Grenze existiert tatsächlich, schwarz auf weiß: Im Gesetz steht, dass ein Arzt einen Patienten nur behandeln darf, wenn es sinnvoll ist und der Patient damit einverstanden ist. Das Gesetz gilt für jeden ärztlichen Eingriff, auch für die Reanimation. Sie muss Sinn machen. Sie macht zum Beispiel keinen Sinn bei einem Menschen, der im Sterben liegt, weil er sehr alt und schwer krank ist. Oder bei einem Menschen, von dem man weiß, dass er nur in totalem Schweigen und in totaler Abhängigkeit weiterleben wird, weil sein Gehirn bereits zerstört ist. Anders gesagt: Verlängert die Reanimation bloß das Sterben oder das Leiden, ist sie verboten. Das ist die Grenze. Sie ist nicht nur im Gesetzbuch festgeschrieben, sondern seit kurzem auch in den „Richtlinien zur Reanimation“, die von Ärzten aus ganz Europa alle paar Jahre neu erarbeitet werden.

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