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Twitter-Sturm in England : Ist die muslimische Frau traditionell unterwürfig?

  • -Aktualisiert am

Traditionell unterwürfig? Junge Musliminnen beim Shoppen in London Bild: AP

In Großbritannien veröffentlichen zehntausende Frauen auf Twitter Selfies zum Stichwort „traditionelle Unterwürfigkeit“. Was sich nach „Fifty Shades of Grey“ anhört, ist am Ende aber ein Graswurzel-Protest gegen Premierminister Cameron.

          Warum werden aus jungen Muslimen radikale Islamisten? Der britischen Premier David Cameron hat nach einem Bericht der Zeitung  „Daily Telegraph“ einen wichtigen Grund dafür ausgemacht: „die traditionelle Unterwürfigkeit muslimischer Frauen“. Die nämlich hindere sie daran, ihre Stimme zu erheben, wenn es darum geht, gegen den Einfluss radikaler Imame aufzubegehren.

          Die Zeitung zitiert Cameron nicht direkt, sondern ein privates Gespräch mit einem ungenannten Regierungsmitarbeiter. Trotzdem hat der  Ausdruck „traditionell unterwürfig“ in Großbritannien für Aufruhr gesorgt:  

          Viele der britischen Musliminnen schienen mit dem Etikett nicht allzu viel anfangen zu können. Unter dem Twitter-Schlagwort #TraditionallySubmissive („traditionell unterwürfig“) posteten sie aus ihrer Sicht, teils mit einem gesunden Stück Sarkasmus:

          Erfunden hat den Hashtag Shelina Janmohamed. Die britische Autorin und Bloggerin – die von der „Times“ 2009 zu den 100 einflussreichsten muslimischen Frauen Großbritanniens gezählt wurde – hat in ihrem Buch „Love in a Headscarf“ (auf Deutsch als „Küss mich, Kismet“) beschrieben, wie sie auf „muslimisch korrektem“ Weg die große Liebe gefunden hat. Dass Tradition nicht Hand in Hand mit Unterwürfigkeit geht, ist also so etwas wie das Lebensthema des 41 Jahre alten Muslimin.

          „‚Traditionell unterwürfig‘ ist keine Beschreibung, die zu den muslimischen Frauen passt, die ich kenne. Und als  Schriftstellerin hatte ich keine Angst, das auch so zu sagen“, sagt Janmohamed. Auch sie antwortete Cameron auf sarkastische Art, denn: „Das ist ja ein sehr britischer Wert. Und uns Muslimen wird ja immer gesagt, wir sollten ‚britischer‘ werden. Also, bitte! “

          Auch wenn Cameron sich möglicherweise in dem privaten Gespräch so nicht ausgedrückt hat, fügt sich die Aussage in seinen öffentlichen Duktus. Am Montag kündigte er an, Englischunterricht für muslimische Frauen fördern zu wollen, um Extremismus zu bekämpfen. Nach Angabe der britischen Regierung sprechen 22 Prozent der muslimischen Frauen, die in England leben, die Landessprache schlecht oder überhaupt nicht. Es gebe zwar keine „kausale Verbindung“, sagte Cameron. Wenn die Musliminnen aber englisch sprächen, seien sie „widerstandsfähiger“ gegen Extremismus.

          Für spezielle Sprachkurse will Cameron umgerechnet 26 Millionen Euro zur Verfügung stellen. Janmohamed hält von der Initiative nicht viel. Denn Cameron habe die Unterstützung für Englischkurse für Migranten gekürzt und nun speziell für muslimische Frauen eingeführt.

          So sieht es auch die Londoner Ärztin und politische Aktivistin Sukaina Hirji. „Hätte der der Premierminister verpflichtende Englisch-Kurse für alle neuankommenden Ausländer angekündigt, hätte ich das sehr unterstützt“, sagt die 35 Jahre alte Muslimin. „Aber sich die muslimischen Frauen herauszugreifen, und so zu tun, als müssten vor allem sie Englisch lernen, und das mit der Frage der Radikalisierung zu vermischen, ist meiner Ansicht nach gefährlich und spaltet die Gesellschaft.“

          Hirji war es, die aus den ersten trotzigen Tweets eine Internetkampagne machte. Auf Ihrer Facebook-Seite rief sie zu einem „Twitter-Sturm“ auf. Am Sonntagnachmittag sollte die Muslimen zu Janmohameds Schlagwort Selfies posten. Seit diesem Zeitpunkt haben sich zehntausende Musliminnen aller Altersgruppen und Gesellschaftsschichten daran beteiligt:

          Auch Männer und Nicht-Muslime beteiligten sich mit aufmunternden Kommentaren und durch Weiterleitungen. Wie etwa Harry-Potter Autorin J. K. Rowling, die einige der Tweets an ihre fast 6,6 Millionen Follower schickte. Viele der Twitterer spielten besonders auf Camerons Aussagen an:

          Cameron selbst hat sich bisher nicht zu der Kampagne geäußert. Mittlerweile haben aber so viele Twitter-Nutzer Tweets an den Account des Poltikers geschickt hatten, dass der die Aktion nicht übersehen haben kann. Das ist es, was Hirji erreichen wollte, sagt sie. „Ich wollte, dass der Premierminister bemerkt, wie verschieden wir muslimische Frauen sind. Von unseren Hintergründen, Talenten und Rollen. Und sicher nicht traditionell unterwürfig.“

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