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Interview mit Senta Berger : „Meine Söhne haben nichts ausgelassen“

„Du bist die Mutter, und du bleibst die Mutter“: Ein Satz, den Senta Berger, wenn sie an ihren Kindern verzweifelte, oft gehört hat – von ihrer eigenen Mutter. Bild: Gierke, Dominik

Die deutsche Schauspielerin Senta Berger im Gespräch über die „Häschenschule“, Pubertät bei Jungs und ihre glückliche Kindheit in der Nachkriegszeit in den fünfziger Jahren.

          Frau Berger, wie synchronisiert man ein Häschen?

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ich habe sehr oft Catherine Deneuve synchronisiert, und das ist schon ungewöhnlich, weil die Französinnen wahnsinnig schnell sprechen und unheimlich viele kleine Worte in einem Satz unterbringen. Dieses Mal ist es auch nicht einfach gewesen, denn man synchronisiert zunächst auf Zeichnungen, die noch gar nicht fertig sind. Die Figuren haben Buchstaben. Erst danach wird der eigentliche Film gezeichnet, animiert und noch einmal im Studio synchronisiert.

          Sie spielen sonst Hauptrollen, jetzt sind Sie die Stimme in dem Kinderfilm „Die Häschenschule“, der ab 16. März in den deutschen Kinos anläuft. Was war Ihre Motivation?

          Als ich das Angebot bekam, war ich zunächst nicht wirklich überzeugt von der Art der Umsetzung. Als ich es aber meinem sechs Jahre alten Enkelkind erzählte, sagte er: Oh ja, das fände er gut, weil dann die Stimme von mir immer dabliebe. Das hielt ich für ein gutes Argument.

          Die Verfilmung der „Häschenschule“ hat nur noch am Rande mit dem Buch zu tun. Sie spielt in der heutigen Zeit, es geht um Rapper, Yoga und den Gegensatz von Stadt und Land.

          Das alte Häschenbuch geht sehr stark auf die damaligen pädagogischen Regeln und Vorsätze zurück. Das ist im Film jetzt anders, aber der Teamgeist, dass man zusammenhalten muss, dass man keine Vorurteile haben darf, das alles ist erhalten geblieben.

          In dem Film „Die Häschenschule - Jagd nach dem goldenen Ei“, der auf dem Kinderbuchklassiker von 1924 basiert, synchronisiert die Schauspielerin Senta Berger die Lehrerin Madame Hermine.

          Haben Sie als Kind die „Häschenschule“ gelesen?

          Ich bin während des Krieges geboren, und damals wurden die Bücher untereinander immer weitergereicht. Da ich die Jüngste in der sehr weitverzweigten Familie war, habe ich immer zuletzt die Märchenbücher meiner älteren Cousinen und Cousins bekommen und darunter eben auch eine vollkommen zerfledderte Häschenschule. Ich konnte damals noch nicht lesen, aber die Illustrationen dieser Häschenwelt haben mich vollkommen gefangengenommen.

          Hat Ihre Mutter Ihnen daraus vorgelesen?

          Wir sind im letzten Kriegsjahr sehr oft im Luftschutzkeller gewesen. Wenn die Kinder dort angefangen haben zu weinen, wurden die Leute richtig hysterisch. Meine Mutter hat mir und anderen Kindern vorgelesen und Fingerspiele gemacht. Wegen dieser außergewöhnlichen Situation habe ich auch so eine Bindung zu diesem Buch. Ich habe mir bis heute die letzte Zeile gemerkt: „Und wäre ich kein Kindelein, möcht ich gleich ein Häschen sein.“

          Sie haben Ihre Kindheit immer als sehr glücklich beschrieben, obwohl Sie in einfachen Verhältnissen gelebt haben. Woran lag das?

          Weil ich diese sehr phantasievolle Mutter hatte. Ich war das spät geborene, lang ersehnte Kind, damals war man mit 39 Jahren fast zu alt, um noch schwanger zu werden, mein Vater war 40. Und trotzdem war meine Mutter immer die Schnellste, wenn es ums Wettlaufen ging. Als Kind-Mutter war sie wunderbar. Ich durfte immer Freunde mit nach Hause bringen. Und wir durften mit Tüchern die Lampen verhängen, Harem spielen, Zelte aufbauen, und der Wüstensand war aus Zucker. Meine Mutter hat alles geschehen lassen und sogar gefördert.

          Sie war also nicht so streng wie viele Mütter in dieser Zeit?

          Gar nicht, sie hat mich gelassen. Ich habe ihr später allerdings sehr viel Kummer machen müssen, weil sie die Pubertät nicht verstanden hat. Sie selbst hatte nämlich keine. Als ihre Mutter verstorben war, hat sie an demselben Tag ihre Schultasche in die Ecke gestellt und begonnen, den Haushalt zu führen. Da hatte sie keine Zeit für die Pubertät.

          Wie sah denn Ihre Pubertät in den fünfziger Jahren aus?

          In den Kaffeehäusern von Wien konnte man damals für sehr wenig Geld ein Himbeer-Soda trinken, wir nennen das Kracherl, weil es so platzt. Und dazu konnte man stundenlang, ohne dass man schief angesehen wurde, Illustrierte anschauen, „Film und Frau“, die „Filmrevue“ oder die „Constanze“. Damals war die blutjunge Sofia Loren auf allen Titelblättern, und genauso wollte ich aussehen. Also habe ich mir meinen Rollkragenpullover mit der Papierschere ausgeschnitten, damit er über den Schultern hängt, wie bei Sofia Loren auf den Fotos. Aber als ich damit meine Mutter von der Arbeit abholte, war sie so entsetzt und auch verletzt, dass sie sagte: „Du gehst zwei Schritte hinter mir oder zwei Schritte vor mir, aber nicht neben mir.“ Da habe ich wirklich geschluckt.

          Sind Ihre Kinder auch mit der „Häschenschule“ aufgewachsen?

          Ich habe sie ihnen vorgelesen, aber sie haben keine großartige Bindung zu dem Buch gehabt. Sie waren auch Kinder ihrer Zeit. Die haben Tomi Ungerer geliebt, weil die Kinder bei ihm alles machen dürfen und immer recht haben.

          Hat man Bücher wie die „Häschenschule“ in den 70ern nicht ohnehin als reaktionär empfunden?

          Absolut, um so mehr habe ich daran festgehalten. Ich habe meinen Kindern gesagt, dass es ein Dokument vergangener Zeit ist. Ansonsten lasen sie Sachen wie den „Anti-Struwwelpeter“, in dem Kinder einen Polizisten umringen und sagen: „Schau doch mal in den Himmel und zeig uns deinen Pimmel.“ Heute sagen meine Kinder: Mein Gott, ihr musstet ja alles Antiautoritäre mitmachen. Ich sage dann immer: Es hat euch nicht geschadet.

          Sind Sie selbst noch davon überzeugt?

          Ich wäre auch zu einer anderen Art der Erziehung nicht imstande gewesen. Das war nicht nur ein Zeitphänomen, das erschien mir vernünftig. Ich fand es immer besser, die Kinder wachsen zu lassen. Und dass man etwas von sich weitergibt, das sie prägt, indem man auf bestimmte Weise miteinander umgeht oder miteinander redet.

          Heute wollen Eltern alles richtig machen und lesen Ratgeber.

          Die Zeiten sind aber auch so. Wir leben in einer ausgesprochen technokratischen, materiellen Zeit, das ist der Gegenschlag zu der märchenhaften phantasievollen Welt, die wir in den siebziger Jahren unseren Kindern bieten wollten. Ich habe gerade Filme gesehen von unseren Kindern, als sie klein waren. Natürlich laufen sie da im Garten nackt herum. Es hat sich vieles verändert, ein gewisser Druck ist vermutlich stärker geworden.

          Gleichzeitig ist unter Eltern die „Häschenschule“ populärer denn je. Weil es eine heile Welt ist?

          Die Häschenschule spielt diese Idylle aber nur vor. Man denkt, das war die gute alte Zeit. Aber mein Großvater hat damals wegen Tuberkulose Blut gespuckt und seine Kinder angesteckt. Und meine Großmutter, die ich nie kennengelernt habe, ist an einer Abtreibung gestorben.

          Waren Sie gewappnet, als Ihre Söhne in die Pubertät kamen?

          Nein, die Pubertät meiner Kinder hat mich deshalb so überrascht, weil ich meine auch gar nicht so empfunden hatte. Es gab ja damals noch nicht diese Jugendkultur, und wir waren noch nicht der Verkaufsschlager für die Konzerne.

          Jungs werden in der Pubertät meistens schweigsam oder machen sonst irgendeinen Quatsch. Wie war das bei Ihren Söhnen?

          Sonst irgendeinen Quatsch, das trifft es schon ganz gut. Ich glaube, sie haben nichts ausgelassen. Sie haben mir lange viel erzählt und tun das erstaunlicherweise immer noch. Ich stand bei ihnen aber sehr in der Kritik, und der Ton war erstaunlich brutal, mir gegenüber noch mehr als gegenüber meinem Mann. Da war auch ein bisschen Rache dabei, Rache, dass ich ihre Mutter bin und dass sie sich von mir lösen müssen. Sie gaben mir das Gefühl, dass ich dafür verantwortlich bin. Erwachsenwerden ist ein furchtbarer Prozess, gerade für junge Männer.

          Wie hielten Sie das aus?

          Meine Mutter lebte damals im Haus bei uns. Wenn ich sagte: „Ich kann nicht mehr, ich will auch nicht mehr, es ist jetzt aus“, dann sagte sie immer zwei Sätze: „Aber geh, Senta, du warst doch viel schlimmer als die.“ Das war sehr tröstlich. Und das andere, was sie sagte, war immer: „Du bist die Mutter, und du bleibst die Mutter.“ Das ist ja auch so, man kann sich nicht davonstehlen.

          War Ihr Ehemann Michael Verhoeven der Strengere von Ihnen beiden?

          Er wäre es gerne gewesen, glaube ich. Er wurde selbst von seinen Eltern sehr streng erzogen, dafür hatte er eine Kinderfrau, die so liebevoll war, dass er heute noch ganz glänzende Augen bekommt, wenn er von der Gunda erzählt. Wenn wir überhaupt Auseinandersetzungen in der Ehe gehabt haben, dann war eines der Themen die Kindererziehung, wobei ich immer sehr optimistisch war und gesagt habe: Lass doch, warte doch, das kommt schon. Es kam auch vor, dass ich ein Verbot nicht durchgehalten oder es umgangen habe, was natürlich schlecht ist, aber die Kinder haben mir oft so leid getan.

          Wann war das zum Beispiel?

          Luca sollte mit 14 mal ins Internat, und das hat mir schon das Herz gebrochen. Und nach drei Monaten sagte er zu mir: „Mama, mein Leben ist zu Ende in dem Internat. Ich habe gar nichts Schönes mehr.“ Da habe ich angefangen zu heulen und sofort gesagt: „Ich rede mit dem Papa.“ Wir haben ihn dann rausgenommen und in seine alte Schule zurückgeschickt. Das war natürlich ein Fehler: Ein Jahr später ist er aus der Schule geflogen.

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          Haben Sie ihm das übel genommen?

          Nein. Das Interessante ist, meine Kinder waren, wenn ich nicht da war, loyaler, als wenn ich da war. Wenn ich da war, habe ich ja gar nicht gemerkt, dass sie die Schule schwänzen, denn sie sind ja morgens weggegangen, und mittags sind sie wiedergekommen. Wenn ich gedreht habe, gingen sie in die Schule, da waren sie ganz loyal. Weil sie gewusst haben, Mama hat jetzt keine Zeit, die kann sich nicht aufregen.

          Was war ein Leitfaden in Ihrer Erziehung?

          Fairness war uns sehr wichtig. Es gibt ja den Satz von George Tabori: Jeder ist jemand. Das ist der Satz, um den es geht, immer. Auch wenn ein 14-Jähriger nach Hause kommt und sagt: „Ich kann mit dieser Mathematiklehrerin nicht leben, dann soll sie mir eine 5 geben.“ „Moment mal, du kennst sie ja gar nicht.“ „Mama, sie ist furchtbar.“ „Jetzt überleg mal...“ Da kannst du schon anfangen, „Jeder ist jemand“ zu lehren.

          Immerhin haben Sie heute zu Ihren Söhnen ein gutes Verhältnis.

          Ich kann das gar nicht in das Wort „Verhältnis“ reinpressen. Man kann sagen, es ist eine große Liebe zwischen uns.

          Die Fragen stellte Anke Schipp.

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