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Interview mit Senta Berger : „Meine Söhne haben nichts ausgelassen“

Wie sah denn Ihre Pubertät in den fünfziger Jahren aus?

In den Kaffeehäusern von Wien konnte man damals für sehr wenig Geld ein Himbeer-Soda trinken, wir nennen das Kracherl, weil es so platzt. Und dazu konnte man stundenlang, ohne dass man schief angesehen wurde, Illustrierte anschauen, „Film und Frau“, die „Filmrevue“ oder die „Constanze“. Damals war die blutjunge Sofia Loren auf allen Titelblättern, und genauso wollte ich aussehen. Also habe ich mir meinen Rollkragenpullover mit der Papierschere ausgeschnitten, damit er über den Schultern hängt, wie bei Sofia Loren auf den Fotos. Aber als ich damit meine Mutter von der Arbeit abholte, war sie so entsetzt und auch verletzt, dass sie sagte: „Du gehst zwei Schritte hinter mir oder zwei Schritte vor mir, aber nicht neben mir.“ Da habe ich wirklich geschluckt.

Sind Ihre Kinder auch mit der „Häschenschule“ aufgewachsen?

Ich habe sie ihnen vorgelesen, aber sie haben keine großartige Bindung zu dem Buch gehabt. Sie waren auch Kinder ihrer Zeit. Die haben Tomi Ungerer geliebt, weil die Kinder bei ihm alles machen dürfen und immer recht haben.

Hat man Bücher wie die „Häschenschule“ in den 70ern nicht ohnehin als reaktionär empfunden?

Absolut, um so mehr habe ich daran festgehalten. Ich habe meinen Kindern gesagt, dass es ein Dokument vergangener Zeit ist. Ansonsten lasen sie Sachen wie den „Anti-Struwwelpeter“, in dem Kinder einen Polizisten umringen und sagen: „Schau doch mal in den Himmel und zeig uns deinen Pimmel.“ Heute sagen meine Kinder: Mein Gott, ihr musstet ja alles Antiautoritäre mitmachen. Ich sage dann immer: Es hat euch nicht geschadet.

Sind Sie selbst noch davon überzeugt?

Ich wäre auch zu einer anderen Art der Erziehung nicht imstande gewesen. Das war nicht nur ein Zeitphänomen, das erschien mir vernünftig. Ich fand es immer besser, die Kinder wachsen zu lassen. Und dass man etwas von sich weitergibt, das sie prägt, indem man auf bestimmte Weise miteinander umgeht oder miteinander redet.

Heute wollen Eltern alles richtig machen und lesen Ratgeber.

Die Zeiten sind aber auch so. Wir leben in einer ausgesprochen technokratischen, materiellen Zeit, das ist der Gegenschlag zu der märchenhaften phantasievollen Welt, die wir in den siebziger Jahren unseren Kindern bieten wollten. Ich habe gerade Filme gesehen von unseren Kindern, als sie klein waren. Natürlich laufen sie da im Garten nackt herum. Es hat sich vieles verändert, ein gewisser Druck ist vermutlich stärker geworden.

Gleichzeitig ist unter Eltern die „Häschenschule“ populärer denn je. Weil es eine heile Welt ist?

Die Häschenschule spielt diese Idylle aber nur vor. Man denkt, das war die gute alte Zeit. Aber mein Großvater hat damals wegen Tuberkulose Blut gespuckt und seine Kinder angesteckt. Und meine Großmutter, die ich nie kennengelernt habe, ist an einer Abtreibung gestorben.

Waren Sie gewappnet, als Ihre Söhne in die Pubertät kamen?

Nein, die Pubertät meiner Kinder hat mich deshalb so überrascht, weil ich meine auch gar nicht so empfunden hatte. Es gab ja damals noch nicht diese Jugendkultur, und wir waren noch nicht der Verkaufsschlager für die Konzerne.

Jungs werden in der Pubertät meistens schweigsam oder machen sonst irgendeinen Quatsch. Wie war das bei Ihren Söhnen?

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