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Schauspieler Trystan Pütter : „Moria ist ein Mahnmal“

Flüchtlinge auf Lesbos, aufgenommen von Schauspieler Trystan Pütter Bild: Trystan Pütter

Der Schauspieler Trystan Pütter ist nach Lesbos gereist, um sich ein eigenes Bild von der Lage der Flüchtlinge zu machen. Im Interview spricht er über die Lage vor Ort und wie ihn die Reise verändert hat.

          4 Min.

          Herr Pütter, warum waren Sie vergangene Woche auf Lesbos? Dreharbeiten? Katastrophentourismus?

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Das Wort „Katastrophentourismus“ finde ich in diesem Zusammenhang zynisch. Die Lage auf Lesbos und den griechischen Inseln bewegt mich schon lange. Aber wenn ich auf dem Handy Nachrichten lese oder auf Instagram Bilder nach unten streiche, hat alles dieselbe ferne Qualität: Jemand macht Urlaub, ich sehe Polizisten, die Tränengas in Zelte von Kindern schießen, und danach hat wieder jemand einen neuen Film. Die Brände in Moria haben das für mich unterbrochen. Ich hatte das Gefühl, das kann nicht so abstrakt bleiben, ich muss etwas tun.

          Mit Ihrem Kollegen Volker Bruch haben Sie schon im Sommer die Spendenkampagne „Los für Lesbos“ ins Leben gerufen und mehr als eine halbe Million Euro gesammelt.

          Ja. Moria war schon vor dem Brand ein unmenschlicher Ort, der evakuiert gehört hätte. Mit der Kampagne wollten wir Organisationen unterstützen, die speziell in diesem Unheilscamp wirken. Insofern war ich auf Lesbos auch im Gespräch mit der Kampagne #LeaveNoOneBehind, um zu sehen, wo kommt unser Geld an. Aber diese Reise ist aus mir entstanden. Ich habe mir einen Flug gebucht, eine kleine Pension gemietet und war eine Woche da.

          Sie haben das privat finanziert?

          Ja.

          Trystan Pütter hat mit seinem Kollegen Volker Bruch im Sommer die Spendenkampagne „Los für Lesbos“ ins Leben gerufen.
          Trystan Pütter hat mit seinem Kollegen Volker Bruch im Sommer die Spendenkampagne „Los für Lesbos“ ins Leben gerufen. : Bild: action press

          Wie sieht es denn jetzt in dem abgebrannten Flüchtlingslager aus?

          Moria ist ein Schreckensort. Menschenleer, eine Brandhölle. Es ist riesig groß, in einem Tal gelegen, Sie sehen nur verkohlte Hütten. Wie in einem Horrorfilm. Dort zu stehen – kaum jemand weit und breit, ein paar Leute suchen sich aus den Hütten die letzten verwendbaren Dinge und ziehen sie hinter sich die Straße entlang Richtung neues Camp – hat mich unfassbar erschüttert.

          Was heißt das?

          Es fällt mir immer noch schwer, darüber zu sprechen, weil mich das tiefer getroffen hat, als ich es mir je hätte vorstellen können. Der Ort ist wie so ein Mahnmal. Ein Brandfleck in unserer Geschichte. Und ich stand da – und konnte damit nicht umgehen. Mit diesen Tausenden Schicksalen, die ich mir vorgestellt habe. Wie es sich anfühlen mag, wenn man seine Heimat verlassen musste, wenn man alles aufgegeben hat, sich an einem Unrechtsort wie Moria einen winzigen Raum mit seinen letzten Habseligkeiten geschaffen hat. Und das verliert man in einem Feuer, in dem man seine Kinder schnappt und einfach nur wegrennt. Diese Panik spürt man noch. Moria lässt einen erzittern.

          Wie sind die Lebensbedingungen in dem neu errichteten Lager?

          Furchtbar. Das hat nichts mit Menschlichkeit zu tun. Allein der Ort: ein ehemaliges Militärgelände, auf dem Soldaten mit Metalldetektoren nach Munitionsresten suchen. Der Boden ist sicherlich komplett vergiftet. Und da rennen überall Kinder rum. 4000 Kinder leben an diesem Ort. Das Lager ist auf einer Seite begrenzt durchs Meer, drumherum in einer Art Dreieck sind meterhohe Zäune. Überhaupt ist Nato-Draht ein Hauptelement auch innerhalb des Lagers. Es ist extrem heiß, es gibt keinerlei Schutz vor Sonne; auch dem Wind, der reinpeitscht, ist man ausgeliefert. Dazu Staub, gelber Staub, der sich auf alles legt, auf die Zelte, die Menschen, die Polizeiwagen.

          Und die Menschen?

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