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Truckerin Tamara Raab : Mit dem Vierzigtonner für die Tiere

  • -Aktualisiert am

Aufgeräumt im Führerhaus: Tamara Raab am Start zur nächsten Fahrt, der Schlüssel steckt, und Püppi, ihr Hund, ist wie immer mit dabei. Bild: Michael Kretzer

Tamara Raab hat ihre eigene Art von Tierschutz entwickelt. Die Lastwagenfahrerin ist mit Futtertransporten auf Europas Autobahnen unterwegs.

          Ein Wohnzimmer hat ordentlich zu sein. Immer. Für Tamara Raab gibt es da keine Diskussion. Erst recht nicht, wenn es sich bei dem Wohnzimmer um das Führerhaus eines Vierzigtonners handelt. „Ich kann es nicht haben, wie es bei manchen Kollegen aussieht“, sagt Raab und klettert in die Fahrerkabine des Brummis, wo sich Topfpflanzen, Laptop und Kaffeemaschine entlang der Frontscheibe aufreihen. Dass sie Lastwagenfahrerin ist, sieht man der zierlichen Frau mit den blondierten Haaren nicht an. Ihren Mitstreiterinnen will sie sich nicht annähern, sagt sie, die hätten sich „optisch an den Männerberuf angepasst.“ Raab trägt immer schwarz. Damit es ordentlich aussieht, wenn sie beim Kunden ihre Fracht abliefert, sagt sie. Soviel Respekt gegenüber dem Kunden gehört sich, findet sie.

          Rund 17 Meter lang ist der Brummi, den „Tammy“ lenkt, wenn sie für die Spedition JAS mit Sitz in Mörfelden-Walldorf unterwegs ist. Dass sie einen Lastwagenführerschein machen will, wusste sie schon mit elf, sagt die heute Sechsundvierzigjährige. „Damals stand ich auf einer Autobahnbrücke, sah die Lastwagen unter mir vorbeiziehen und beschloss, dass will ich auch machen.“ Sie macht den Führerschein und heuert bei einer Spedition an. In den Achtzigern hätten sich nur wenige Frauen in die Fahrerkabine des Brummis getraut. „Besonders international, da waren vielleicht knapp ein Dutzend unterwegs“, sagt Raab. Bis heute seien es im Fernverkehr kaum mehr geworden. „Wenn es heute hundert sind, sind es viel. Aber von zwölf auf 100 in 20 Jahren, das ist doch erschreckend wenig.“

          Sieben Jahre ist Tammy im Lastwagen auf Achse, danach landet der Führerschein erst einmal in der Schublade. Es wird Zeit für einen Richtungswechsel. Die nächsten zehn Jahre wird Tammy diverse berufliche und privaten Abzweigungen nehmen: Sie wird Flugbegleiterin, bekommt von einem Fluggast gesagt, der Job passe nicht zu ihr, sie solle sich lieber bei seiner Firma bewerben. Sie tut es und wird Eventmanagerin bei einem Telekommunikationsunternehmen. Schließlich hat sie von Deutschland genug, packt die Koffer und will nach Ägypten. „Ich habe meine Sachen gepackt, als ob ich für immer gehe, habe mir aber eine Deadline gesetzt: Wenn ich innerhalb einer Woche keinen Job habe, gehe ich zurück nach Deutschland.“ Knappe drei Stunden nach der Landung sind die ersten Bewerbungen verteilt, kurze Zeit später unterschreibt sie den neuen Arbeitsvertrag. Ein Jahr bleibt sie in Ägypten, aber als sie von der Krebserkrankung ihres früheren Ehemannes erfährt, beschließt sie nach Deutschland zurückzugehen um ihn zu pflegen. Eine neue Verdienstmöglichkeit muss her. Der Lastwagenführerschein fällt ihr wieder ein. Zehn Jahre nachdem sie das letzte Mal hinterm Steuer saß, fängt sie bei einer Spedition in Luxemburg an. Lange gut geht es nicht. „Die haben mich um meinen Lohn geprellt.“ Schließlich versucht sie es bei JAS. Dass es dort zum Zeitpunkt ihrer Bewerbung noch gar keine Lastwagenflotte gibt, stört niemanden. Sie bekommt den Job.

          Von der LKW-Fahrerin zur Tierschützerin

          Inzwischen ist Tammy nicht nur für die Spedition, sondern auch für den Tierschutz unterwegs. Als Raab einige Tierschützer kennenlernt und erfährt, wie schwierig es ist, als kleine Organisation etwas zu bewirken, beschließt sie zu helfen. „Da ist mir eingefallen, ich hab doch noch den LKW.“ Sie findet sich bereit, Futtertransporte zu fahren.

          Die erste Tour führt nach Kroatien. Im Winter 2011 rollt Tammy mit einem Lastwagen voller Tiernahrung in Richtung Zadar, um sie an ein Tierasyl zu liefern. Chef Jens Vinson und Geschäftsführer Thorsten N. Kern unterstützen die Fahrt für die gute Sache. Die Spedition übernimmt sämtliche Fahrtkosten. Auch wenn sich die Einreise zunächst als schwierig erweist, die Fracht kommt an und die nächste Hilfsaktion ist beschlossene Sache.

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