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„Traumschiff“-Kapitän : Stolpersteine bei der Namensfindung

Mit neuem Kompass-Tattoo: Florian Silbereisen freut sich auf die Ferne. Bild: BrauerPhotos/BMC

Sich für Fernsehfiguren Namen auszudenken birgt Fallstricke. Darf der neue „Traumschiff“-Kapitän so heißen wie ein Seefahrer der deutschen Kolonialzeit?

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          In seinem neuen Job als Kapitän des „Traumschiffs“ gilt Florian Silbereisen manchen als Fehlbesetzung: Vom singenden, musizierenden Showmaster zur sturmfesten Autorität an Deck, diesen Wandel trauen sie ihm schlicht nicht zu. Immerhin verzichtet das ZDF darauf, aus dem Niederbayern Silbereisen ein Nordlicht zu machen. Während frühere „Traumschiff“-Kapitäne maritim angehauchte Namen wie Jens Braske, Heinz Hansen oder Jakob Paulsen trugen, wird Silbereisen als Kapitän Max Prager geographisch nicht eindeutig zu verorten sein; bei seinem direkten Vorgänger Sascha Hehn, der in der Serie Victor Burger hieß, war das ähnlich.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie Film- und Fernsehfiguren zu ihren Namen kommen, das stellt man sich als bisweilen faszinierenden Prozess vor. Was etwa mag einst Herbert Reinecker bewogen haben, eine Serienfigur, die für Jahrzehnte zum berühmtesten deutschen Polizisten im In- und Ausland werden sollte, nach dem englischen und französischen Wort für Bohrturm zu benennen, nämlich Derrick? Hatte er dabei die imposante Statur des Darstellers Horst Tappert im Sinn oder die Eigenart des Oberinspektors, stets hartnäckig nachzubohren?

          Noch erstaunlicher ist die vor allem in den Neunzigern ausgelebte Neigung deutscher Autoren, ansonsten völlig ernstzunehmende Frauenfiguren mit albern alliterierenden Rollennamen zu versehen, von Rosa Roth bis Bella Block. Ein Schicksal, an dem Axel Prahl im „Tatort“ knapp vorbeischrammte, weil er die ersten Vorschläge Timo Thieme und Leo Lenz zurückwies; heute schmückt seinen Münsteraner Kommissar mit Frank Thiel ein Allerweltsname. Kalauer gibt es in Münster auch so noch genug.

          An Bord des „Traumschiffs“ war Florian Silbereisen schon im Jahr 2017 einmal.

          Ebenfalls eine schwerere Geburt war die Taufe des „Tatort“-Ermittlers, den Til Schweiger spielt. Ursprünglich sollte dieser Mann Nick Tschauder heißen, was der Darsteller nach ein wenig Bedenkzeit jedoch tschauderhaft fand – schließlich ist sein Charakter keiner, der lang tschaudert, sondern einer, der tschnell zutschlägt. Als Nick Tschiller kommt Schweiger nun deutlich gechillter rüber. Zum Alliterationsopfer wiederum war er schon 2001 geworden, als man ihm für den Stallone-Film „Driven“ den unvergesslichen Namen Beau Brandenburg verpasste.

          Von keinem hiesigen Standesamt durchgewinkt würde wiederum die Galerie weiblicher Figuren aus James-Bond-Filmen: Honey Rider, Pussy Galore, Strawberry Fields, Christmas Jones. Letztere immerhin trägt einen Doktortitel.

          Zwischen Hommage und kultureller Aneignung

          Auf seltsame Abwege bei der Namensfindung für ihre „Tatort“-Kommissarin begab sich vor einigen Jahren die Schauspielerin Margarita Broich: Inspiriert durch einen der sogenannten Stolpersteine, wollte sie ihre Figur nach dem jüdischen Holocaust-Opfer Selma Jacobi benennen. Was sie als Hommage betrachtete, empfanden Kritiker als befremdlichen Versuch einer kulturellen Aneignung, weshalb Broichs Frankfurter Kommissarin heute auf den hauchzart zungenbrecherischen Namen Anna Janneke hört.

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