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Bestatter als Traumberuf : Der Junge, der die Toten wäscht

Luis Bauer, 16, arbeitet als Bestatter in Fürth. Er wäscht Verstorbene, kleidet sie ein und bettet sie in den Sarg. Bild: Tobias Schmitt

Viele verdrängen den Tod, Luis Bauer hingegen arbeitet mit ihm. Der 16 Jahre alte Bestatter erzählt auf TikTok aus seinem Alltag – und nimmt so dem Tod seinen Schrecken.

          5 Min.

          Luis Bauer trägt Gummihandschuhe, zwei Paar übereinander. Er reibt den Körper der Frau mit Duschgel ein, bis es schäumt. Blaubeerduft zieht durch den weiß gefliesten Raum. Die Seniorin hat die Augen geschlossen. Ihre steifen Gliedmaßen ruhen auf der Liege aus Metall. Wenn die Angehörigen sich von ihr verabschieden, soll sie gepflegt aussehen. Und gut riechen.

          Franziska Pröll
          Redakteurin im Ressort „Gesellschaft & Stil“.

          Luis, blauer Kittel, weiße Crocs, ist ­­16 Jahre alt. Im vergangenen Sommer hat er das Gymnasium abgebrochen, um als Bestatter zu arbeiten. Nun wäscht und kämmt er Verstorbene. Er hüllt sie in ihr liebstes Hemd. Er bettet sie in den Sarg. Für ihn gibt es keinen sinnhafteren Beruf.

          Viele Menschen verstehen nicht, wie man Bestatter sein kann, manchen macht der Beruf Angst. Luis kennt die Vorurteile: Bestatter, das seien alte, muffige Typen, die immer nur Schwarz tragen und niemals lachen. Er hält solche Vorstellungen für Quatsch, deshalb setzt er ihnen etwas entgegen. Auf TikTok.

          Jugendliche auf der ganzen Welt feiern die App für launige Videos. Ein Kätzchen, das seinen Kopf in einen Karton steckt, bekam 33 Millionen Likes. Luis spricht in seinen Videos über den Tod, ein Thema, von dem sich die meisten lieber abwenden, und doch erreichen seine Clips bis zu fünf Millionen Menschen. Ihnen zeigt er, dass sie den Tod nicht zu fürchten brauchen.

          Luis Bauer ist früh mit dem Tod in Berührung gekommen

          Luis streicht die Haut der Verstorbenen mit einem Handtuch trocken. „Der Umgang mit Toten ist für mich einfach normal“, sagt er. Sein Vater ist Bestatter. Johannes Bauer leitet Bestattungen Burger, ein Unternehmen im fränkischen Fürth, das sein Ururgroßvater im Jahr 1925 gegründet hat. Wenn Luis es übernimmt, wäre er die sechste Generation.

          Als Sohn eines Bestatters kam er früh mit dem Tod in Berührung. Er konnte nicht anders. Fotos, die er später auf dem Smartphone zeigen wird, erzählen davon: Luis als Vierjähriger im Leichenwagen. Luis als Siebenjähriger, wie er eine Urne in die Höhe reckt. Im Leichenwagen lächelt er, die Urne sieht er neugierig an.

          Als er 13 war, wusch Luis das erste Mal einen Verstorbenen. Kurz darauf bewarb er sich im Betrieb des Vaters. „So richtig mit Motivationsschreiben“, sagt er. Ihm ist wichtig zu zeigen, dass er den Job aus eigenem Antrieb macht. Sein Vater habe ihn nie gedrängt, sagt Luis.

          Vormittags stöhnte er in der Schule über Sinus und Cosinus, nachmittags wusch er tote Menschen. Mehr als zwei Jahre ging das so. Im Schuljahr 2020/21, Luis war in Klasse 10, drängte ihn die Frage: „Was nützt mir das alles, wenn ich Menschen wirklich helfen kann?“

          Am 30. Januar 2021 hatte er das erste Video bei TikTok hochgeladen. Als er am Morgen danach wach wurde, traute er seinen Augen kaum. 15 .000 Aufrufe meldete sein Smartphone. „Ich habe mir vorgestellt, dass so viele Leute vor einer Bühne sitzen. Ich dachte nur: Wow!“ Der Erfolg bestärkte ihn, die Schule zu verlassen. Sein Vater sagt, er habe ihn gewarnt: „Willst du diesen Wahnsinn wirklich?“ Wenig planbare Arbeitszeiten, phasenweise kaum Freizeit, Bereitschaft am Wochenende? Luis wollte. Seit September 2021 beschäftigt sein Vater ihn als Vollzeitkraft. In diesem Jahr will er sich zum Thanatologen ausbilden lassen, einer Art Fachmann für das Sterben.

          Wie gelingt es ihm, dieses schwere Handwerk auszuüben?

          „Hey, Luis, alles klar?“ Ulrich Mathias betritt den Versorgungsraum, ein Kollege, früher Restaurantleiter, heute Bestatter. Alle nennen ihn Uli. Er läuft vorbei an Luis und der Liege, vorbei an Regalen mit Desinfektionsmittel und einer Spüle aus Metall. Gerade hat Uli einen Verstorbenen im Leichenwagen abgeholt, nun wird er Luis unterstützen.

          Die Verstorbene, gewaschen und gekämmt, soll in Bluse und Rock schlüpfen. Zu zweit geht das Ankleiden leichter. Luis dreht die Verstorbene zur Seite. Uli zieht den Rock über ihre Beine und rüttelt am Reißverschluss. „Sie haben es sich gut gehen lassen, was?“, sagt er und lacht. Er schaut auf seinen eigenen Bauch, der sich unter dem Arbeitskittel wölbt. „Aber ich brauch gar nix zu sagen.“ Auch Luis beginnt zu lachen.

          Sind Scherze ihre Art, das schwere Handwerk leichtzunehmen?

          Luis sagt: „Wir lachen schon viel, oder, Uli?“

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