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Verlust eines lieben Menschen : Nach zwei Wochen Trauer ist aber bitte Schluss!

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Trauer stört im alltäglichen Miteinander. „Obwohl inzwischen eine scheinbare Offenheit im Umgang mit Trauer existiert, mit virtuellen Friedhöfen oder Trauerportalen und auf Plattformen wie Facebook, gibt es doch Schwierigkeiten, offen darüber zu kommunizieren,“ stellt Jakoby fest. Zumal mit nahestehenden Menschen in persönlichen Begegnungen. Zuspruch wird gewährt, aber nur für eine begrenzte Zeit nach einem Todesfall. „Andauernde Trauergefühle, der permanente Schmerz und die Verzweiflung sind für andere schwer auszuhalten, zumal man nur zuhören, aber nichts machen kann.“ Schnell kommt dann bei dem Zuhörer das Gefühl der Unsicherheit, verbunden mit Hilflosigkeit hoch. Eine Empfindung, die unangenehm ist. Entsprechend waren gut 40 Prozent der Befragten der Ansicht, dass Menschen, die zu lange trauern – wobei „lange“ nicht definiert ist –, eine Belastung für Familienmitglieder und Freunde sind.

Geändert hat sich auch das Ziel der Trauerbewältigung

Geändert hat sich in den vergangenen Jahren auch das Ziel der Trauerbewältigung. „Frühere Modelle gingen davon aus, dass Trauer abgearbeitet und beendet werden muss“, so Jakoby, heute setze sich immer mehr ein Modell der langfristigen Bindung mit dem Toten durch, eine Art aushaltbare Trauer, die Teil des Lebens sei: „Trauer hört nicht auf, nur der Schmerz wandelt sich und wird durch Liebe und Dankbarkeit ergänzt.“ Immer wichtiger wird es, nach dem Tod eines nahestehenden Menschen diesen nicht loszulassen und zu vergessen, sondern einerseits das Leben neu auszurichten, andererseits aber die Beziehung zu bewahren. Der Verstorbene wird etwa als innerer Ratgeber wahrgenommen, gewissermaßen eine moderne Form der früheren Zwiesprache am Grab.

Dazu trägt eine wachsende Zahl an Büchern über Spiritualität, Nahtoderlebnisse, Engel- und Jenseitskontakte bei. Religion und Spiritualität verbinden sich heute immer häufiger. Wenn die Trauer schon privat ist, kann darin jeder seinen individuellen Trost finden. „Die großen Haltepunkte bestehen nicht mehr“, hat Professor Christoph Jedan beobachtet. Der Philosophiehistoriker betreut an der Universität Groningen in den Niederlanden ein Forschungsprojekt zur Trostkultur. „Für eine lange Zeit haben Philosophen und Theologen versucht, Trauernden zu sagen, wie sich der Verlust in einen größeren Kontext einbetten lässt. Das können sich viele heute gar nicht mehr vorstellen, gleichzeitig haben wir aber kaum eigene Strategien, um mit Trauer umzugehen.“ Die Selbsthilfeliteratur fülle diese Lücke, sei aber eigentlich nichts Neues: „Das gibt es seit 2500 Jahren“, so Jedan, „im 15. Jahrhundert etwa verfassten kirchliche Autoren Memento-Mori-Literatur, die dem Sterbenden die Autorität darüber zurückgab, ob er in die Hölle oder den Himmel kommt – durch sein Verhalten in der Todesstunde.“

Die Privatisierung der Trauer hat vor einigen Jahren auch die „Pocket Cemetery App“ hervorgebracht, den „Taschenfriedhof“ fürs Smartphone. Man konnte einen Grabstein entwerfen für jemand anderes oder sich selbst. Ihn bunt färben, ein Bild einklinken, einen Spruch „eingravieren“, ein Gebet senden und Blumen, die am Rande des Displays aufblühten. Grablichter gab es nicht. Inzwischen ist diese „Trauer-to-go-App“ beerdigt worden. Irgendwie tröstlich.

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