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Verlust eines lieben Menschen : Nach zwei Wochen Trauer ist aber bitte Schluss!

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Früher fanden Menschen in dieser Situation Halt in kirchlichen Normen, in Traditionen wie schwarzer Trauerkleidung, dem Einhalten des Trauerjahrs, in Ritualen wie dem Aufbahren eines Verstorbenen in seinem Haus, so dass Zeit war, das Unabänderliche sichtbar zur Gewissheit werden zu lassen. Der Tod war Teil des Lebens – wobei wenig darüber bekannt ist, wie viel empfundene und wie viel sozial verordnete Trauer die Menschen zeigten.

Die Verunsicherung wächst

Im 21. Jahrhundert hingegen ist Schwarz eine Modefarbe, der Tod und mit ihr die Trauer sind aus der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden. Stattdessen „gibt es eine Verlagerung ins Private“, sagt die Soziologin Nina Jakoby, die an der Universität Zürich zur Soziologie der Trauer forscht. Im privaten Umfeld ist nun einerseits nahezu alles erlaubt, was den Hinterbliebenen gefällt oder der Letzte Wille des Verstorbenen war – Trauerfeiern mit oder ohne Priester und mit freien Trauerrednern, mit ernster oder fröhlicher Musik am Grab, bunter Kleidung, Bestattungen im Sarg, auf See, im Friedwald oder in der Urne.

Andererseits wächst die Verunsicherung: Was trägt „man“ denn heute auf einer Beerdigung? Was sagt man zu jemand, dessen Partner oder Kind gestorben ist oder sich vielleicht sogar das Leben genommen hat? Was gibt man Trauernden an die Hand? Und vor allem: Wie trauert man richtig? Das könnte nun ebenfalls eine private Entscheidung sein, aber: „Neue Trauernormen haben die alten abgelöst“, sagt Jakoby. Dazu gehöre, dass es falsch sei, keine Trauer zu empfinden, zu stark zu trauern, zum falschen Zeitpunkt oder am falschen Ort, etwa in der Schule oder am Arbeitsplatz. Trauer sei kein Thema für die Kantine.

„Wir leben in einer Kultur der Selbstverwirklichung und Selbstoptimierung, da passen Trauer und Tränen als Zeichen des Kontrollverlusts mit hoher Emotionalität nicht hinein“, sagt die Soziologin, „Trauer richtet sich gegen Produktivität und Funktionalität und kann als Schwäche wahrgenommen werden.“

Trauer stört im alltäglichen Miteinander

Das moderne Leben macht uns vor, alles im Griff haben zu können, wenn wir uns nur genug anstrengen: Beziehung, Karriere, Familienplanung, Gesundheit, Schönheit, Glück. Der Tod eines Menschen und die damit verbundenen Gefühle aber rühren an die eigene Vergänglichkeit. Bei demjenigen, der trauert, und bei allen, die damit in Berührung kommen.

Da verwundert es nicht, dass gut jeder Vierte nach einem Trauerfall den Druck seines Umfeldes fühlt, möglichst rasch wieder seinen geregelten Alltag aufzunehmen. Das zeigte eine Online-Befragung, die Jakoby und zwei Kolleginnen im vergangenen Jahr vor allem in Deutschland und der Schweiz durchführten. Gut die Hälfte der Befragten fühlte sich wohler, wenn sie ihre Trauer während einer Beerdigung für sich behielte, und fast die Hälfte handelte so, um keine Belastung für andere zu sein. Diesen Grund nannten auch 42 Prozent auf die Frage, warum sie nach einem Trauerfall mit anderen – Familienmitgliedern, Freunden, Partnern – nicht über ihre Gefühle sprachen.

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