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Traber-Familie : Junge, komm bald wieder

Der erste Auftritt nach dem schweren Unfall von Johann Traber junior Bild: Jesco Denzel

Zum ersten Mal seit Johann Traber junior im Mai verunglückte, wagt sich die Artistenfamilie Traber wieder aufs Hochseil. Familienoberhaupt Johann Traber senior will am kommenden Wochenende sogar einen neuen Weltrekord aufstellen.

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          Als Johann Traber senior seine linke Hand triumphierend in den bedeckten Himmel reckt, ist er noch gut fünfzig Meter von dem Stahlmast entfernt, an dem sein Sohn beinahe zerschellt wäre. Seine Tochter Katharina hängt unter ihm an einem Trapez, das Trabers Motorrad auf dem Drahtseil hält. Er steht auf dem Sitz des Gefährts, gut dreißig Meter über dem Boden. Wenn seine Tochter, gerade achtzehn Jahre alt, den Schwerpunkt verlagert, fallen sie.

          Timo Frasch

          Politischer Korrespondent in München.

          Warum sollte sie? Für die Traber-Familie, eine der bekanntesten Artistentruppen der Welt, sind solche Höhen nichts Außergewöhnliches. Einst spannten sie ihr Stahlseil zwischen dem Ost- und Westgipfel der Zugspitze, mit Dübeln im porösen Fels, der selbst Johann Traber senior nicht geheuer war. Sie sind mit dem Motorrad über das Brandenburger Tor gefahren und auf 14 Millimetern auf etliche Hochhäuser balanciert. „Why do they do it?“ hat das „Time Magazine“ gefragt und sie mit Leuten verglichen, die sich aus Kanonenrohren schießen lassen oder mit einer Tarantel im Mund Kaugummiblasen formen.

          Der Handstand ist gestrichen

          In den siebziger Jahren ist Johann zusammen mit seinem Bruder Charly von ungefähr der Höhe abgestürzt, auf der seine Tochter jetzt grazil Arme und Beine von sich streckt. Am nächsten Tag haben die beiden weitergemacht. „Wenn ihr jetzt nicht auf das Seil geht, werdet ihr nie wieder auf ein Seil gehen“, hatte ihr Vater damals gesagt. Im Heide-Park, einem Erlebnispark in der Lüneburger Heide, ist Traber vorsichtiger; auf Bitten seiner Tochter hat er den sonst obligatorischen Handstand auf dem Motorradlenker aus dem Programm gestrichen. Darum geht es heute auch nicht. Es ist ein besonderer Sonntag, der erste Auftritt der Truppe seit dem schweren Unfall von Johann Traber junior am 21. Mai dieses Jahres.

          Tochter Katharina zuliebe strich Traber senior den Handstand aus dem Programm
          Tochter Katharina zuliebe strich Traber senior den Handstand aus dem Programm : Bild: Jesco Denzel

          Johann war die Hoffnung der Familie. Er ist der einzige Sohn Johann Trabers, und er war der Kühnste von allen, der jede Nummer am liebsten ohne Sicherung gemacht hätte. Außerdem hatte er dasselbe Gespür für spektakuläre Aktionen wie sein 53 Jahre alter Vater. Bei der Weltausstellung in Hannover stellte er einen neuen Weltrekord auf. Siebzehn Tage hatte er auf dem Hochseil verbracht, gegessen, geschlafen und die beinahe 10.000 SMS seiner Fans beantwortet. Zwei Jahre noch vielleicht, und der heute Zweiundzwanzigjährige hätte die Show alleine schmeißen können.

          Campieren in Krankenhausnähe

          Dann kam Hamburg. Die Traber-Familie war eingeladen worden, drei Tage lang auf einem Fest zur Neueröffnung des Jungfernstiegs ihre Kunststücke vorzuführen. Sie waren nicht das erste Mal in Hamburg, es gibt fast keinen Ort in Deutschland, wo sie noch das erste Mal sein könnten. Aber es war das erste Engagement des Jahres. Sehr spät für eine Truppe, die sich im Winter mit ein paar Auslandsengagements über Wasser halten muß, aber immerhin: Die nächsten Monate waren fast ausgebucht, Traber sollte im „ZDF-Fernsehgarten“ auftreten und auf einem Fan-Fest zur Fußball-WM. Sogar für die Eröffnungsfeier der Fußball-Weltmeisterschaft war er eingeplant.

          Die Feier, die sein guter Bekannter André Heller organisieren sollte, wurde abgesagt. Überhaupt wurde es ein bitterer Sommer für die Trabers. Seit mehreren Monaten campieren sie nun schon in ihren Wohnwagen in der Nähe des Krankenhauses St. Georg in Hamburg, in dem Johann junior liegt. Die Ärzte hatten ihn in ein künstliches Koma versetzt, so schwer waren die Verletzungen. Knochenbrüche, vor allem die Blutungen im Gehirn. Johann hatte 75 Kilogramm gewogen, als er ins Krankenhaus kam, er war durchtrainiert. Heute wiegt er noch 50. Vor kurzem hat er „Trinken“ gesagt, sagt seine hübsche Schwester Katharina, die bis zu ihrem Hauptschulabschluß mehrere Dutzend Schulen besucht hat. Die Trabers versuchen, ihren Sohn jeden Tag zu sehen. Die Familie hält zusammen. Das bedeutet auch: Seit Wochen kommt kein Geld in die Familienkasse.

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