https://www.faz.net/-gum-syva

Tonga : Herrscher jenseits aller Dimensionen

  • -Aktualisiert am

König Taufa'ahau Tupou IV. von Tonga: 1918-2006 Bild: dpa

König Taufa'ahau Tupou IV. von Tonga ist tot. Im Alter von 88 Jahren starb er nach 41jähriger Herrschaft der Südsee-Monarchie. Der einst dickste Regent der Welt machte als erster Tongoaner einen Hochschulabschluß und war zuletzt sehr umstritten.

          3 Min.

          Wo vor einem Jahr Demonstranten durch die Straßen zogen und mit Megaphonen das Ende der Herrschaft von König Taufa'ahau Tupou IV. forderten, herrscht heute Trauer: Tonga beklagt den Tod seines Monarchen. Mit 88 Jahren starb der wegen seiner Leibesfülle berühmte Alleinherrscher des polynesischen Inselreiches in einer Klinik in Neuseeland. Am Mittwoch werden die sterblichen Überreste nach Tonga geflogen. Der Herz- und Diabeteskranke ließ sich seit Jahren in Auckland behandeln und bewohnte dort ein feudales Anwesen.

          Seit langem war seine Gesundheit durch seine Leibesfülle bedroht. Der einst mit 209 Kilogramm dickste Regent der Welt speckte dann auf 127 Kilogramm ab. Während der Diät sah man ihn an manchen Tagen zur Freude seines Volkes am Hafen der Inselhauptstadt Nuku'alofa entlangfahren - auf einem mit überdimensionalem Sattel ausgestatteten Dreirad. Die Untertanen durften sich ihm in den 41 Jahren seiner Herrschaft nur mit gesenktem Blick auf Knien nähern. Weniger die Demutsbezeugungen störten die traditionsbewußten Tonganer allerdings als vielmehr der Nepotismus der königlichen Familie.

          Schrei nach Reformen und Pressefreiheit

          Ein sieben Wochen langer Streik erschütterte im vergangenen Jahr das Königreich in seinen Grundfesten, nachdem das Kabinett seinen Ministern eine achtzigprozentige Gehaltserhöhung zugesprochen und auch die Adligen und die königliche Familie großzügig bedacht hatte. Die 4.000 kleinen Beamten, von denen die meisten weniger als umgrechnet 100 Euro im Monat erhalten, legten wochenlang das Reich der „Friedlichen Inseln“ lahm.

          Feierte am 4. Juli seinen 88. Geburtstag im Kreis der Familie: König Tupou IV.
          Feierte am 4. Juli seinen 88. Geburtstag im Kreis der Familie: König Tupou IV. : Bild: AP

          Der Schrei nach Reformen und Pressefreiheit führte zwar nicht zum Sturz des Königs, aber zum Rücktritt seines jüngsten Sohnes 'Ulukalala Lavaka Ata, 47 Jahre, Tongas Premierminister auf Lebenszeit. An seine Stelle rückte im März der prodemokratische Fred Sevele. Bislang hatten die 108.000 Insulaner und weitere 100.000 im Ausland lebende Tonganer keine Chance auf Mitbestimmung im eigenen Land. Die neun vom Volk gewählten Mitglieder des dreißigköpfigen Parlaments sind politisch handlungsunfähig - die übrigen Abgeordneten, unter ihnen alle zwölf Kabinettsminister, wurden vom König eingesetzt und seit je aus den Reihen der Adligen rekrutiert.

          Zwei gewählte Volksvertreter im Kabinett

          Im vergangenen Jahr ließ Tupuo IV. erstmals zu, daß zwei der gewählten Volksvertreter ins Kabinett einzogen. Alles an Tupuo IV. war überdimensional: Bei seiner Krönung 1967 wurde ihm die schwerste Krone der Welt aufgesetzt. Die staatliche Fluggesellschaft Royal Tongan Airlines, die vor zwei Jahren in Konkurs ging, war mit einem thronähnlichen gepolsterten Riesenklosett ausgestattet. Auch der royale Fuhrpark aus Mercedes-Limousinen hebt sich kraß vom Zustand der bitterarmen Bevölkerung ab, deren Selbstversorgeridyll (Fisch und Kokosnüsse) längst Slums und Müllbergen gewichen ist.

          Eine Stunde nach dem Tod des Königs wurde Kronprinz Tupouoto'a Tupou V. als Nachfolger benannt. Er steht seinem Vater an Pomp nicht nach. Der Achtundfünfzigjährige, der sich gerne mit Monokel und märchenhaften Kostümierungen in einem Londoner Taxi über die Insel chauffieren läßt, besitzt die Fernsehanstalt, die Bierbrauerei, die Telefongesellschaft und den einzigen Stromanbieter des Landes. Am liebsten beschäftigt sich der Waffennarr mit Spielzeugsoldaten und ferngesteuerten Booten.

          Pazifikstaat als Selbstbedienungsladen

          Wie einen Selbstbedienungladen führt der königliche Clan den Pazifikstaat. Daß König Tupou der erste Tonganer mit Hochschulabschluß war (Kunst und Jura) und sich vehement für die Bildung seiner Landsmänner einsetzte, bewahrte ihn nicht vor zahlreichen Fehlschlägen. In den achtziger Jahren betrieb er einen schwunghaften Paßhandel für Staatenlose wie Imelda und Ferdinand Marcos.

          Das „Offene-Schiff-Register“ verhökerte die Nationalflagge. Nachdem vier Al-Qaida-verdächtige Schiffe mit der Südseefahne aufgegriffen worden waren, kühlten die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten ab. Tonga stellte George W. Bush zur Wiedergutmachung 40 Soldaten der 450 Mann starken Nationalgarde für den Irak-Einsatz zur Verfügung.

          Plante Abschußrampe für Weltalltouristen

          Zu den Plänen des Potentaten gehörten das Betonieren eines Korallenriffs als Hubschrauberlandeplatz, das Auspumpen einer Lagune, um sie mit iranischem Rohöl zu füllen, der Import von 30 Millionen gebrauchten amerikanischen Autoreifen als Brennstoff, ein Atomkraftwerk neben dem Palast und der Bau einer Abschußrampe für Weltalltouristen. Das Taucherparadies entging nur knapp der Verklappung von vier Millionen Litern Giftmüll.

          Kurz vor der Millenniumsfeier, die Tonga wegen seiner Nähe zur Datumsgrenze touristisch ausschlachtete, ging der Handel mit einer australischen Biotech-Firma schief: Kronprinz Tupouto'a wollte den Genpool seines Volkes verschachern, ohne es auch nur zu fragen. Sein Volk hielten diese Skandale nicht von treuer Ehrerbietung ab - und am Montag auch nicht von echter Trauer.

          Zuletzt 1985 in Deutschland zu Besuch

          Legendär sind des Königs Beziehungen zu Deutschland, besonders zu Bayern, zur CSU und zu deren außenpolitischem Instrument Hanns-Seidel-Stiftung gewesen. Beiden Seiten waren diese Beziehungen wichtig. Seit Bismarcks Zeiten ist Tonga mit einem Freundschaftsvertrag mit Deutschland verbunden. Anfang der siebziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts forderte der damalige Außenminister Scheel die bayerische Stiftung auf, sich im Pazifik mit entwicklungspolitischen Projekten zu engagieren, was auch mit großem Erfolg 22 Jahre lang betrieben wurde.

          Daraus entwickelten sich auch persönliche Bekanntschaften von Strauß und seinem Stiftungsgeschäftsführer Lengel. Zuletzt besuchte der Monarch und Träger des Bundesverdienstkreuzes 1990 Deutschland - woher der Sage nach auch einer seiner Vorfahren gestammt haben soll: ein Seemann aus Buxtehude, der auf Tonga eine Häuptlingstochter heiratete.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Guten Tag! Joe Biden und Wladimir Putin geben sich in Genf die Hand.

          Gipfel mit Biden und Putin : Monologe zum Dialog

          Joe Biden und Wladimir Putin finden einige freundliche Worte füreinander. Inhaltlich aber gibt es in Genf keine Annäherung. Jetzt sollen Arbeitsgruppen weitersehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.