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Tom Schilling im Interview : „Ich habe eine gewisse Hassliebe für meinen Beruf“

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„Alter, nein, nein, nein, das bist du nicht“: Schauspieler Schilling, 37. Bild: Norman Konrad/laif

Seit seinem Durchbruch mit „Crazy“ ist Schauspieler Tom Schilling aus dem deutschen Film nicht mehr wegzudenken. Im Gespräch erzählt er vom Zweifel als stetem Begleiter – und der Liebe zum Tischlern.

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          Tom Schilling macht noch kurz ein paar Selfies mit einer japanischen Journalistin. Das Licht ist nicht ideal, was er natürlich sofort bemerkt; er schlägt vor, sich näher ans Fenster zu stellen. Sein eleganter maßgeschneiderter Anzug: obligatorisch. Auf dem Zurich Film Festival unterstützt er seinen Regisseur Jan Ole Gerster bei der Pressearbeit und stellt dem Interviewer-Paar erst einmal selbst ein paar Fragen: „Sie sind verheiratet und arbeiten zusammen? Und wie kriegen Sie das hin?“ Dann sind wir dran.

          Sie spielen in Ihrem neuen Film „Lara“, der seit vergangener Woche in den deutschen Kinos läuft, einen Pianisten und haben am Klavier selbst die Tasten bedient, obwohl die Stücke sehr anspruchsvoll sind. Wieso können Sie so spielen?

          Das Klavierspielen habe ich mir selbst beigebracht; damals war ich 22. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, ein klassisches Stück fehlerfrei spielen können, und übte es zwei oder drei Monate. Dann hat es mir so einen Spaß gemacht, dass ich weiter gespielt habe. Ich kann mich einigermaßen frei zu Liedern begleiten, aber ich kann nicht vom Blatt spielen. Und deswegen musste ich für den Film viel üben. Denn Chopin ist echt schwer. Ich habe mit einer Klavierlehrerin geübt, aber die Abfolge der Noten habe ich auswendig gelernt. Ich habe mir das Stück Takt für Takt angeguckt, in jeder Klavierstunde haben wir uns einen vorgenommen, und irgendwann konnte ich es.

          Wie viele Stunden haben Sie geübt?

          Ich habe vier oder fünf Monate geübt, jeden einzelnen Tag. Für meine Frau war es bestimmt schrecklich, immer das gleiche Lied zu hören.

          Woher kommt dieser Drang zur Perfektion bei Ihnen?

          Hätte ich in einem Film eine Rolle als Tennisspieler angenommen, würde ich der Produktionsfirma sagen, obwohl ich ziemlich gut Tennis spiele, dass ich Unterricht mit den besten Trainern der Welt brauche. Am besten ein Tennis-Camp bei Rafael Nadal auf Mallorca. Mir hat das Klavierspielen wahnsinnig viel Spaß gemacht, und deswegen kostet es mich auch keine Kraft zu üben. Mein Perfektionismus kommt ein bisschen daher, dass ich Angst habe, diese Illusion, die ich mit einer Rolle vorgebe – sie ist ja eine Behauptung oder eine Hochstapelei –, könnte auffliegen und jemand könnte hinter diese Maske gucken: das Publikum oder die Leute, die beim Drehen drum herum stehen und einen angucken, während man behauptet, jemand anderes zu sein. Aber letztendlich bin ich selbst mein schärfster Kritiker, und ich sage mir immer wieder: Alter, nein, nein, nein, das bist du nicht. Ich sehe doch, dass du kein Pianist bist. Und das treibt mich an zu sagen: Doch, ich werde üben und noch mehr üben, aber ich bin noch nicht so weit.

          Waren Sie am Ende mit Ihrem Klavierspiel zufrieden?

          Ehrlich gesagt: ja. Das Deutsche Kammerorchester, das mich im Film live begleitet hat, hat sich sehr genau angeguckt, was ich gemacht habe. Wenn Schauspieler Klavier spielen, wird das oft im Schnitt noch einmal stark bearbeitet, dann spielt ein richtiger Pianist, und später wird dann mit dem Computer getrickst, damit die Illusion entsteht, dass der Schauspieler selbst gespielt hat. Ich finde, dass man das später im Film sieht. Die Konzentration und wie man jede Note fühlt, das kann man auf der Leinwand nur rüberbringen, wenn man selbst spielt. Ich war aufgeregt, weil die Musiker in der Szene direkt hinter mir saßen. Ich hatte richtig Angst. Aber sie haben gesagt: Es war sehr, sehr glaubwürdig.

          In dem Film geht es auch darum, den Traum von einem künstlerischen Beruf mit dem nötigen Mut zu leben. Hatten Sie diese Zweifel nie, weil Sie schon als Kind spielerisch in diesen Beruf hineingewachsen sind?

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