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Festgenommene Migranten : „Man macht sie zu Nicht-Personen“

  • -Aktualisiert am

Mobiltelefone, die illegalen Migranten abgenommen wurden: Tom Kiefer hat sie arrangiert und fotografiert. Bild: AFP

Stofftiere und Socken, Kämme und Spiegel: Der Fotograf Tom Kiefer hat die Habseligkeiten fotografiert, die illegalen Einwanderern in den Vereinigten Staaten abgenommen wurden – und dokumentiert so ein Drama.

          3 Min.

          Herr Kiefer, Sie fotografieren Gegenstände, die amerikanische Grenzschutzbeamte illegal eingewanderten Migranten in der Wüste Arizonas abgenommen haben. Ihre Bilder zeigen Alltägliches wie Zahnbürsten, Wasserflaschen, Schnürsenkel und Damenbinden – hübsch arrangiert vor einem Hintergrund in fröhlichen Farben. Ihre Fotos sind unter dem Titel „El Sueño Americano – The American Dream“ in Los Angeles ausgestellt. Verbirgt sich hinter dem Titel ein Stück Ironie?

          Ja und nein. Die Leute sind ja in die Vereinigten Staaten gekommen, um den amerikanischen Traum zu suchen. Viele kamen aber nicht zum ersten Mal über die Grenze, sondern haben schon einen großen Teil ihres Lebens hier verbracht. Oder wurden sogar hier geboren. Ihr amerikanischer Traum sieht daher etwas anders aus als das, was man in der Regel mit ihm verbindet.

          Sie haben Tausende Habseligkeiten von Einwanderern aus Ländern wie Mexiko, El Salvador und Guatemala zusammengetragen. Wo findet man die?

          Ich habe 2003 angefangen, als Hausmeister in der Station der Zoll- und Grenzbehörde südlich von Ajo zu arbeiten. Irgendwann fiel mir auf, dass dort immer wieder Lebensmittelkonserven im Müll landeten. Das habe ich mir eine Weile angesehen, bis ich es nicht mehr ertragen konnte. Als ich 2007 fragte, ob ich die Konserven an eine Suppenküche weiterreichen dürfte, hieß es: „Unbedingt!“ In den Mülltonnen fand ich dann auch die Besitztümer der Migranten, die beschlagnahmt wurden.

          Damals wurden an der Grenze zwischen den Vereinigten Staaten und Mexiko jeden Monat bis zu 100.000 Migranten aufgegriffen. Wissen Sie, wie viele von ihnen nach Ajo gebracht wurden?

          Das kann ich nicht sagen. Die Grenze erstreckt sich von Kalifornien bis nach Texas über mehr als 3000 Kilometer. Der Sektor Tucson in Arizona, zu dem Ajo gehört, zählt aber zu den Abschnitten mit den meisten Verhaftungen.

          Da müssen mit der Zeit Tonnen an persönlichen Gegenständen zusammengekommen sein.

          Ja, ich stieß auf all diese unglaublichen Dinge: Kinderzahnbürsten mit Rennautos als Griff, T-Shirts mit skurrilem Aufdruck, Brieftaschen, in denen noch Familienfotos steckten. Ich wusste, dass ich etwas daraus erschaffen musste. Ich habe früher als Grafikdesigner in Los Angeles gearbeitet und später als Kunstfotograf im Stil von Walker Evans. Beides hat die Art beeinflusst, wie ich die Besitztümer der Migranten fotografiert habe. Ich versuche mit der Kamera Dinge zu dokumentieren, die Amerika zu Amerika machen.

          Einige Aufnahmen zeigen Plastikflaschen, die provisorisch in Stoffreste eingenäht wurden. Wollten die Migranten das Wasser bei dem Fußmarsch durch die Wüste kühl halten?

          Persönliche Gegenstände wie Kämme, Bürsten und Spiegel gelten als potentiell tödlich und werden den Migranten bei der Festnahme weggenommen. Bilderstrecke
          Fotoserie von Tom Kiefer : „El Sueizo Americano – The American Dream“

          Da ich an der Grenzstation nur als Hausmeister beschäftigt war, hatte ich kaum Kontakt zu den Migranten. Ich vermute aber, dass der Stoff die weißen Behälter tarnen und die Beine der Leute schützen sollte. Bei dem langen Weg über die Grenze schlagen die Flaschen ja immer wieder gegen den Körper.

          Ist Ihnen ein Gegenstand besonders in Erinnerung geblieben?

          Ein Indian Head Penny aus dem Jahr 1879, also eine uralte Ein-Cent-Münze. Ich habe mir vorgestellt, dass jemand dieses Stück Americana als Symbol der Hoffnung auf ein besseres Leben bei sich getragen hat. Ich fand die Münze auf dem Boden der Halle, in der die aufgegriffenen Migranten aus den Geländewagen der Grenzbehörde geholt wurden. Der Indian Head Penny war achtlos weggeworfen worden.

          Seit Ihre Ausstellung eröffnet wurde, wird über sie auch in sozialen Medien diskutiert. Die meisten Betrachter preisen die Fotos als eindrucksvolle Dokumentation des Einwanderungsdramas. Einige stoßen sich aber auch an den kunstvollen Arrangements der Habseligkeiten von Menschen in Not.

          Wer mir vorhält, ich würde Elend glamourös darstellen, hat mich missverstanden. Erweise ich den Migranten nicht eine größere Ehre, wenn ich ihre Besitztümer von Erde und Schmutz befreie und sie in angemessener Form präsentiere? Ich habe ihnen gegenüber tiefsten Respekt. Sie riskieren ihr Leben, um hierherzukommen.

          Viele fühlen sich an Aufnahmen aus Konzentrationslagern erinnert.

          Der Vergleich verbietet sich. Die Dinge, die ich fotografiert habe, stammen von festgenommenen Migranten. Die Bilder sollen zeigen, wie wenig sie behalten durften. Konzentrationslager waren Tatorte von Massenmorden.

          Die Migranten mussten so harmlose Dinge wie Schlüssel, Sonnenbrillen oder Kämme abgeben. Welchen Zweck hat die Zoll-und Grenzbehörde mit diesen Maßnahmen verfolgt?

          So etwas hat nur Sinn, wenn man einen Menschen demoralisieren und herabwürdigen möchte. Wenn man ihm persönliche Habseligkeiten wie Fotos, Rosenkränze oder eine Bibel wegnimmt, will man ihn zu einer Nicht-Person machen. Das ist bösartig und unmenschlich.

          Im Jahr 2014 haben Sie die Stelle des Hausmeisters an der Customs and Border Protection Station in Ajo aufgegeben, gut zwei Jahre vor Donald Trumps Einzug ins Weiße Haus. Obwohl die fotografierten Gegenstände aus der Zeit der Präsidentschaften von George W. Bush und Barack Obama stammen, werden sie oft Trumps Einwanderungspolitik zugeschrieben.

          Die Lage an der Grenze hat sich verschärft. Es geht darum, die Öffentlichkeit aufzuklären, was dort passiert. Viele Amerikaner können sich nicht mal vorstellen, wie es an der Grenze aussieht.

          Meinen Sie, Sie würden heute ähnliche Überbleibsel in Ajo finden wie damals?

          Nein, darum geht es auch nicht. Ich habe leider keinen Vorschlag, wie man das Problem der Migranten und ihres amerikanischen Traums in den Griff bekommt. Wir müssen uns aber fragen, was wir tun können, um den Menschen zumindest weiteren Kummer zu ersparen. Und ihnen ein bisschen Würde zurückzugeben.

          Die Fotos von Tom Kiefer werden unter dem Titel „El Sueño Americano – The American Dream“ bis zum 8. März 2020 im Skirball Cultural Center in Los Angeles ausgestellt.

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