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Tod von Tugçe Albayrak : Ein viel zu kurzes Leben

  • -Aktualisiert am

Alles ging so schnell, dass es erst auf dem Überwachungsvideo genau zu sehen war: Gedenkfeier für die verstorbene Tugçe. Bild: Marcus Kaufhold

Sie wollte andere Mädchen beschützen, und dadurch wurde sie selbst zum Opfer. Eine italienische Zeitung nennt Tugçe Albayrak den „Engel von McDonald's“, für die Türkei ist sie das „tapfere Herz“. Ihre Familie ist von der Anteilnahme überwältigt. 

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          Der McDonald’s im Gewerbegebiet Offenbach-Kaiserlei ist mäßig gut besucht. Am Eingang auf der Ledercouch unterhält sich eine Frau Mitte dreißig mit ihrem Freund: „Dort hat sie gesessen, und dann hat sie die Schreie von der Toilette gehört …“ Hinten rechts sitzen drei junge Männer an ihren Burgern: „… und draußen wurde sie dann zusammengeschlagen“. Durch die Glasfront kann man auf den Grünstreifen der zweispurigen Schnellstraße gucken, die von Frankfurt in Richtung Autobahn führt. Auf dem Fußgängerüberweg sind ein paar Passanten stehengeblieben, die auf die Plakate, Rosen und Teelichter zu ihren Füßen blicken und diskutieren.

          Auch ohne dass man Lippen lesen kann, ist klar, worüber sie sprechen. Über das Thema, das die Menschen weit über Offenbach hinaus bewegt: Tugçe ist tot. Gestorben am Mittwoch, den 26. November 2014, anderthalb Wochen nachdem sie in einem McDonald’s-Restaurant durch einen Schlag von Sanel M. ins Koma fiel. Und doch feiern am Freitag Tag in Offenbach mehr als 2000 Menschen Tugçes 23. Geburtstag, und in ganz Deutschland reden viele Menschen über sie. Auch das Ausland nimmt Anteil. „Der Engel von McDonald’s“, nennt sie die italienische Zeitung „La Stampa“. „Tapferes Herz“ die türkische „Hürriyet“.

          Vor dem Sana-Klinikum versammeln sich schon am Freitagnachmittag, Stunden vor Beginn der Gedenkfeier, viele Menschen. Sie bringen Windlichter mit, bauen Stellwände auf und befestigen Bilder von Tugçe, wie sie schon seit Tagen durch die sozialen Netzwerke geistern: Das Foto, auf dem sie mit großen Augen und glattem schwarzen Haar nach oben in ihre Handykamera lächelt. Das, auf dem sie schmunzelnd eine Strickmütze mit Plüschohren anprobiert. Und das, auf dem die Lehramtsstudentin vor einer mit Kreide bunt bekritzelten Tafel steht.

          Vorbild für viele: Tugce Albayrak
          Vorbild für viele: Tugce Albayrak : Bild: Screenshot/Facebook

          Die Unterstützung rührt die Familie, aber sie überwältigt sie auch

          Seitdem sie im Klinikum liegt, sind täglich ein- bis zweihundert Menschen gekommen, sagen die Angehörigen. Oft wildfremde. Die Klinik hat der Familie einen Raum im ersten Stock vor dem Mitarbeiter-Café geöffnet. Dort stehen ein silberner Samowar mit heißem Wasser und einer Kanne türkischem Schwarztee und ein bisschen Baklava. Die Familie sitzt hier oft bis 22 Uhr. Manchmal auch bis nachts um eins.

          Hier erzählen sie sich Geschichten über Tugçe. Auf Deutsch oder Türkisch. Etwa, wie einmal eine alte Frau mit dem Fahrrad stürzte und Tugçe nach Hause rannte, um den Erste-Hilfe-Kasten zu holen. Oder wie sie einen kleinen Chihuahua von der Straße mitbrachte, ihn Pascha taufte und in die Familie im hessischen Gelnhausen aufnahm. Die Familie, das ist ihr Vater, ihre Mutter und ihre beiden Brüder, die nur wenige Jahre älter waren. Dazu: die Großeltern, Tanten, Onkel, Cousins und Cousinen. Manche haben sich seit Jahren nicht mehr gesehen. Trotzdem sind sie nun täglich da.

          Große Anteilnahme: Viele der mehr als 2000 Menschen haben Tugçes Albayrak gar nicht gekannt.
          Große Anteilnahme: Viele der mehr als 2000 Menschen haben Tugçes Albayrak gar nicht gekannt. : Bild: Marcus Kaufhold

          So auch Yasin Albayrak, ein Onkel aus Frankfurt. Seit 1979 ist er in Deutschland, früher hat er mit Tugçes Vater, seinem Bruder, in der gleichen Fabrik gearbeitet. Nach seiner Scheidung vor etwa fünf Jahren hatte er nicht mehr viel Kontakt. Als er am Sonntag vor zwei Wochen vom Flohmarkt am Mainufer wiederkommt und sein Handy einschaltet, sieht er zahlreiche verpasste Anrufe der Familie. Er denkt: Dem Vater ist etwas passiert. Der Vater, der Ende der Sechziger als Erster aus dem anatolischen Dorf nach Deutschland kam und im Opelwerk in Rüsselsheim Arbeit fand, ist schon achtzig und wohnt in Bad Soden-Salmünster, wo auch Tugçe geboren wurde. „Das wäre schlimm gewesen“, sagt Albayrak. Aber dass es dann seine junge Nichte betrifft, ist noch viel schlimmer.

          Albayrak wendet das hagere Gesicht mit dem grauen Bürstenhaar und den eingefallenen Wangen zur Seite, als ihm Tränen in die Augen schießen. „Die Eltern fühlen so große Schmerzen“, sagt er. Deswegen haben sie sich von den Mahnwachen zurückgezogen. Die Unterstützung rührt sie, aber sie überwältigt sie auch. Von Freunden heißt es, die Eltern hätten seit dem Vorfall kein hässliches Wort über den Täter verloren. Keine Wut. Keine Verwünschungen. Wobei es die in den sozialen Netzwerken durchaus gibt. Empfindet er, der Onkel, Hass auf den Täter? „Hass nützt doch niemanden“, sagt er. Aber die beiden jungen Mädchen, die sollten sich melden. „Sie müssen Menschlichkeit zeigen!“

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