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Zum Tod von Philipp Auerbach : Kein Leben im Land der Täter

Mit seinen Verteidigern: Philipp Auerbach (rechts) im Sommer 1952 in einer Verhandlungspause Bild: bpk

Vor 70 Jahren nahm sich Philipp Auerbach das Leben, nachdem er zu Unrecht verurteilt worden war. Über den Auschwitz-Überlebenden urteilten ehemalige Nazis.

          7 Min.

          Philipp Auerbach war sicher oft kein besonders angenehmer Umgang. Schon als Oberregierungsrat „Sozialbetreuung“ in Düsseldorf nach dem Krieg machte er sich nicht nur Freunde. Seit September 1945 war er für die Fürsorge von Verfolgten aus der Zeit des Naziregimes zuständig. Der Militärgouverneur der Provinz Nordrhein, Brigade­general John Ashworth Barraclough, stellte ihm kein gutes Zeugnis aus. In einem Brief an Auerbach schrieb der Offizier der britischen Armee, dass „eine gewisse Überheblichkeit Ihres Wesens weitgehend den Widerspruch der Öffentlichkeit“ erregt habe. „Ihr Verhalten gegenüber der Militärregierung war höchst verletzend, wenn nicht sogar widersetzlich. Sie haben mehrfach versucht, die Militär­regierung in Misskredit zu bringen. Sie haben einen störenden Einfluss zu einer Zeit in der Provinz ausgeübt, als die loyale Zusammenarbeit aller Kreise der deutschen Verwaltung im eigensten Interesse des Landes lag.“ Folglich wurde Auerbach im Januar 1946 schon wieder entlassen.

          Peter-Philipp Schmitt
          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Als Philipp Auerbach gut sechs Jahre später Suizid beging, war das auch als Fanal gedacht, mit dem er seine Kläger anklagen wollte. Er, der Auschwitz-Überlebende, war nur sieben Jahre nach Krieg und Holocaust von ehemaligen National­sozialisten abgeurteilt worden. Es war „ein Schandurteil“ für ihn und auch für viele Juden in der noch jungen Bundesrepublik. Auerbach war Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte in München, als man ihn im März 1951 verhaftete. Ihm wurde Erpressung, Unterschlagung, Veruntreuung, passive Bestechung und das unberechtigte Führen eines akademischen Titels zur Last gelegt.

          Immer wieder brüllte er

          Auerbach, Mitglied im ersten Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland, war damals im ganzen Land bekannt, er war einer der wichtigsten Repräsentanten der Verfolgten des Naziregimes. Und er war ein schwer kranker Mann, als er am 16. August 1952 im Alter von nur 45 Jahren starb, nachdem er zu viele Schlaftabletten geschluckt hatte. Neben dem Toten fanden sich zwei Abschiedsbriefe: Einer war für seine Familie, seine zweite Frau Margit und die erst vier Jahre alte Tochter Ruth, der andere für die Öffentlichkeit bestimmt. Als letzte Worte schrieb er einen alttestamentarischen Fluch nieder: „Mein Blut komme auf das Haupt der Meineidigen!“

          Ein Jahr lang war zuvor ermittelt worden, bevor schließlich im April 1952 das Strafverfahren gegen Auerbach eröffnet wurde. Es war bis dahin einer der größten Prozesse in Nachkriegsdeutschland. 62 Tage lang wurde verhandelt, 130 Zeugen und acht Sachverständige waren in Saal 185 des Landgerichts München I geladen. Ein ums andere Mal verlor Auerbach seine Fassung auf dem roten Plüschsessel, den er sich, weil er unter Nierensteinen litt, für die langen Sitzungen ausbedungen hatte. Immer wieder brüllte er die Richter und den Staatsanwalt an.

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