https://www.faz.net/-gum-9sa64

Thorbjørn Jagland über Brandt : Willy wollte es wissen

Der Altkanzler schaut ihm über die Schulter: In Thorbjørn Jaglands Arbeitszimmer in seiner Wohnung in Oslo hängt ein Brandt-Porträt von Andy Warhol. Bild: Daniel Pilar

Vor 50 Jahren wurde Willy Brandt Bundeskanzler. Ohne seine Zeit in Norwegen ist er nicht zu verstehen. Der frühere Ministerpräsident Thorbjørn Jagland redet darüber, wie das Land Brandt formte – und wie er Norwegen beeinflusste.

          7 Min.

          Das norwegische Nobelinstitut liegt im Zentrum von Oslo, nicht weit weg vom Schloss. Thorbjørn Jagland wartet schon draußen. Er führt hinein, die Treppe hinauf und durch dicke Türen: in das Herz des Hauses, den Saal, in dem über den Friedensnobelpreis entschieden wird. Dunkles Holz, grüne Tapete. Ein kurzer Blick an die Wand, wo die Porträts all der Friedensnobelpreisträger hängen, dann hat Jagland ihn entdeckt: Da ist er, in Schwarz und Weiß, die Haare streng nach hinten gekämmt, da ist Willy Brandt. „Wir haben ihn in gewisser Weise auch als einen von uns betrachtet.“

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Willy Brandt und Norwegen, das ist eine ganz besondere Beziehung. Der junge Herbert Frahm kam 1933 in das Land, keine 20 Jahre alt. Ein Land, in dem er politisch agitierte und dazulernte, aus dem er 1940 flüchten musste, als die Nazis kamen, und in das er immer wieder zurückkehrte, als er schon längst Willy Brandt hieß und zu den wichtigsten Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegspolitik gehörte. Im Oktober vor 50 Jahren wurde Willy Brandt zum Kanzler gewählt, im November vor 30 Jahren durfte er noch, bevor er 1992 starb, als „elder statesman“ den Fall der Mauer erleben. Norwegen hat seinen Weg beeinflusst. Und er das Land und seine Politiker.

          Thorbjørn Jagland führt wieder hinaus und eine Etage höher im Institut, um über sich und Willy Brandt zu sprechen. Jagland gehört zu den bekanntesten norwegischen Politikern in den vergangenen Jahrzehnten. Er ist Mitglied der sozialdemokratischen Partei in Norwegen, der Arbeiterpartei. Er war Ministerpräsident, Außenminister und bis vor wenigen Wochen noch Generalsekretär des Europarates. Zudem ist er seit vielen Jahren Mitglied des Nobelpreiskomitees. Jetzt steht er vor seiner politischen Rente. „Willy Brandt war immer mein Vorbild“, sagt er. Als junger Politiker ist er immer wieder auf Brandt getroffen, hat mit ihm diskutiert und später hin und wieder in Bonn hoch über dem Rhein mit ihm zusammen gegessen. Viele seiner Überzeugungen hat der ehemalige deutsche Bundeskanzler mitgeprägt.

          „Willy war überall und immer präsent“

          Als Brandt 1933 nach Norwegen kam, hatten die Nationalsozialisten gerade die Macht in Deutschland übernommen. „Ich musste weg, wenn ich nicht Leib und Seele riskieren wollte, und den Blick nach draußen wenden“, schreibt Brandt in seinen „Erinnerungen“. Er war zwar der SPD beigetreten, aber hatte sich wenig später schon abgewendet und einer linkssozialistischen Abspaltung angeschlossen, der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Sie schickte ihn nach Oslo, um einen Auslandsstützpunkt der Partei im Norden aufzubauen. Er sollte in den kommenden Jahren viele Artikel und Berichte schreiben, Vorträge halten, für die Arbeiterpartei in Norwegen arbeiten, und gefährliche Reisen durch Europa antreten für seine Mission, für den Widerstand.

          Thorbjørn Jagland ist ein norwegischer Sozialdemokrat, über Brandt sagt er: „Wir haben ihn in gewisser Weise auch als einen von uns betrachtet.“

          Sein Deckname wurde ihm sein richtiger Name und Norwegen zu einer zweiten Heimat. Ob seine Reise 1933 schon eine nötige Flucht war aus Deutschland oder zuerst doch eine Mission für die Partei, sollte Historiker später beschäftigen. Selbst wenn es Anfang April 1933 keine dringliche Gefährdung gab, schreibt Peter Merseburger in seiner Brandt-Biographie, „hätte es sie nur zu bald gegeben“. Kurz darauf wurden Parteifreunde von ihm verhaftet.

          Die Reise begann jedenfalls bei miesem Wetter, über Dänemark führte ihn sein Weg. Sein Großvater hatte ihm 100 Mark gegeben, er hatte in seiner Aktentasche Hemden und den ersten Band des „Kapitals“ von Karl Marx. Am 7. April 1933 kam er in Oslo an. Schnell lernte er die Sprache und beherrschte sie den Rest seines Lebens so gut, dass er keinen Unterschied mehr gemerkt habe, erzählt Jagland. Brandt habe ohne Akzent gesprochen.

          Jagland ist erst nach dem Krieg geboren, in eine Arbeiterfamilie in einer kleinen Stadt bei Oslo. Brandt lernte er in Zeitungen kennen und im Fernsehen. „Willy war überall und immer präsent.“ Sein politischer Aufstieg, die Kanzlerwahl, der Kniefall in Warschau, der Nobelpreis. „Wir waren natürlich auch stolz hier.“ Das Königreich hatte tiefe Narben aus der Zeit der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg davongetragen. Zur Versöhnung habe auch Brandt beigetragen, sagt Jagland. Dass es Deutschland so schnell möglich gewesen sei, eine Person zu akzeptieren, die das Land verlassen hatte, sei etwas Besonderes.

          Zurück zur Sozialdemokratie

          „Das zeigte uns, dass Deutschland sich wirklich gewandelt hatte, das war wirklich neu.“ Dass Brandt in Deutschland aber auch zu tragen hatte an seiner Vergangenheit, dass er immer wieder angegriffen wurde vom politischen Gegner, weil er im Exil war, weiß Jagland. Die letzten Jahre des Krieges nach der deutschen Besetzung Norwegens 1940 verbrachte Brandt in Schweden. Nach Deutschland kehrte er als Berichterstatter für norwegische Zeitungen zurück, später war er norwegischer Presseattaché in Berlin. 1957 wurde er zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt.

          In den sechziger und frühen siebziger Jahren wurde Jagland durch die Anti-Atom-Kampagnen politisiert und durch den Protest gegen den Vietnam-Krieg. Wie viele Jugendliche in Norwegen ging er zum Jugendverband der Arbeiterpartei, der AUF. Er verbrachte dort viel Zeit, erlebte seine politischen Lehrjahre und spielte auch einfach nur im Sommerlager auf der Insel Utøya Fußball. Das Jugendlager der Partei sollte 2011 in der ganzen Welt bekannt werden, als ein Rechtsterrorist schwer bewaffnet auf die Insel fuhr und 69 Menschen tötete.

          Brandt war in den dreißiger Jahren bei der Jugendorganisation aktiv, die Partei unterstützte ihn finanziell und setzte sich für ihn ein, damit er der Ausweisung entging. Zumindest anfangs aber hatte Brandt noch andere Ziele. Er trat radikaler auf, kritisierte die Parteiführung und versuchte, den linken Flügel von seinen Ideen zu überzeugen. Die Parteiführung nahm es hin. Mit den Jahren wandelte sich Brandts Blick auf das, was er tat und was die Arbeiterpartei leisten konnte. In seinen „Erinnerungen“ schreibt er davon, wie die Arbeiterpartei in Norwegen 1935 in die Regierung eintrat. „Ob ich wollte oder nicht, der Eindruck war nachhaltig“, schreibt er. „Er weckte in mir den Wunsch, auch selbst zu gestalten und Denken und Trachten nicht mehr nur auf Minderheiten auszurichten, sondern darauf, Mehrheiten zu gewinnen.“

          Willy Brandt habe die Sozialdemokratie in Norwegen beeinflusst, sagt Jagland, „aber es war auch andersherum“. Hier habe er seine Dogmen aufgegeben, hier sei er ein pragmatischer Politiker geworden. Im Exil fand Brandt wieder zur Sozialdemokratie. Merseburger schreibt, dass bei ihm als Parteivorsitzender der SPD manches vom Habitus seiner norwegischem Genossen erkennbar werde, etwa „in seinem duldsamen Umgang mit Parteiflügeln oder den radikal orientieren Jungsozialisten, den ihm Kritiker als Führungsschwäche auslegen werden“.

          „Er sprach wie der Vater zu einem Sohn“

          Das erste Mal traf Jagland ihn in Oslo, da war Brandt schon längst Friedensnobelpreisträger. In Norwegen hatte sich die AUF wegen des Vietnamkriegs gegen Amerika gewendet, eine Mitgliedschaft Norwegens in der Nato lehnte sie ab. So sah es auch Jagland. Brandt wollte mit dem Nachwuchs der Arbeiterpartei reden, etwa 20 Abgesandte wurden in die Parteizentrale in Oslo eingeladen. „Wenn er zu Besuch kam, saß er gerne mit jungen Leuten zusammen, um zu reden“, sagt Jagland. „Es war beeindruckend, er wollte uns wirklich zuhören.“ Also sagten sie ihm, was sie gegen die Mitgliedschaft einzuwenden hatten. Brandt habe ihnen erklärt, was passiere, wenn Norwegen nicht in der Nato sei. Sollten die anderen Länder das auch machen? Deutschland zum Beispiel? Das habe man doch schon einmal gehabt. Jagland hat das überzeugt. „Wegen dieses Treffens habe ich meine Meinung geändert.“

          Als Jagland später in seiner Partei immer weiter aufstieg, wurde er auch zur Sozialistischen Internationale entsandt. Dort arbeitete er regelmäßig mit Brandt zusammen, der von 1976 bis 1992 Vorsitzender war. Jagland erlebte, wie Brandt schon mal die Sitzung verließ, wenn er seinen Willen durchsetzen wollte, und ihm das so auch gelang. Wie er hochgestreckte Hände anderer Teilnehmer einfach durch einen Blick auf die Tischplatte ignorierte, weil er den Widerspruch nicht hören wollte. Einmal, da war die Mauer in Deutschland gerade gefallen, schickte Brandt ihn nach Osteuropa. Es galt Gespräche zu führen, um die alten sozialdemokratischen Parteien wiederzubeleben.

          In Prag, sagte Brandt zu ihm, solle er unbedingt zum Volkshaus gehen, er kannte es noch aus seinen frühen Jahren, es gehörte einst den Sozialdemokraten. Als Jagland aber in Prag war, musste er feststellen, dass aus der Zentrale der Sozialdemokratie ein Lenin-Museum geworden war. Brandt soll traurig gewesen sein. Als Außenminister war Jagland dann Jahre später wieder in Prag, um eine Rede zu halten. Er staunte, dass er im Volkshaus sprechen sollte, es gehörte wieder den Sozialdemokraten. Da war Brandt aber schon lange tot.

          Jagland kann sich auch an ein Essen mit Brandt sehr gut erinnern, es war in einem Restaurant bei Bonn. „Er sprach wie der Vater zu einem Sohn“, sagt Jagland. Brandt verwies auf den Rhein unter ihnen, auf die nahe Brücke von Remagen, über die Alliierte im Frühjahr 1945 zuerst den Fluss überquert hatten. Er sprach von der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Davon, dass er sich immer erinnern müsse. Als die Nazis die Juden in Lager schickten, hätten die meisten anderen weggeschaut, sich sicher gewähnt. Wenn es aber nicht Menschenrechte für alle gebe, dann gebe es gar keine, wenn nicht Sicherheit für alle, keine Sicherheit. „Das habe ich mit mir genommen“, sagt Jagland. „Ich habe es vielen und immer wieder erzählt.“

          Diplomatisch inspiriert von Willy Brandt

          Als Jagland 1996 seine Antrittsrede hielt als Ministerpräsident, nannte er Brandt sein Vorbild. Er war nicht nur in Fragen der kollektiven Verteidigung von Brandt beeinflusst, er war auch zu einem Verfechter von Norwegens Weg in die Europäische Gemeinschaft geworden. Nur die Norweger konnte er davon nicht überzeugen. Eine wichtige Rolle spielte auch die Ostpolitik Brandts, der „Wandel durch Annäherung“. Für Norwegen war sie im Kalten Krieg wichtig, schließlich grenzte das Land direkt an die Sowjetunion. Aber für Jagland ist sie wichtig geblieben.

          Russlands Annektion der Krim 2014 hatte den Europarat in eine Krise gestürzt. Der russischen Delegation wurde das Stimmrecht entzogen, sie blieb daraufhin den Versammlungen in Straßburg fern, und Russland stellte seine Zahlungen an den Europarat ein. Jagland setzte sich als Generalsekretär dafür ein, dass Russland wieder zurückkommt. Seit dem Sommer ist Moskau wieder Mitglied mit allen Rechten und Pflichten. Eine umstrittene Entscheidung. „Wenn Russland gegangen wäre, hätte es die Spannungen erhöht“, sagt Jagland aber. „Es hätte desaströse Konsequenzen für Europa gehabt.“ Willy Brandt habe ihn dabei die ganze Zeit über inspiriert.

          Zum Schluss geht es wieder raus aus dem Nobelinstitut, hinüber zu seiner Wohnung. Ein kurzer Weg nur durch den Park und am Schloss des Königs vorbei. Selbst Willy Brandt soll die norwegische Monarchie einst beeindruckt haben. In seiner Wohnung zeigt Jagland ein Porträt von Brandt, das Andy Warhol gemalt hat. Eine Zigarette in der Hand, ein Schatten im Gesicht. Es hängt in seinem Arbeitszimmer. Auch Thorbjørn Jagland hat viel erreicht in seinem politischen Leben, er will es jetzt aufschreiben. Willy Brandt wird ihm dabei über die Schulter schauen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Historischer Altbau oder doch die Hochhauswohnung? Was sich die Deutschen leisten können, hängt nicht nur von der Region ab, sondern kann auch je nach Stadtviertel stark variieren.

          F.A.Z. exklusiv : So teuer ist Wohnen in Deutschland

          Eine Bude in München oder doch lieber das große Traumhaus in Thüringen? Der F.A.Z. liegen exklusiv Zahlen vor, die belegen, wie groß die Preisunterschiede zwischen Städten, Regionen und sogar Stadtteilen tatsächlich sind.

          Bei Auftritt in Iowa : Joe Biden beschimpft Wähler

          Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Iowa beschimpft Joe Biden einen 83 Jahre alten Mann als Lügner, weil der ihn wegen der Ukraine-Affäre kritisiert: „Ich wusste, dass Sie mich nicht wählen werden, Mann, Sie sind zu alt.“

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.