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Thorbjørn Jagland über Brandt : Willy wollte es wissen

Der Altkanzler schaut ihm über die Schulter: In Thorbjørn Jaglands Arbeitszimmer in seiner Wohnung in Oslo hängt ein Brandt-Porträt von Andy Warhol. Bild: Daniel Pilar

Vor 50 Jahren wurde Willy Brandt Bundeskanzler. Ohne seine Zeit in Norwegen ist er nicht zu verstehen. Der frühere Ministerpräsident Thorbjørn Jagland redet darüber, wie das Land Brandt formte – und wie er Norwegen beeinflusste.

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          Das norwegische Nobelinstitut liegt im Zentrum von Oslo, nicht weit weg vom Schloss. Thorbjørn Jagland wartet schon draußen. Er führt hinein, die Treppe hinauf und durch dicke Türen: in das Herz des Hauses, den Saal, in dem über den Friedensnobelpreis entschieden wird. Dunkles Holz, grüne Tapete. Ein kurzer Blick an die Wand, wo die Porträts all der Friedensnobelpreisträger hängen, dann hat Jagland ihn entdeckt: Da ist er, in Schwarz und Weiß, die Haare streng nach hinten gekämmt, da ist Willy Brandt. „Wir haben ihn in gewisser Weise auch als einen von uns betrachtet.“

          Matthias Wyssuwa

          Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.

          Willy Brandt und Norwegen, das ist eine ganz besondere Beziehung. Der junge Herbert Frahm kam 1933 in das Land, keine 20 Jahre alt. Ein Land, in dem er politisch agitierte und dazulernte, aus dem er 1940 flüchten musste, als die Nazis kamen, und in das er immer wieder zurückkehrte, als er schon längst Willy Brandt hieß und zu den wichtigsten Persönlichkeiten der deutschen Nachkriegspolitik gehörte. Im Oktober vor 50 Jahren wurde Willy Brandt zum Kanzler gewählt, im November vor 30 Jahren durfte er noch, bevor er 1992 starb, als „elder statesman“ den Fall der Mauer erleben. Norwegen hat seinen Weg beeinflusst. Und er das Land und seine Politiker.

          Thorbjørn Jagland führt wieder hinaus und eine Etage höher im Institut, um über sich und Willy Brandt zu sprechen. Jagland gehört zu den bekanntesten norwegischen Politikern in den vergangenen Jahrzehnten. Er ist Mitglied der sozialdemokratischen Partei in Norwegen, der Arbeiterpartei. Er war Ministerpräsident, Außenminister und bis vor wenigen Wochen noch Generalsekretär des Europarates. Zudem ist er seit vielen Jahren Mitglied des Nobelpreiskomitees. Jetzt steht er vor seiner politischen Rente. „Willy Brandt war immer mein Vorbild“, sagt er. Als junger Politiker ist er immer wieder auf Brandt getroffen, hat mit ihm diskutiert und später hin und wieder in Bonn hoch über dem Rhein mit ihm zusammen gegessen. Viele seiner Überzeugungen hat der ehemalige deutsche Bundeskanzler mitgeprägt.

          „Willy war überall und immer präsent“

          Als Brandt 1933 nach Norwegen kam, hatten die Nationalsozialisten gerade die Macht in Deutschland übernommen. „Ich musste weg, wenn ich nicht Leib und Seele riskieren wollte, und den Blick nach draußen wenden“, schreibt Brandt in seinen „Erinnerungen“. Er war zwar der SPD beigetreten, aber hatte sich wenig später schon abgewendet und einer linkssozialistischen Abspaltung angeschlossen, der Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands (SAP). Sie schickte ihn nach Oslo, um einen Auslandsstützpunkt der Partei im Norden aufzubauen. Er sollte in den kommenden Jahren viele Artikel und Berichte schreiben, Vorträge halten, für die Arbeiterpartei in Norwegen arbeiten, und gefährliche Reisen durch Europa antreten für seine Mission, für den Widerstand.

          Thorbjørn Jagland ist ein norwegischer Sozialdemokrat, über Brandt sagt er: „Wir haben ihn in gewisser Weise auch als einen von uns betrachtet.“

          Sein Deckname wurde ihm sein richtiger Name und Norwegen zu einer zweiten Heimat. Ob seine Reise 1933 schon eine nötige Flucht war aus Deutschland oder zuerst doch eine Mission für die Partei, sollte Historiker später beschäftigen. Selbst wenn es Anfang April 1933 keine dringliche Gefährdung gab, schreibt Peter Merseburger in seiner Brandt-Biographie, „hätte es sie nur zu bald gegeben“. Kurz darauf wurden Parteifreunde von ihm verhaftet.

          Die Reise begann jedenfalls bei miesem Wetter, über Dänemark führte ihn sein Weg. Sein Großvater hatte ihm 100 Mark gegeben, er hatte in seiner Aktentasche Hemden und den ersten Band des „Kapitals“ von Karl Marx. Am 7. April 1933 kam er in Oslo an. Schnell lernte er die Sprache und beherrschte sie den Rest seines Lebens so gut, dass er keinen Unterschied mehr gemerkt habe, erzählt Jagland. Brandt habe ohne Akzent gesprochen.

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