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Thorbjørn Jagland über Brandt : Willy wollte es wissen

Als Jagland später in seiner Partei immer weiter aufstieg, wurde er auch zur Sozialistischen Internationale entsandt. Dort arbeitete er regelmäßig mit Brandt zusammen, der von 1976 bis 1992 Vorsitzender war. Jagland erlebte, wie Brandt schon mal die Sitzung verließ, wenn er seinen Willen durchsetzen wollte, und ihm das so auch gelang. Wie er hochgestreckte Hände anderer Teilnehmer einfach durch einen Blick auf die Tischplatte ignorierte, weil er den Widerspruch nicht hören wollte. Einmal, da war die Mauer in Deutschland gerade gefallen, schickte Brandt ihn nach Osteuropa. Es galt Gespräche zu führen, um die alten sozialdemokratischen Parteien wiederzubeleben.

In Prag, sagte Brandt zu ihm, solle er unbedingt zum Volkshaus gehen, er kannte es noch aus seinen frühen Jahren, es gehörte einst den Sozialdemokraten. Als Jagland aber in Prag war, musste er feststellen, dass aus der Zentrale der Sozialdemokratie ein Lenin-Museum geworden war. Brandt soll traurig gewesen sein. Als Außenminister war Jagland dann Jahre später wieder in Prag, um eine Rede zu halten. Er staunte, dass er im Volkshaus sprechen sollte, es gehörte wieder den Sozialdemokraten. Da war Brandt aber schon lange tot.

Jagland kann sich auch an ein Essen mit Brandt sehr gut erinnern, es war in einem Restaurant bei Bonn. „Er sprach wie der Vater zu einem Sohn“, sagt Jagland. Brandt verwies auf den Rhein unter ihnen, auf die nahe Brücke von Remagen, über die Alliierte im Frühjahr 1945 zuerst den Fluss überquert hatten. Er sprach von der Katastrophe des Zweiten Weltkriegs. Davon, dass er sich immer erinnern müsse. Als die Nazis die Juden in Lager schickten, hätten die meisten anderen weggeschaut, sich sicher gewähnt. Wenn es aber nicht Menschenrechte für alle gebe, dann gebe es gar keine, wenn nicht Sicherheit für alle, keine Sicherheit. „Das habe ich mit mir genommen“, sagt Jagland. „Ich habe es vielen und immer wieder erzählt.“

Diplomatisch inspiriert von Willy Brandt

Als Jagland 1996 seine Antrittsrede hielt als Ministerpräsident, nannte er Brandt sein Vorbild. Er war nicht nur in Fragen der kollektiven Verteidigung von Brandt beeinflusst, er war auch zu einem Verfechter von Norwegens Weg in die Europäische Gemeinschaft geworden. Nur die Norweger konnte er davon nicht überzeugen. Eine wichtige Rolle spielte auch die Ostpolitik Brandts, der „Wandel durch Annäherung“. Für Norwegen war sie im Kalten Krieg wichtig, schließlich grenzte das Land direkt an die Sowjetunion. Aber für Jagland ist sie wichtig geblieben.

Russlands Annektion der Krim 2014 hatte den Europarat in eine Krise gestürzt. Der russischen Delegation wurde das Stimmrecht entzogen, sie blieb daraufhin den Versammlungen in Straßburg fern, und Russland stellte seine Zahlungen an den Europarat ein. Jagland setzte sich als Generalsekretär dafür ein, dass Russland wieder zurückkommt. Seit dem Sommer ist Moskau wieder Mitglied mit allen Rechten und Pflichten. Eine umstrittene Entscheidung. „Wenn Russland gegangen wäre, hätte es die Spannungen erhöht“, sagt Jagland aber. „Es hätte desaströse Konsequenzen für Europa gehabt.“ Willy Brandt habe ihn dabei die ganze Zeit über inspiriert.

Zum Schluss geht es wieder raus aus dem Nobelinstitut, hinüber zu seiner Wohnung. Ein kurzer Weg nur durch den Park und am Schloss des Königs vorbei. Selbst Willy Brandt soll die norwegische Monarchie einst beeindruckt haben. In seiner Wohnung zeigt Jagland ein Porträt von Brandt, das Andy Warhol gemalt hat. Eine Zigarette in der Hand, ein Schatten im Gesicht. Es hängt in seinem Arbeitszimmer. Auch Thorbjørn Jagland hat viel erreicht in seinem politischen Leben, er will es jetzt aufschreiben. Willy Brandt wird ihm dabei über die Schulter schauen.

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