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Thorbjørn Jagland über Brandt : Willy wollte es wissen

Jagland ist erst nach dem Krieg geboren, in eine Arbeiterfamilie in einer kleinen Stadt bei Oslo. Brandt lernte er in Zeitungen kennen und im Fernsehen. „Willy war überall und immer präsent.“ Sein politischer Aufstieg, die Kanzlerwahl, der Kniefall in Warschau, der Nobelpreis. „Wir waren natürlich auch stolz hier.“ Das Königreich hatte tiefe Narben aus der Zeit der deutschen Besetzung im Zweiten Weltkrieg davongetragen. Zur Versöhnung habe auch Brandt beigetragen, sagt Jagland. Dass es Deutschland so schnell möglich gewesen sei, eine Person zu akzeptieren, die das Land verlassen hatte, sei etwas Besonderes.

Zurück zur Sozialdemokratie

„Das zeigte uns, dass Deutschland sich wirklich gewandelt hatte, das war wirklich neu.“ Dass Brandt in Deutschland aber auch zu tragen hatte an seiner Vergangenheit, dass er immer wieder angegriffen wurde vom politischen Gegner, weil er im Exil war, weiß Jagland. Die letzten Jahre des Krieges nach der deutschen Besetzung Norwegens 1940 verbrachte Brandt in Schweden. Nach Deutschland kehrte er als Berichterstatter für norwegische Zeitungen zurück, später war er norwegischer Presseattaché in Berlin. 1957 wurde er zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt.

In den sechziger und frühen siebziger Jahren wurde Jagland durch die Anti-Atom-Kampagnen politisiert und durch den Protest gegen den Vietnam-Krieg. Wie viele Jugendliche in Norwegen ging er zum Jugendverband der Arbeiterpartei, der AUF. Er verbrachte dort viel Zeit, erlebte seine politischen Lehrjahre und spielte auch einfach nur im Sommerlager auf der Insel Utøya Fußball. Das Jugendlager der Partei sollte 2011 in der ganzen Welt bekannt werden, als ein Rechtsterrorist schwer bewaffnet auf die Insel fuhr und 69 Menschen tötete.

Brandt war in den dreißiger Jahren bei der Jugendorganisation aktiv, die Partei unterstützte ihn finanziell und setzte sich für ihn ein, damit er der Ausweisung entging. Zumindest anfangs aber hatte Brandt noch andere Ziele. Er trat radikaler auf, kritisierte die Parteiführung und versuchte, den linken Flügel von seinen Ideen zu überzeugen. Die Parteiführung nahm es hin. Mit den Jahren wandelte sich Brandts Blick auf das, was er tat und was die Arbeiterpartei leisten konnte. In seinen „Erinnerungen“ schreibt er davon, wie die Arbeiterpartei in Norwegen 1935 in die Regierung eintrat. „Ob ich wollte oder nicht, der Eindruck war nachhaltig“, schreibt er. „Er weckte in mir den Wunsch, auch selbst zu gestalten und Denken und Trachten nicht mehr nur auf Minderheiten auszurichten, sondern darauf, Mehrheiten zu gewinnen.“

Willy Brandt habe die Sozialdemokratie in Norwegen beeinflusst, sagt Jagland, „aber es war auch andersherum“. Hier habe er seine Dogmen aufgegeben, hier sei er ein pragmatischer Politiker geworden. Im Exil fand Brandt wieder zur Sozialdemokratie. Merseburger schreibt, dass bei ihm als Parteivorsitzender der SPD manches vom Habitus seiner norwegischem Genossen erkennbar werde, etwa „in seinem duldsamen Umgang mit Parteiflügeln oder den radikal orientieren Jungsozialisten, den ihm Kritiker als Führungsschwäche auslegen werden“.

„Er sprach wie der Vater zu einem Sohn“

Das erste Mal traf Jagland ihn in Oslo, da war Brandt schon längst Friedensnobelpreisträger. In Norwegen hatte sich die AUF wegen des Vietnamkriegs gegen Amerika gewendet, eine Mitgliedschaft Norwegens in der Nato lehnte sie ab. So sah es auch Jagland. Brandt wollte mit dem Nachwuchs der Arbeiterpartei reden, etwa 20 Abgesandte wurden in die Parteizentrale in Oslo eingeladen. „Wenn er zu Besuch kam, saß er gerne mit jungen Leuten zusammen, um zu reden“, sagt Jagland. „Es war beeindruckend, er wollte uns wirklich zuhören.“ Also sagten sie ihm, was sie gegen die Mitgliedschaft einzuwenden hatten. Brandt habe ihnen erklärt, was passiere, wenn Norwegen nicht in der Nato sei. Sollten die anderen Länder das auch machen? Deutschland zum Beispiel? Das habe man doch schon einmal gehabt. Jagland hat das überzeugt. „Wegen dieses Treffens habe ich meine Meinung geändert.“

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