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Deutsche Urlauber erzählen : Baden gehen mit Thomas Cook

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Heike Grün und Michael Steffen hören, dass andere Neckermann-Reisende am Mittwoch abreisen mussten. Eigentlich wiegen sie sich nach den Mitteilungen ihres Reisebüros vom Vorabend in Sicherheit. „Aber wir wissen noch nicht, ob das Hotel das auch so sieht.“ Am Abend sprechen sie mit dem Manager ihrer Unterkunft. Auch er hat eine Nachricht erhalten, dass die Insolvenzversicherung seine Kosten übernimmt – allerdings erst in zehn Tagen. Bis dahin seien viele Gäste schon weg. „Der Manager glaubt nicht, dass das passiert. Er wirkt echt verzweifelt“, sagt Steffen. Der Hotelleiter versuche sicherheitshalber, die Gäste zusätzlich abzukassieren. Das Ehepaar hört von einem Gast, der nur unter Androhung einer Anzeige abreisen durfte. Ein anderer habe schlussendlich bezahlt, um auschecken zu können. Wenn Grün und Steffen die Übernachtung noch mal bezahlen müssten, wären das 3500 Euro.

Freitag, 27. September.

„Versicherer will Hotels von Thomas-Cook-Reisenden sofort anzahlen“, meldet die dpa um 5:00 Uhr. Damit möchte die Insolvenzversicherung Zurich verhindern, dass Hotels ihre Gäste zwingen, die Unterkünfte vor Ort selbst zu bezahlen.

Um 10:20 Uhr geht es für Familie Fuchs zurück von Bulgarien nach Hannover. Das Auschecken, der Transfer zum Flughafen, der Rückflug – alles klappt problemlos. Endlich. Mit Mann und Sohn fährt Janina Fuchs abends zu ihren Eltern, die für sie gekocht haben. Wenigstens ums Abendessen soll sich die kleine Familie keine Gedanken machen müssen.

Zwischen „Fake“ und „Entwarnung“

Ulrike Eichhorn hat immer noch keine neuen Nachrichten. Sie könne sich nicht dazu durchringen, die Koffer auszupacken, sagt sie. „Wir wollten dem tristen Herbstwetter entfliehen und Sonne tanken – und dann das.“

Heike Grün und Michael Steffen können ihre Auszeit noch genießen – unter Vorbehalt. Noch immer wissen sie nicht, ob sie am Tag ihrer Abreise nicht doch zur Kasse gebeten werden. Nachmittags schickt ihnen ihr Reiseleiter per Whatsapp eine Pressemitteilung der Zurich Versicherung. Sie werde „bereits jetzt einen Abschlag von 50 Prozent der ausstehenden Zahlungen für im Hotel derzeit anwesende Gäste an die Hotels anweisen“, heißt es im Schreiben. Trotzdem ist das Ehepaar unsicher, ob der Hoteldirektor die Erklärung des Insolvenzversicherers akzeptiert. Vier Tage nach Bekanntgabe der Pleite sind noch 55.000 Pauschalurlauber aus Deutschland unterwegs. Am Montag waren es 140.000.

Samstag, 28. September.

Der Insolvenzversicherer Zurich teilt mit, dass das Reiseunternehmen DER Touristik die Rückreise deutscher Thomas-Cook-Kunden aus der Dominikanischen Republik, von den Balearen und den Kanaren organisiert.

Auf den Malediven suchen Heike Grün und Michael Steffen am Morgen abermals das Gespräch mit ihrem Hotelmanager. Er sei im Zwiespalt, berichtet Steffen. Er verstehe zwar, dass die Gäste nicht doppelt zahlen wollten, habe aber immer noch kein Geld von der Versicherung gesehen, das sei ein „Fake“. Am Ende besteht er nur darauf, dass die Gäste für den Transfer mit dem Wasserflugzeug aufkommen, das sie von der Insel zum Flughafen bringt. Der Transport ist eigentlich im Preis ihrer Reise enthalten gewesen, weiß das Ehepaar. Der Manager muss diese Teilkosten aber bereits bei Abreise an das ausführende Unternehmen weiterleiten, deswegen möchte er sichergehen. Die Kosten: 150 Euro – „also überschaubar“, sagt Steffen. Ob das bis zu ihrer Abreise am Donnerstag so bleibt, weiß er nicht. Aber: „Für uns bedeutet das erst mal Entwarnung.“

Familie Laczo ist seit zwei Tagen wieder im Ruhrgebiet. „Wir sind alle etwas neben der Spur“, sagt Laczo. Ihr kleiner Neffe spreche immer noch, wie böse alle im Hotel zu ihnen gewesen seien. Wenn ihnen die Ausgaben erstattet werden, wollen sie den Urlaub nachholen.

Ulrike Eichhorn wartet weiterhin auf eine schriftliche Stornierung ihrer Reise: „Uns fehlen die finanziellen Rücklagen, um neu zu buchen.“

Familie Fuchs ist seit einem Tag zurück in Hannover. Endlich sind sie zu Hause – und haben noch eine Woche frei. Fuchs sagt: „Jetzt erholen wir uns erst mal von unserem Urlaub.“

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