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Alles eine Frage des Stils : Mytheresa? Theresa May

Azteken-Kleid: Kalkulierter Fauxpas. Bild: Getty

Die neue Premierministerin von Großbritannien versteht Mode als ständige Provokation. Das Volk holt sie damit trotzdem ab. Vor allem mit ihren Schuhen.

          An einem Tag Mitte August im Jahr 2013 trägt Supermodel Cara Delevingne einen Hosenanzug mit Black-Watch-Schottenkaro von Vivienne Westwood. Jacke und Hose sind besonders lang. Es ist ihr 21. Geburtstag, und der Teil der Feierlichkeiten im Schottenkaro-Anzug läuft eine Spur ruhiger ab, jedenfalls ruhiger als jener in den Leggings mit stars and stripes und buntem Pailletten-Cape.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          An einem Tag Ende September im Jahr 2013 hat der Schottenkaro-Anzug einen weiteren Auftritt, nicht derselbe, in dem das Topmodel gefeiert hat, aber der gleiche. Jetzt trägt ihn die damalige Innenministerin von Großbritannien, Theresa May, zum Parteitag der Konservativen und spricht darin über Migration und Deportation mutmaßlicher Terroristen.

          Dass Vivienne Westwood, die ihre besten Tage hinter sich hat, das noch mal schafft: einen gemeinsamen Nenner für das Geburtstags-Outfit eines Topmodels und die Parteitags-Garderobe einer Innenministerin zu finden!

          „Ich habe einfach Freude an Kleidern“

          Deshalb ist es eigentlich auch egal, ob May nun von Delevingnes Auftritt einen Monat zuvor gewusst hatte; abgehalten hätte sie das sowieso nicht. Theresa May versteht Mode schließlich als das, wozu sie bestenfalls dienen kann: die eigene Persönlichkeit nach außen hin darzustellen und ihr so den letzten Schliff zu geben.

          Wenn also jetzt viele lamentieren, endlich sei mal wieder eine Frau Premierministerin und es gehe maßgeblich nur um ihre Schuhe, dann muss man an den Auftritt im Schottenkaro-Anzug denken, zu Schnürschuhen mit Kristallabsatz, die auch aus Miuccia Pradas Feder hätten kommen können, die May in Wirklichkeit aber beim britischen Filialisten Russell & Bromley gekauft hatte.

          Als Spitzenpolitikerin versteht sie die Mode so gut wie kaum eine andere; in ihrem Fall ist sie Mittel zur ständigen Provokation. Warum den politischen Gegner nur mit Worten herausfordern, wenn sich die auch in einen optischen Zusammenhang setzen lassen? Entsprechend exzentrisch ist ihr Stil. Sie selbst brachte das in einem Interview vor zwei Jahren mal auf die recht simple Formel: „Ich habe einfach Freude an Kleidern.“

          Ministerin für Luxus und Dekadenz?

          In Zeiten wie diesen könnte das tatsächlich eine gute Nachricht sein. May, die Premierministerin, der Paradiesvogel, liefert dem Volk ein Thema, über das es reden kann, falls es seine wertvollen Brexit-Diskussionen mal für einen Moment unterbrechen will.

          Zugleich ist Mays Kleiderwahl aber gewöhnlich genug, um als Balsam für die geschundene britische Seele zu dienen. Stichwort Russell & Bromley statt Prada. May zeigt, dass auch Frauen mittleren Alters mit ein paar Fältchen um die Augen und nicht perfekt geraden Zähnen Kleidern aber kaum neutral gegenüberstehen müssen. Ganz im Gegenteil. Und überhaupt, wer ist nicht wenigstens ein bisschen „shoe-aholic“?

          Farbenfroh: Theresa May in einem knallroten Kleid mit gemusterten Schuhen neben Carwyn Jones, dem Ersten Minister von Wales.

          Das freie Ausleben eines Schuhticks mag in der Spitzenpolitik trotzdem ein Novum sein; es ist geradezu mutig. Schließlich hätten sie ihre schätzungsweise zehn Paar verschiedenen Leopardenschuhe auch locker auf den Posten der Ministerin für Luxus und Dekadenz katapultieren können, statt dass sie nun mit allen zehn in Number 10 einzieht.

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