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Code-Knacker Alan Turing : Die privaten Leiden des Kriegshelden

Auch der Schauspieler Benedict Cumberbatch hat die Petition bereits unterschrieben. Er spielt in dem Film „The Imitation Game“ den homosexuellen Code-Knacker Alan Turing. Bild: dpa

Der Mathematiker Alan Turing ist ein gefeierter Kriegsheld in Großbritannien, denn er knackte den Funk-Code der Nazis. Aber wie zehntausenden Homosexuellen geschah ihm Unrecht. Ein Film über den Code-Knacker hat eine neue Debatte darüber ausgelöst.

          Um Alan Turing, den britischen Mathematiker, der den Funk-Code der Nazis geknackt hat, ranken sich viele Legenden. Eine führt direkt zum Firmenlogo des amerikanischen Computerkonzerns Apple. Der angebissene Apfel, glauben manche, sei eine subtile Ehrerbietung an Turing, neben dessen Totenbett im Jahr 1954 ein mit Zyankali gefüllter Apfel gefunden worden war. Fast hätte die Verbindung zwischen Alan Turing und Steve Jobs Eingang in den neuen Film gefunden. Aber am Ende, heißt es im Bekanntenkreis Harvey Weinsteins, des Produzenten von „The Imitation Game“, habe man es doch lieber gelassen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Viele Details im Leben Turings, der von Benedict Cumberbatch gespielt wird, sind unbestätigt oder liegen ganz im Dunkeln. Das hat auch mit der strengen Geheimhaltung zu tun, der seine Mission im Aufkärungszentrum Bletchley Park noch nach dem Krieg unterlag. Unzweifelhaft bleibt aber Turings historische Rolle im Zweiten Weltkrieg, der, in den Worten des früheren britischen Premierministers Gordon Brown, ohne den „einzigartigen Beitrag“ des Wissenschaftlers „deutlich anders hätte verlaufen können“. Das Genie Turings und sein Kampf gegen die deutsche Enigma-Maschine stehen im Mittelpunkt des Films – die private Leidensgeschichte des Schwulen hingegen, die neun Jahre nach dem Krieg ein qualvolles Ende nahm, verläuft mehr am Rande. Doch dieser Aspekt der Biographie, andeutungshaft und leise erzählt, hallt nun besonders nach.

          Online-Petition zur Begnadigung Homosexueller

          Seit Ende Januar zirkuliert eine Online-Petition, die zur „Begnadigung“ aller Homosexuellen aufruft, die in Großbritannien wegen „grober Unzucht“ eingesperrt oder, wie Turing, chemisch kastriert wurden. Die Initiatoren schätzen die Zahl der Betroffenen auf 49.000, fast jeder Dritte soll noch am Leben sein. 1967 wurde der berüchtigte Strafparagraph entfernt, und es dauerte noch einmal vier Jahrzehnte, bis Schwule vollends gleichgestellt waren. Erst vor einem Jahr wurde Turing, der Kriegsheld, von Königin Elisabeth II. posthum begnadigt. Vorausgegangen waren eine von Wissenschaftlern initiierte Online-Petition und eine Debatte im Oberhaus. Schon damals wurde kritisiert, dass allein Turing das königliche Pardon erhielt.

          Die nun gestartete Kampagne haben bislang 120.000 Menschen unterschrieben, unter ihnen die wichtigsten Mitglieder des Filmteams, eine Großnichte Turings sowie schwule Prominente wie Stephen Fry. In einem Begleitschreiben, das der „Guardian“ veröffentlichte, wurden William und Kate, Herzog und Herzogin von Cambridge, aufgefordert, das Vorhaben zu unterstützen. „Die schwulenfeindlichen Gesetze des Vereinigten Königreichs haben das Leben ganzer Generationen schwuler und bisexueller Männer unerträglich gemacht“, heißt es in dem offenen Brief. Nun sei es „an der Zeit für junge Führungspersönlichkeiten wie den Herzog und die Herzogin von Cambridge, dieses Schandmal unserer Geschichte zur Kenntnis zu nehmen und es zu entfernen“. Die Reaktion aus dem Kensington-Palast klang schmallippig. Dies sei eine „Regierungsangelegenheit“, weshalb der Herzog und die Herzogin dazu nicht öffentlich Stellung nähmen.

          Was nach royalem Kleinmut riecht, könnte wohlbedacht sein. Die Petition wurde vom Filmproduzenten persönlich angeschoben. Und dem geht es neben der guten Sache – kurz vor der Oscar-Verleihung – auch ums Geld. Weinstein habe seinen Film bewusst „in einen Regenbogen-Mantel gehüllt“, schrieb der Publizist Tim Teeman Anfang der Woche und erinnerte an den PR-Effekt schwulenfreundlicher Kampagnen. Zuvor hatte schon der „Hollywood Reporter“ bemerkt, dass Weinstein „nicht zum ersten Mal versucht, Politik mit seinen oscarträchtigen Filmen zu verbinden“.

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