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Einsam während der Feiertage : „Viele haben niemanden“

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Normalerweise rufen bei der Hotline für Menschen, die sich einsam fühlen, bloß 15 Prozent Männer an. Über die Feiertage verdoppelte sich die Anzahl. Bild: dpa

An Weihnachten und Silvester tut vielen das Alleinsein besonders weh – überwiegend Ältere sind betroffen. Erstmals hat ein Berliner Verein eine Hotline geschaltet und Gespräche gegen die Stille angeboten.

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          Frau Schilling, allein sein über die Feiertage – das betrifft besonders viele ältere Menschen. Ihr Verein Silbernetz hat dieses Jahr bundesweit über die Feiertage eine Hotline für diese Menschen angeboten. Wie wurde das Angebot angenommen?

          Wir haben über 1500 Anrufe über Weihnachten und Silvester erhalten. Aber wir haben auch mit einem solchen Ansturm gerechnet: Tagsüber saßen neun Tage lang fünf Menschen am Telefon und die Nachtschichten wurden doppelt besetzt.

          Weshalb rufen die Leute bei Ihrem Silbertelefon an?

          Wir bieten Leuten, die sich einsam fühlen, das Angebot „Einfach mal reden“ an – und tatsächlich waren Einsamkeit und die Möglichkeit, endlich jemanden zum Reden zu haben, die Hauptthemen während unserer Gespräche mit den Anrufern. Weihnachten und Silvester lagen für einsame, allein lebende Menschen dieses Jahr besonders ungünstig: Erst war Wochenende, dann kamen die Feiertage, dann wieder Wochenende und schließlich wieder ein Feiertag. Unser Silbertelefon für Einsame war dieses Jahr zum ersten Mal bundesweit und nicht nur in Berlin erreichbar.

          Wer ruft bei Ihnen an?

          Normalerweise rufen ungefähr 85 Prozent Frauen und bloß 15 Prozent Männer an. Dieses Mal riefen jedoch über doppelt so viele Männer an wie gewöhnlich, also waren gut ein Drittel unserer Anrufer dieses Mal männlichen Geschlechts. Das war für uns erstaunlich, weil in der Altersgruppe, die wir ansprechen – sprich 60 Jahre und aufwärts – die Männer sukzessive weniger werden. Außerdem sprechen Männer erfahrungsgemäß nicht gerne über das, was sie als Defizit empfinden oder das, was sie als Defizit gespiegelt bekommen. Die Männer, die uns in diesen neun Tagen angerufen haben, waren durchweg sehr offen und haben frei heraus gesagt: „Ja, ich bin allein“, „Ja, ich habe niemanden“ und „Die Feiertage sind schrecklich“ – das war uns in dieser Anzahl und Offenheit neu.

          Welche Geschichten haben Sie besonders berührt?

          Was mich wirklich berührt hat war, wenn mir jemand davon erzählt hat, dass seine Kinder keinen Kontakt mehr zu ihm oder ihr haben und somit auch nicht die Enkelkinder. In dieser Zeit tue es besonders weh, diesen Kontakt nicht zu haben, haben sie berichtet. Wenn es uns dann gelingt, so ein Gespräch auch wieder auf etwas Gutes im Leben zu lenken, und wir am Ende vielleicht sogar zusammen schmunzeln, ist das ein Geschenk.

          Wie lange dauert so ein Gespräch?

          Das längste Gespräch während der Feiertage dauerte anderthalb Stunden. Die kürzesten Gespräche gingen nur knapp zwei Minuten – das waren allerdings Anrufer, die uns praktisch täglich in Berlin anrufen und Dinge gesagt haben wie: „Ich bin noch da, schön dass ihr auch noch da seid und danke für eure Arbeit."

          Manche Leute rufen also mehrmals an?

          Ja, definitiv. Einer hat 120 Mal in den neun Tagen, in denen wir unser Feiertagstelefon geöffnet hatten, angerufen.

          Unsere Welt wird immer vernetzter, gleichzeitig ist oft von einer generellen Vereinsamung die Rede. Muss man heute noch einsam sein?

          Wenn man wüsste, was es alles gegen die Einsamkeit gibt, könnte man besser aussuchen, was man braucht – und somit weniger allein sein. Gut 30 bis 40 Prozent der älteren Menschen wissen nicht, was es in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft an Angeboten für sie gibt. Das hat ein Stück weit mit der Stigmatisierung von Alter zu tun – man möchte zwar alt werden, aber niemand will alt sein. In Altenheimen und Gemeindezentren liegen zwar viele Flyer aus, aber die Überflutung überfordert viele. Selbst wenn jemand mit dem Internet umgehen kann, weiß er oft nicht, nach welchen Stichworten er suchen muss und stellt nicht die richtigen Fragen. Deshalb bieten wir neben dem Silbertelefon auch Hilfestellungen bei der Angebotsfindung.

          Elke Schilling ist Gründerin und Initiatorin des Vereins Silbernetz. Das Projekt Silbertelefon soll Menschen durch Telefongespräche aus der Isolation helfen. Das reguläre Angebot wird zunächst nur Bürgern aus Berlin angeboten.

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