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Bundesweiter Protest : Tausende Schüler schwänzen fürs Klima

  • Aktualisiert am

Schüler demonstrieren vor dem Rathaus in Hamburg für mehr Klimaschutz. Bild: dpa

Politikverdrossen? Mitnichten. Tausende Schüler sind am Freitag bundesweit für wirksameren Klimaschutz auf die Straße gegangen – und haben dafür die Schule sausen lassen. Das gefällt nicht jedem. Einer fordert sogar Konsequenzen.

          Während am Freitag in Berlin eine Regierungskommission mit Tempolimits auf Autobahnen, höheren Dieselsteuern und eine Quote für Elektroautos Druck beim Klimaschutz machen will, schwänzten in vielen Teilen des Landes Schüler den Unterricht, um das ihrige zu einer anderen Klimapolitik beizutragen. Ihr Vorbild: die 16 Jahre alte Schwedin Greta Thunberg, die immer freitags fürs Klima auf die Straße geht. Unter dem Stichwort „Fridays for future“ gingen Schüler und Studenten in mehr als 60 deutschen Städten – darunter etwa ein Dutzend in Bayern –  für einen anderen Umgang mit der Umwelt auf die Straße. Das löste besonders in Bayern eine Diskussion darüber aus, ob Schüler für einen solchen Zweck den Unterricht schwänzen dürfen. Ihnen steht offiziell kein Streikrecht zu.

          Allein in bayerischen Städten gingen am Freitag Tausende Schüler auf die Straße. In Würzburg gab es nach Angaben der Polizei zu Spitzenzeiten 1000 Teilnehmer bei der Demonstration, vor allem Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren. In München verzeichnete die Polizei 750 Teilnehmer; die regionalen Organisatoren selbst sprachen von 1200 bis 1800 Leuten. Auch in weiteren Teilen Bayerns ließen Hunderte Schüler die Schule sausen.

          In Nordrhein-Westfalen beteiligten sich laut der Umweltschutzorganisation BUNDjugend landesweit insgesamt 3000 Teilnehmer. Viele Schüler trugen Plakate mit Aufschriften wie „Opa, was ist ein Schneemann?“ und Banner mit Appellen an die Politik, den Klimawandel einzudämmen.

          Auch in Schulen in Hamburg, Bremen und Niedersachsen blieben am Freitag viele Stühle unbesetzt. Allein in Hannover kamen nach Polizeiangaben am Freitagmittag rund 2300 junge Frauen und Männer zusammen.

          „Der falsche Weg, direkt nach Strafen zu schreien“

          Die bayerischen Landtagsfraktionen von SPD und Grünen plädierten dafür, ein Auge zuzudrücken. „In einer Zeit, in der allerorten nach mehr politischem Einsatz von Schülerinnen und Schüler gerufen wird, ist es der falsche Weg, bei dem heute stattfindenden Schülerstreik im Namen des Klimaschutzes direkt nach Strafen zu schreien“, erklärte die bildungspolitische Sprecherin der Landtags-SPD, Margit Wild.

          Die schulpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion, Anna Toman, sagte: „Alle reden von politischer Bildung und Politikverdrossenheit, wenn aber Schülerinnen und Schüler sich für ihre Umwelt einsetzen, werden sie bestraft. Das ist paradox.“ Die Demos zeigten, „dass Jugendliche längst erkannt haben, wie ernst es um unseren Planeten bestellt ist“. Auch die bayrischen Linken unterstützen die Klima-Demos.

          Der bayerische CSU-Bildungspolitiker Gerhard Waschler kritisierte: „Die Teilnahme am Unterricht kann niemals ins Belieben Einzelner gestellt werden.“ Demos könnten auch sehr gut unter der Woche in der schulfreien Zeit oder am Wochenende stattfinden. Mit Blick auf Grüne und SPD sagte er: „Es ist anbiedernd und gleichzeitig politisch kurzsichtig, wenn diese Parteien das Schulschwänzen für scheinbar politisch korrekte Ziele erlauben. Was würden diese Parteien denn machen, wenn Schüler während der Schulzeit für eine AfD-Veranstaltung schwänzen?“

          Der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Heinz-Peter Meidinger, sprach sich im Bayerischen Rundfunk für Nachsitzen aus. Er würde eher anordnen, dass Schulschwänzer den verpassten Unterricht am Nachmittag oder Abend nachholten – in Form von Diskussionsrunden zu Klimaschutz.

          Nicht nur bundesweit, auch in anderen Ländern zeigten junge Menschen Flagge für den Klimaschutz. So zogen etwa 12.500 Kinder und Jugendliche bei einem „Marsch für das Klima“ durch Brüssel, berichtete die belgische Nachrichtenagentur Belga. Sie forderten einen Klimaplan mit dem Ziel, die Erderwärmung auf weniger als 1,5 Grad gegenüber der vorindustriellen Zeit zu begrenzen.

          In Deutschland ist der nächste „Schulausstand“ schon geplant: Am 25. Januar tagt die Kohlekommission abermals in Berlin – dann wollen auch die Schüler wieder da sein.

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