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Tanzvideo von Sanna Marin : Darf eine Politikerin feiern?

  • -Aktualisiert am

Steht Rede und Antwort: Sanna Marin am 18. August im finnischen Kuopio Bild: AFP

Die finnische Ministerpräsidentin Sanna Marin tanzt ausgelassen mit Freunden, ein Video landet im Netz. Warum glauben manche, ihr Freizeitverhalten sage etwas über ihre Kompetenz?

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          Darf eine Politikerin feiern? Die Frage kann man stellen, wirklich hilfreich ist sie allerdings nicht. Betrachten wir es so: Es ist kein Geheimnis, wie Sanna Marin diese Frage beantwortet. Die 36 Jahre alte finnische Ministerpräsidentin begeisterte im Juli, als sie das Rockfestival „Ruisrock“ besuchte. Lederjacke, ab­geschnittene Jeansshorts, coole Boots – der Veranstalter postete ein Bild von ihr, taggte sie mit einem Herz-Emoji, die SPD-Politikerin Katarina Barley war eine von mehr als 50 000 Menschen, denen das Foto gefiel. In den Kommentaren fand sich fast nur Lob. Ein User schrieb: „Legende“.

          Man könnte Sanna Marin auch po­litisch als Legende bezeichnen. Sie ist Vorsitzende der Sozialdemokratischen Partei in Finnland, seit Dezember 2019 Ministerpräsidentin des Landes. In der Geschichte Finnlands ist sie die jüngste Amtsinhaberin. Zum Zeitpunkt ihrer Wahl war sie auch global die jüngste Regierungschefin. Nur fünf Jahre nach ihrem Masterabschluss in Verwaltungswissenschaften an der finnischen Universität Tampere 2017 re­gierte sie ihr Land.

          Als sie ihr Amt antrat, wollte sie ge­gen den Klimawandel kämpfen und den Sozialstaat stärken. Dann überfiel Russland die Ukraine, und Marin leitete das Ende der finnischen Bündnisfreiheit ein, die bis dahin jahrzehntelang als unumstößlich galt. Im Mai dieses Jahres stellte Finnland offiziell den Antrag auf NATO-Mitgliedschaft. Ihre Unerschrockenheit hatte sie spätestens da bewiesen.

          Sie wagt es zu tanzen

          Nun aber hat sie etwas wirklich Un­erhörtes gewagt: Denn ob diese Politikerin feiern darf – nun ja, es kommt in den Augen der Öffentlichkeit ganz da­rauf an. Rockfestival, das war noch in Ordnung. Jetzt aber sind Videos aufgetaucht, die nicht für die Augen sen­sationsgieriger Nutzer sozialer Medien bestimmt waren. Sie zeigen Sanna Marin auf einer privaten Party mit Freunden, sie tanzt ausgelassen im schwarzen Spitzen-Top mit dünnen Trägern, im Hintergrund ist ihr vertrauter Parteikollege Ilmari Nurminen zu sehen. Sie geht gar auf den Boden, auf die Knie, die Arme hinter dem Kopf, und gibt später einer Freundin lachend einen Kuss auf die Wange.

          Das in seinen Augen gravierende Problem erkannte der finnische Mo­derator Aleksi Valavuori sofort und schrieb auf Twitter: „Manche sagen, das ist cool ... , vielleicht unter Teenagern. Aber für eine verantwortungsbewusste Regierungschefin eines Landes in der Krise? Sie ist bei Weitem die inkompetenteste Ministerpräsidentin, die wir jemals hatten.“ Mikko Kärnä von der finnischen Zentrumspartei, ei­nem von Marins Koalitionspartnern, gab auf Twitter den Ratschlag, „es wäre klug, wenn sich die Premier­ministerin einem freiwilligen Drogentest unterziehen würde“. Nachdem finnische Medien das als konkrete Forderung interpretierten, verlangte er von ihnen eine Korrektur. Er habe doch nur gesagt, dass das klug wäre.

          Bei Männern wird die Frage nicht gestellt

          Dass manche Männer meinen, Frauen ihre Kompetenzen wegen ihres Aussehens oder wegen ihres Freizeitverhaltens aberkennen zu müssen, ist nicht verwunderlich, aber weiterhin frauenfeindlich. Denn die Frage, ob ein Politiker, ein explizit männlicher, feiern darf, die wird allzu oft nicht gestellt. Bei Boris Johnson natürlich, aber da ging es darum, dass er exzes­sive Partys inmitten strikter Corona-Lockdowns gefeiert hatte.

          Als der damalige Verkehrsminister Andreas Scheuer 2018 seine DJ-Künste öffentlich bei einer Cluberöffnung in Passau zum Besten gab, war das zwar zum Fremdschämen, auf seine Kompetenzen verwies in diesem Zusammenhang aber niemand. Und als Friedrich Merz vor wenigen Wochen beim Sommerfest der Union fröhlich zum Takt der Musik stampfte, speicherte sein Team die ­Instagram-Story als dauerhaft ver­füg­bares Highlight ab.

          Auf Twitter tummeln sich zur Verteidigung Marins inzwischen viele Vi­deos, die ranghohe Politiker beim Tanzen in öffentlichen Situationen zeigen. Marins Video zeigt keinen öffent­lichen Auftritt. „Ich bin verärgert ­darüber, dass sie an die Öffentlichkeit ge­langt sind“, sagte sie. Verständlich ist das allemal, weiß man um die anderen Maßstäbe, die an Frauen angelegt werden.

          Kim Maurus
          Volontärin.

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