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Partystimmung : Zum Tanzen sind wir nicht geboren

  • -Aktualisiert am

Menschen tanzen im Club. Bild: dpa

Die Coronaregeln sind gelockert, die Zeit der Festivals, Hochzeiten und Sommerfeste hat begonnen. Endlich wieder tanzen also. Davor macht selbst die CDU nicht halt. Aber ist das wirklich eine gute Nachricht?

          3 Min.

          Die Corona-Pandemie hat den Menschen viele Leiden aufer­legt, aber sie auch von manchen erlöst. Insbesondere vom Tanzen. Es gibt, wenn man ehrlich ist, nur ganz wenige Menschen, bei denen es im ästhetischen Sinne gut aussieht, wenn sie tanzen. Gemessen daran fühlen sich allzu viele dazu berufen.

          Timo Frasch
          Politischer Korrespondent in München.

          Auf – Gottlob – kleinster Flamme kann man das bei Jazz-Matineen beobachten. Da pflegen die Besucher zwar diskret auf ihren Stühlen sitzen zu bleiben, schließlich halten sie sich wegen ihres Musikgeschmacks für vornehm, aber jeder ist es doch sich und dem Sitznachbarn schuldig, im vermuteten Rhythmus wenigstens mit dem Finger zu schnippen oder die Lippen zu schürzen und dabei den Kopf nach vorne und hinten zu bewegen wie der selige Mirco Nontschew in seinen Parodien, kurz: mitzugrooven. Ganz wichtig ist es da­bei, so zu tun, als könne man gar nicht anders, als sei man ein slave to the music, ein aufgeklärter zwar, aber doch mit un­gebrochenem Kontakt zu den Wurzeln un­serer Existenz.

          Tanzparty gleich gute Party?

          Das Image des Tanzens ist erstaunlich gut. Partys gelten erst dann als gelungen, wenn nachts um drei zum Verdruss der Nachbarn 30 Leute auf einem Bein und Luftgitarre spielend zu „It’s The End Of The World As We Know It (And I Feel Fine)“ von R.E.M. durchs leer geräumte Wohnzimmer derwischen. Jedes Jahr wieder wird ein Tamtam um das Tanzverbot an Karfreitag gemacht – dabei sollte man es als vorösterliche Erlösung begreifen. Am besten sind aber Paare, die gerade zwei Wochen auf Ur­laub auf Kuba wa­ren. Keine Salsa-Party, ob in Schwäbisch-Hall oder Bad Honnef, ist vor ihnen sicher. Da müsste man mal über kulturelle Aneignung sprechen.

          Leute mit Nahtoderfahrungen schildern manchmal, wie sie von außen auf sich selbst geblickt haben. Das kann man beim Tanzen weniger dramatisch haben. Entgegen dem Klischee sind auf der Tanz­fläche die wenigsten ganz bei, die meisten hingegen buchstäblich außer oder neben sich, was Farin Urlaub in unsterbliche Verse gegossen hat: „Ist das dein Arsch oder meiner / Ich hab den Überblick verloren / Und ich sag mal eins steht einwandfrei fest / Zum Tanzen bin ich nicht geboren.“

          Ein spezieller Fall ist der Besuch eines Konzerts oder eines Festivals, was ja in diesem Sommer wie nie zuvor möglich ist, da wirklich jede existierende Band auf Tour ist. Es gilt dort die Faustregel: Je voller es ist, desto besser, denn umso weniger können die Leute sich bewegen, mithin tanzen. Auf der Tribüne jedoch ist dieser für alle beste Ausweg versperrt. Angenommen, es spielt eine Rockband. Dann stellt sich über kurz oder lang die Frage: Aufstehen oder sitzen bleiben? Man möchte sitzen bleiben, darum hat man ja für die Tribüne bezahlt. Andererseits will man zeigen, dass man immer noch den Rock ’n’ Roll im Blut hat. Also hoch. Nun kann man sich nicht mehr setzen, das hätte was von einer Kapitulation. Ähnlich ist es mit dem Klatschen. Hat man einmal angefangen, kommt man mindestens bis zum Ende des Lieds nicht mehr heraus, ohne als Spielverderber zu gelten.

          Gabriel García Márquez hat mal ge­sagt, jeder Mensch führe drei Leben: ein öffent­liches, ein privates, ein geheimes. Das Tanzen ist eine Mischung aus öffentlich und geheim. Man stülpt, während man es tut, das Innerste nach außen – und 80 000 Leute in einem Stadion können sehen, was man sonst nur nachts um zwei besoffen vor dem Badezimmerspiegel macht – oder im Bett. Wie sagte die sehr gute Tänzerin Sophia Thomalla sinngemäß im F.A.Z.-Interview: Gute Tänzer seien auch gut im Bett.

          Da mag etwas dran sein – ansonsten ist aber das Tolle, ja das Gerechte am Tanzen, dass es von außen sehr schwer einzuschätzen ist, wer es gut kann und wer nicht. Schöne Menschen mögen laut Studien bessere Jobs haben, Leute mit besseren Jobs besser verdienende und schlankere Partner, aber ob sie tanzen können, ist eine ganz andere Frage. Manchmal kann man die nicht einmal beantworten, wenn die Reichen, Schönen und Mäch­tigen tanzen, denn sie neigen dazu, sich in uneigentliches Gehampel zu flüchten und dazu dann ganz ironisch „dancen“ oder, früher, „das Tanzbein schwingen“ zu sa­gen. Ansätze davon waren auch beim viel beachteten Dance von Friedrich Merz auf der Sommerparty der CDU/CSU-Bundestagsfraktion am Mittwoch zu erkennen.

          Wir werden uns hier nicht aufs Glatteis begeben und behaupten, auf der Tanz­fläche komme der Globale Süden endlich zu seinem Recht. Aber es ist doch immer wieder schön zu sehen, wenn etwa im „La­tin Palace Changó“ im Frankfurter Bahnhofsviertel die Latin-Ladys aus den Läufhäusern einlaufen und mit einem einzigen Hüftschwung all die Banker und angeblichen Kulturschaffenden alt und käseweiß aussehen lassen. Was im „Changó“ nach der Corona-Pause wieder passieren darf, ist wahrlich die Umkehrung der Verhältnisse. Vielleicht sollten die Documenta-Macher da mal ­hingehen.

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