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Liebeserklärung ans Büdchen : Der Tag der Trinkhallen

Geh ma bei de Bude: Im Ruhrgebiet werden Trinkhallen gut besucht, hier zu sehen ein Kiosk in Essen. Bild: dpa

Späti, Kiosk, Trinkhalle – wie sie auch heißen, überall in Deutschland beglücken sie Menschen. Mit eiskaltem Bier, mit Süßigkeiten zum Mischen, mit noch unverdrängten Urgesteinen der Stadt. Vier Autoren schwärmen.

          Ein Kiosk in Duisburg, davor stehen drei Männer und trinken Bier. König Pilsener, kommt von hier. Sie reden über Arbeit (schwierig) und Fußball (noch schwieriger). Sind die Flaschen leer, gehen sie zu Alim, dem Kiosk-Mann und lassen sich für 1,50 Euro je eine neue Pulle durchs Fenster reichen. Es ist billiger als in der Kneipe, aber sie könnten genauso rüber zum „Netto“ gehen. Der macht nur eine Stunde später zu als der Kiosk, um zehn nämlich, billiger ist es da sowieso. Machen sie aber nicht. Warum? Die Männer brummen. „Bei de Bude trifft man sich”, sagt einer mit Oberlippenbart, der Manfred oder Udo heißen könnte. Über Namen redet man bei de Bude, anne Trinkhalle nicht. Es ist die unverbindliche Vorstufe der Eckkneipe, die einen Schankraum hat, in der man sitzt, um Bier zu trinken. Bei der Trinkhalle muss man nur stehen bleiben, Geld durchs Fenster reichen, und es kommt was raus. Kinder lassen sich bunte Tüten anfertigen, jede ein Einzelstück: Mit großer Ernsthaftigkeit zählt der Kiosk-Mann die sauren Zungen, je zehn Cent, die Cola-Kracher, die Schlümpfe, fünf Cent, und die Brause-Ufos. Wer nichts mit Süßigkeiten, Zigaretten oder Alkohol zu tun hat, holt zumindest die Pakete ab, die hier lagern. An den meisten Trinkhallen hängen Hermes-Fähnchen oder stehen DHL-Aufsteller davor. Die Trinkhallen sind Nachbarschaftsmanager.

          Geh ma bei de Bude

          Timo Steppat

          Redakteur in der Politik.

          Mona Jaeger

          Redakteurin in der Politik.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Johanna Dürrholz

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET

          Im Ruhrgebiet sollen sie für mehr stehen. Orte der Identifikation, Botschafter des rauen Charmes der Region. Beim Tag der Trinkhalle, den sich vor zwei Jahren die Ruhr Tourismus AG ausgedacht hat, werden die Büdchen gepriesen wie Fördertürme und Hochöfen. Eine ziemlich gute Idee der PR-Leute. Das erkennt man daran, dass es Tage für fast alles ständig gibt, aber sie interessieren keinen. Der Tag der Trinkhalle wird wie ein Fest im Ruhrgebiet begangen, es gibt Veranstaltungen, Gäste kommen, Bands spielen.

          Früher stand das Ruhrgebiet für Arbeit. Die hielt alles zusammen, durch sie funktionierte auch Integration. Heute ist die Schwerindustrie in großen Teilen weg. Deshalb sucht man sich andere Dinge, auf die man stolz sein kann. Fußball ist sowas, das Bier verbindet und irgendwie eben auch die Trinkhallen. Wer mal vor einer Bude stand, Bier in der Hand, irgendwo ragte ein Förderturm in den Himmel, führte eine hässliche Bahnbrücke vorbei, der dachte vielleicht frei nach Frank Goosen: Den Pott schön finden, das muss man wollen. Von Timo Steppat

          Das Wasserhäuschen

          Über das Wasserhäuschen, eine Frankfurter Institution, gibt es eine Menge Missverständnisse. Es fängt schon beim Namen an: Wasserhäuschen, diese kleinen, meist runden und freistehenden Kioske, verkaufen Zigaretten, Bier, Wodka, saure Apfelringe, wohl am wenigsten aber Wasser. Ihren Namen haben die Trinkhallen bekommen, weil sie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahezu die einzigen Orte waren, wo man in Flaschen abgefülltes, sauberes Wasser kaufen konnte. Die Häuschen standen deswegen neben den Fabriken und in den Arbeitervierteln. Die Arbeiter sollten mehr Wasser trinken und weniger Bier und Schnaps. Die Wasserhäuschen waren nicht an die Ladenöffnungszeiten gebunden, deswegen kam es zu einem regelrechten Boom. Bis zu 800 Wasserhäuschen gab es wohl zwischenzeitlich auf Frankfurter Stadtgebiet.

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