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Tätowierte Fußballer : Sich seiner Haut wehren

Schmucker Typ: Daniel Agger Bild: dapd

Tätowierungen von Fußballspielern sind mehr als nur Körperschmuck: allem voran sollen sie Ausdruck ihres aggressiven Kampfes sein. Doch ob das Phänomen anhält, ist fraglich.

          Lukas Podolski, unser Mann aus dem Volke, hat auch eine. Auf dem rechtenen Bizeps verbirgt sich seit wenigen Wochen die Huldigung an seine Stadt, der er allerdings gerade erst den Rücken gekehrt hat: „Cologne“ steht da zu lesen, darüber das Stadtwappen mit den drei Kronen und den elf schwarzen Flammen. Die Tätowierung, sagt der Kölner, der in Polen geboren wurde, sei schon lange ein Wunsch von ihm gewesen. Die Abschiedsgeste dürfte auch vielen echten Kölnern unter die Haut gegangen sein. Ob er mit dem kaum auszumachenden Körperschmuck aber auch seinen Gegnern Angst einjagen will? Wohl kaum.

          Peter-Philipp Schmitt

          Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Das hat die deutsche Mannschaft derzeit nicht nötig, könnte man meinen. Zumindest nicht mehr. Tätowierungen tragen die heutigen Nationalspieler - wenn überhaupt - nur verborgen am Körper. Selbst wenn sich Gomez, Neuer, Lahm, Hummels, Schweinsteiger oder auch Bender nach dem Spiel entblößen, sind keine Liebesbeweise, Champions-League-Pokale (warum auch?) oder Mutter-Gottes-Darstellungen zu entdecken. Einzig Ersatztorwart Tim Wiese liebt es großflächig bunt auf der Haut - er zeigt uns unter anderem seine Ehefrau Grit nackt auf seinem Unterarm -, wie früher auch schon Frings, Babbel, Ziege oder Odonkor. Kommen Tätowierungen etwa aus der Mode? Und warum tragen noch immer viele Fußballspieler besonders große und sichtbare Verzierungen unter und auf der Haut?

          Gladiatoren des 21. Jahrhunderts

          Die Fachleute sind sich einig, dass tätowierte Fußballspieler sehr wohl auch ihren Gegnern Angst einjagen wollen. Für Erich Kasten, Medizin-Psychologe aus Göttingen und Autor vieler Arbeiten zum Thema Körperveränderungen, sind Fußballspieler die Gladiatoren des 20. und 21. Jahrhunderts. „Früher“, sagt Kasten, „wurden Kriege geführt.“ Heute werden die einst gewaltsamen Auseinandersetzungen eben auf dem Fußballplatz ausgetragen, gerade wenn Nationen bei Europa- und Weltmeisterschaften gegeneinander antreten. Helden werden geboren, Gegner niedergetreten und -geschlagen. Schon bei den primitiven Völkern waren Tätowierungen genauso wie andere Körperveränderungen - etwa Piercings oder Schmucknarben - Zeichen von Mut. Wer ein großes Tier erlegt oder einen Krieger getötet hatte, trug den Sieg lebenslänglich zur Schau. Dafür musste er - noch einmal - Schmerzen ertragen, eine weitere Probe und Ausdruck seiner Manneskraft.

          Mit Gottes Hilfe: Der Niederländer Wesley Sneijder trägt ein Bibel-Zitat auf der Brust – und musste doch schon als Verlierer nach Hause fahren.

          Zu dem martialischen Ritual passt, dass gerade bei einer besonders aggressiven Sportart besonders viele Tätowierungen zu sehen sind. Stephan Oettermann, Kulturhistoriker und Autor des Buches „Zeichen auf der Haut. Die Geschichte der Tätowierung in Europa“, glaubt, dass Fußballspieler, geprägt vom täglichen Kampf, auch offensiver mit ihrem Körper umgehen als zum Beispiel Schwimmer, die einen „doch eher ästhetischen Sport“ betrieben.

          Nicht normal sein, sondern ein bisschen verrückt

          Unbestreitbar hat die Beliebtheit von Körpermodifikationen in den vergangenen Jahren weiter zugenommen. Fast jeder dritte junge Deutsche ist inzwischen tätowiert, und zwar Männer genauso wie Frauen. Auch dafür gibt es Gründe: „Tätowierungen“, glaubt Oettermann, „sind eine der letzten Möglichkeiten, seine Individualität zur Schau zu stellen.“ Und Kasten ergänzt, dass man den Trend auch psychopatholgisch erklären könne: „Man will gerade nicht normal sein, sondern eben ein bisschen verrückt.“ Und genau das spiegelt sich auch in den Tätowierungen der Fußballspieler wider. Es sind keine Bilder von der Stange, wie sie jeder hat, sondern Zeichnungen oder Schriftsymbole, die individuelle Geschichten erzählen sollen.

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