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T-Shirts gegen Rassismus : „Ich hatte noch nie Sex mit einem Schwarzen“

Isaiah Lopaz und seine T-Shirts: „Ich machen eine Party, kannst du afrikanisches Essen mitbringen?“ Bild: Isaiah Lopaz

Wenn er in Berlin an der Ampel wartet, wird er nach Drogen gefragt. Auch sonst hört der Afroamerikaner Isaiah Lopaz die absurdesten rassistischen Sprüche. Die „Besten“ hat er jetzt auf T-Shirts drucken lassen. Ein Interview.

          Herr Lopaz, Berlin ist als sehr offene, multikulturelle Stadt bekannt. Sie sind in Amerika aufgewachsen und  2007 nach Deutschland gekommen. Wann erleben Sie in Berlin Rassismus?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Jeden Tag. Zum Beispiel werde ich von wildfremden Menschen nach Drogen gefragt, egal, ob ich gerade an der Ampel stehe, im Supermarkt oder im Nachtclub bin. Am Anfang war ich wirklich überrascht, ich habe nicht verstanden, warum ich gefragt werde. Ich rauche nicht, ich nehme keine Drogen. Heute frage ich deswegen immer zurück: Sehe ich so aus, als würde ich Drogen verkaufen?

          Sie haben sich jetzt mit T-Shirts fotografieren lassen, auf denen zum Beispiel steht „Wo gibt es Drogen?“. Wie kamen Sie auf die Idee?

          Ich wurde inspiriert von dem Projekt „I, too, am Harvard.“, mit dem schwarze Studenten gegen Rassismus an der Uni protestiert haben. Mir geht es darum, zu zeigen, was ich erlebe. Wenn ich in einen Raum komme, projizieren Menschen Dinge auf mich, ohne dass ich etwas dagegen tun kann. Zum Beispiel: „Schwarze haben große Penisse.“ Weil ich dagegen machtlos bin, kann ich mir die Sprüche auch gleich aufs T-Shirt schreiben.  

          Verkaufen Sie die T-Shirts?

          Nein, das ist ein Kunstprojekt. Ich werde aber durch Europa reisen und verschiedene Projekte betreuen, bei denen zum Beispiel andere Schwarze ihre Erlebnisse schildern und wir sie dann auf T-Shirts drucken. Außerdem ist ein Theaterstück und ein Podcast geplant. Ich bin Fotograf und Künstler.

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          Lassen Sie uns ein paar der Sprüche von den T-Shirts und die Geschichte dahinter durchgehen.

          Okay, gerne.

          „Du hast keine Kultur, weil du von Sklaven abstammst.“

          Das haben zwei ältere Lehrerinnen zu mir gesagt, die ich in einer Bar kennengelernt habe. Sie wollten mir zuerst nicht glauben, dass ich aus Amerika komme, weil ich Schwarz bin. Ich habe Sie gefragt, ob Sie schon mal von Obama gehört hätten. Dann meinten Sie, dass man als Amerikaner keine Kultur hätte, weil eine Kultur erst nach einer tausendjährigen Geschichte entstehe. Und schließlich erklärten sie mir, dass man als Nachfahre von Sklaven sowieso keine Kultur hätte. Das war einer der verletzendsten Sprüche.

          „Wo gibt es Drogen?“ Bilderstrecke

          „Ich wusste nicht, dass du schwul bist, du bist doch schwarz.“

          Ich bin homosexuell und merke immer wieder, dass in der Szene der Rassismus besonders groß ist. Wenn ich an der Tür von einem Schwulen-Club stehe, werde ich fast immer darauf hingewiesen: Du weißt aber schon, dass das hier für Schwule ist? Vor oder hinter mir in der Schlange wird das niemandem gesagt. In den Mainstream-Medien sind Schwule in Deutschland immer Weiße, vielleicht kommt das daher. Ich habe Rassismus definitiv schon in meinem Schlafzimmer erlebt. Es ist völlig falsch zu denken, dass Minderheiten sich gegenseitig nicht diskriminieren. Es gibt schwule Rassisten und Schwarze, die Schwule hassen.

          Wie viele T-Shirts gibt es insgesamt?

          22, Fotos von 20 sind bisher veröffentlicht. Aber ich könnte über hundert T-Shirts drucken. Außerdem gibt es viele Erlebnisse, die man nicht auf T-Shirts packen kann. Fahrkartenkontrolleure behandeln Schwarze oft anders als Weiße. Ich wehre mich immer dagegen, dass sie mir das Ticket aus der Hand nehmen, weil sie das bei Weißen nie machen. Unterstützung habe ich dabei noch nie bekommen.

          Gab es keine positiven Erfahrungen, Stichwort Zivilcourage?

          Doch, einmal habe ich meinen Job in einem Restaurant verloren, eine Kollegin erzählte mir danach, dass mich der Chef hinter meinem Rücken immer „Nigger“ nannte. Sie hat mir sogar versprochen, dass in einer Gerichtsverhandlung zu bezeugen, aber so weit ist es nicht gekommen. Ich habe deswegen auch ein T-Shirt mit dem Spruch bedruckt: „Er hat dich hinter deinem Rücken Nigger genannt.“ Wenn sich Weiße gegen Rassismus erheben, bringt das viel mehr, als wenn das nur Schwarze machen.

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