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Regisseurin Nora Fingscheidt : „In Filmen sind mir die Mädchen immer zu brav“

Gewinnerin: Regisseurin Nora Fingscheidt erhielt für ihren Film „Systemsprenger“ den Silbernen Bären/Alfred-Bauer-Preis, der jedes Jahr den Film des Berlinale Wettbewerbs auszeichnet, der eine neue Perspektive für die Filmkunst eröffnet. Bild: AFP

Die junge deutsche Regisseurin Nora Fingscheidt hat für ihren Debüt-Langspielfilm „Systemsprenger“ einen Silbernen Bären erhalten. Im Interview erzählt sie, warum sie für die Suche nach ihrer jungen Hauptdarstellerin nicht so lange brauchte wie Michael Haneke.

          Frau Fingscheidt, für Ihren Film „Systemsprenger“ sind Sie am Samstagabend bei der Berlinale mit dem Silbernen Bären/Alfred-Bauer-Preis ausgezeichnet worden. Wie sind Sie überhaupt auf den Begriff aufmerksam geworden?

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Das war vor sechs Jahren bei den Dreharbeiten für einen Dokumentarfilm im Auftrag der Caritas über ein Heim für wohnungslose Frauen. Der Ort war für viele Frauen eine sehr späte Station in ihrem Leben, und dann zog da eine Vierzehnjährige ein. Ich fragte mich, was macht ein Mädchen hier. Die Sozialarbeiterin meinte gelassen: ‚Ach ja, die Systemsprenger, die dürfen wir immer ab ihrem 14. Geburtstag aufnehmen. Wenn keine andere Institution sich mehr traut, dann kommen die Kinder zu uns.’ Ich wollte schon immer einen Film über ein wütendes Mädchen machen, in Filmen sind mir die Mädchen immer viel zu brav. In dem Moment wusste ich, dass sich gerade etwas zusammenfindet, was für mich persönlich eine Bedeutung und gesellschaftliche Relevanz hat. Die meisten Leute wissen ja gar nicht, dass es noch Kinderheime gibt, auch wenn die jetzt Wohngruppen heißen. Ebenso die Jugendpsychiatrie und Inobhutnahmestellen.

          Es ist ihr erster Spielfilm.

          Nein, ich habe Spielfilm studiert, aber meine ersten fünf Filme waren Kurzspielfilme. Dazwischen dachte ich immer mal bei bestimmten Themen: Das muss ein Dokumentarfilm sein. Und manchmal gibt es Themen, zu denen ich einen rein fiktionalen Zugang habe. So war das bei „Systemsprenger“, das ist der erste lange Spielfilm geworden.

          Ihre Hauptfigur Benni ist ein wütendes Mädchen, das gern pink trägt und kaum zu bändigen ist, wenn es provoziert wird – und dabei eigentlich nur zurück zu seiner Mutter will. Wie haben Sie Helena Ziegler gefunden, die diese Rolle so perfekt verkörpert?

          Ich habe beim Schreiben schon gedacht, ich werde niemals ein Kind finden, das diese Rolle spielen kann. Und wenn ich eines finde, dann werden die Eltern niemals zustimmen, dass es diese krasse Rolle spielt. Aber ein Freund hatte mal gesagt: Nora, fang mit dem Projekt an, vor dem Du die meiste Angst hast. Und vor diesem hatte ich die meiste Angst. Ich schrieb es also, und dann bekam das Buch Drehbuchpreise, und die Finanzierung wurde realistischer, also machten wir eine erste Castingvorrunde. Helena war dabei Nummer sieben. Michael Haneke hat 1500 Kinder für sein „Weißes Band“ gecastet, ich kann doch nicht das siebte Kind nehmen, dachte ich mir. Also haben wir weitergesucht: Straßencasting, Sportvereine, Schulen. Wir haben uns 150 Mädchen angesehen, aber ich kam in Gedanken immer wieder zu Helena zurück.

          Warum?

          In ihrer Aggression konnte sie noch Not und Verletzlichkeit und Verzweiflung mit transportieren.

          Nummer sieben beim Casting: Helena Zengel gibt der neun Jahre alten Hauptfigur Benni Verletzlichkeit zur großen Wut.

          Ist es schwer, Kinder dahin zu bekommen, dass sie das spielen, was man sich als Regisseurin vorstellt?

          Es ist sehr schwer, mit Kindern zu arbeiten. Und gleichzeitig sind gewisse Sachen dabei leichter. Man hat eine riesige Verantwortung, besonders bei einem so schweren Thema, das man über einen so langen Zeitraum bearbeitet. Mir war es sehr wichtig, zeitig mit der gemeinsamen Arbeit zu beginnen. Sechs Monate vor Drehbeginn haben wir uns zum ersten Mal getroffen. Helena war bei fast jedem Erwachsenen-Casting dabei und konnte Stück für Stück in Bennis Welt reinrutschen. Und so schon einmal lernen: Ach, das ist die Ärztin, und das ist die Sozialarbeitern Frau Bafané, die mag ich, aber der Erzieher soundso, den mag ich nicht. Und wir haben immer darüber gesprochen: Wie würde Benni jetzt reagieren und wie würde Helena reagieren? Es war mir sehr wichtig, dass sie zu unterscheiden lernt, zwischen sich und der Rolle. Selbst bei wirklich krassen Szenen, da hat sie sich die Seele aus dem Leib geschrien und dann sagte man: Pause – und Helena sprang jauchzend über den Flur und wollte spielen. Das ist das Leichte bei der Arbeit mit Kindern, diese wundervolle Leichtigkeit. Ein Erwachsener würde da in der Rolle bleiben und sich zurückziehen. Aber Helena konnte das ablegen.

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