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Sportlerinnen aus Syrien : Frei geschwommen

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Yusra Mardini bei den Olympischen Spielen in Rio im vergangenen Jahr
Yusra Mardini bei den Olympischen Spielen in Rio im vergangenen Jahr : Bild: dpa

Aber in Yusra erkannte Spannekrebs das Potential für den Wettkampfsport. Er fing an, sie mit Blick auf die Olympischen Spiele 2020 in Tokio zu trainieren. Außerhalb der Sportanlage wurde er eine Art Ziehbruder - er half den Schwestern mit den Papieren, mit der Wohnungssuche, mit der Familienzusammenführung der Eltern und der jüngeren Schwester.

Doch dann kam auf einmal alles anders. Das Internationale Olympische Komitee kündigte an, zum ersten Mal in seiner Geschichte ein staatenloses Team aus Flüchtlingen bei den Spielen antreten zu lassen. Spannekrebs schrieb den Verantwortlichen. Yusra wurde nominiert, und die Geschichte vom Mädchen, das erst um ihr Leben und dann in Rio schwimmt, ging um die Welt.

Gerade mal ein Jahr, nachdem sie durch das Mittelmeer nach Europa geschwommen war, nahm sie 2016 an den Olympischen Spielen in Rio teil. Sie war weit weg von den Besten. Aber es war schon beachtlich, dass sie nur einige Monate, nachdem sie das Training wieder aufgenommen hatte, überhaupt dabei war. "Nachdem wir Syrien verlassen hatten, dachten wir: Wie sollen wir bloß eine Zukunft aufbauen, wie sollen wir die Sprache lernen? Und wie aus dem Nichts kam diese Chance", sagt Yusra.

Kaum zwei Jahre nach ihrer Flucht, mit gerade mal 19 Jahren, war sie zu einem internationalen Gesicht der Flüchtlingskrise geworden. Sie traf den damaligen amerikanischen Präsidenten Barack Obama, Papst Franziskus, Facebook-Geschäftsführerin Sheryl Sandberg. Sie sprach vor den Vereinten Nationen und dem World Economic Forum in Davos, und sie wurde zur jüngsten Sonderbotschafterin des Flüchtlingshilfswerks UNHCR ernannt - die Rolle übernehmen sonst Hollywood-Stars.

 Zugleich geht sie zur Schule, lernt deutsch und trainiert, um in wenigen Wochen, Ende Juli, bei den Schwimm-Weltmeisterschaften in Budapest anzutreten - dort, wo sie im September 2015 mit ihrer Schwester zehn Tage lang festsaß, als der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán die Grenzen schließen ließ. Und sie trainiert weiter für Olympia 2020 in Tokio.

Vor einigen Monaten hat die britische Firma Working Title Films, verantwortlich für Produktionen wie "Bridget Jones" und "Billy Elliot", die Rechte für einen Film über Yusra erstanden. Und ein Buch ist auch in Vorbereitung. Ob das alles nicht zu viel ist für eine Heranwachsende? "Es ist alles überwältigend", sagt Yusra. "Aber ich bin auf einem sinkenden Boot vor einem Krieg geflohen und habe überlebt. Wenn ich das kann, dann kann ich alles schaffen."

Yusra weiß, dass sie privilegiert ist

Sie hat nicht nur überlebt, sie hat sich innerhalb kürzester Zeit eine Karriere als Athletin und Aktivistin aufgebaut. Darin sieht sie vor allem eine Verantwortung. "Meine Geschichte zeigt, dass man es trotz aller Not schaffen kann. Deswegen will ich sie erzählen, um andere Flüchtlinge zu ermutigen, Würde einzufordern."

Ihre Route, sagt sie, sei noch eine der leichtesten gewesen. Ihr sei nichts passiert, weil die Gruppe zusammengehalten und sich gegenseitig beschützt habe. Sie kennt auch Leute, von denen man monatelang nichts gehört hat, von denen man nicht weiß, ob sie überhaupt noch am Leben sind. Sie weiß, dass sie privilegiert ist.

Es sind Privilegien, die auch ihre Eltern, die mit der neunjährigen Schwester mittlerweile in Deutschland sind, nicht haben. "Es ist unglaublich schwer für sie. Sie haben ihre Heimat verloren, sie sprechen nicht mal Englisch, und jetzt müssen sie erst mal Deutsch lernen. Sie können gerade gar nichts machen, außer zu warten."

Wenn man Yusra mit ihrer Schwester erlebt, wie sie streiten, sich necken, wie sie kichern und sich umarmen, dann kann man ihre Geschichte leicht vergessen. In ihrem Verhalten lässt sich nichts erahnen von den Schwierigkeiten auf ihrem Weg und von der Aufgabe, die sie sich nicht ausgesucht haben. Die Flucht hat nicht nur Yusras, sondern auch Saras Weg bestimmt.

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