https://www.faz.net/-gum-8mfb4

Leipzig nach dem Fall Albakr : Gute Syrer, böse Syrer

  • -Aktualisiert am

In diesem Haus in Leipzig-Paunsdorf wurde Albakr dingfest gemacht. Bild: dpa

Jaber Albakr, der sich in der Haft getötet hat, war von Landsleuten in Leipzig festgenommen worden. Die Syrer der Stadt versuchen einander zu helfen, wo es geht – und erkennen sich doch in der Fremde kaum wieder.

          6 Min.

          Von seinem Fenster im vierten Stock sieht Ali die Haselnüsse von den Bäumen fallen, den Ahorn rot werden und in diesen Tagen viele Wagen mit einer großen Schüssel oben drauf. Für einen Moment bestaunt Ali, ein 40 Jahre alter Tierarzt aus der syrischen Stadt Salamiyya, das Wort Übertragungswagen. Seine Wohnung im Leipziger Stadtteil Paunsdorf ist genauso geschnitten wie die, in der die Polizei in der Nacht zum Montag vergangener Woche den mutmaßlichen Terroristen Jaber Albakr festgenommen hat: ein Zimmer, Bad, Flur. Ali kennt seinen Nachbarn, bei dem Albakr vorübergehend Unterschlupf fand und der ihn schließlich der Polizei auslieferte, nur vom Sehen. Der Tierarzt ist schnell fertig damit, was er zu der Sache zu sagen hat: „Jeder Syrer würde sich freuen, wenn er mal einen von Daesh in die Finger kriegen würde.“

          Über Albakr, der nach allem, was man weiß, einer gewesen ist von Daesh, wie die Syrer die Terrormiliz „Islamischer Staat“ nennen, hat Ali dagegen viel mehr zu sagen. Er stellt einen Teller auf den Tisch, fein gestiftelte Karotten mit Zitrone und Salz, und beginnt, sich eine Zigarette zu drehen.

          In Alis Leipziger Plattenbausiedlung, in der die Häuserkarrees grüne Innenhöfe einhegen und die Bewohner ihre Kleinwagen in akkuraten Reihen parken, endete in der vergangenen Woche die Flucht von Jaber Albakr. In Chemnitz, wo der 22 Jahre alte Mann offenbar an einer Bombe baute, war er der Polizei am Samstagmorgen davongelaufen. In Eilenburg nahe Leipzig entwischte er den Beamten ein zweites Mal. Im Leipziger Osten schließlich fand er Samstagnacht Unterschlupf bei Landsleuten.

          Stolz? „Nein, nur müde.“

          Über Kontakte zu anderen Syrern soll Albakr um Hilfe gebeten haben, ein junger Mann lud ihn zu sich nach Paunsdorf ein. Irgendwann, so sieht es bislang aus, fiel dem Gastgeber der Fahndungsaufruf in die Hände. Gemeinsam mit zwei Freunden fesselte er Albakr mit dem Kabel einer Verteilerdose und holte die Polizei. „Ich war total wütend auf ihn“, sagte der zum Festnahmehelfer avancierte Gastgeber später in Interviews. „So etwas akzeptiere ich nicht – gerade hier in Deutschland, dem Land, das uns die Türen geöffnet hat.“ Albakr kam ins Gefängnis in Leipzig, wo er sich am Mittwochabend mit seinem Hemd an den Gitterstäben von Zelle 144 erhängte.

          Das Haus in Chemnitz, in dem Albakr lebte.

          Über den einen Teil der Geschichte, in dem es um das Versagen der sächsischen Sicherheitsbehörden geht, hat das Land sein Urteil bereits gefällt. Bei einem anderen Teil wird über die Deutung noch gestritten, und so lange kann sich jeder seine Wahrheit herauspicken. Es könnte so gewesen sein: Es waren Syrer, die den Terroristen geschnappt und uns vor einer Katastrophe bewahrt haben. Oder so: Es war ein Syrer, der uns beinahe in eine Katastrophe geschickt hätte.

          In der Wohnung, in der Albakr beherbergt worden war, reagiert seit Tagen niemand mehr auf Klingeln und Klopfen. Aus einem Fenster in dem Haus weht eine Deutschlandfahne, der Briefkasten zur Wohnung des syrischen Gastgebers ganz oben ist voll mit Werbung. Viele Syrer in Leipzig sagen, sie kennen den Mann nicht. Seine Nachbarn sagen, der Mann sei wohl bei einem Freund, angeblich in einer anderen deutschen Großstadt. Der Fernsehsender RTL hat mit dem jungen Mann und seinen zwei Freunden Anfang der Woche, als es noch nach einer unbefleckten Heldengeschichte aussah, einen Exklusivvertrag über die Berichterstattung geschlossen. Zwischenzeitlich wurde der einem Sprecher zufolge zwar wieder aufgehoben, als die Beschuldigungen Albakrs gegenüber den Syrern bekannt wurden. Inzwischen hat das Magazin „Spiegel TV“ ein Interview mit den dreien geführt, das heute Abend auf RTL ausgestrahlt wird. Auf die Frage, ob sie stolz seien, sagt darin einer der Befragten: „Nein, nur müde.“

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Suzanna Randall: Eine von zwei Kandidatinnen für den Flug zur Internationalen Raumstation ISS

          Nach erstem Frauenduo auf ISS : Wie männlich ist der Weltraum?

          Die Nasa fremdelte lange mit der weiblichen Biologie. So vermuteten Ingenieure, weiblicher Urin sei schleimbasiert und könne im All Leitungen verstopfen. Raumanzüge in der richtigen Größe sind heute noch ein Problem.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.