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Syrien : Bilder gegen schreckliche Bilder

Mit Kinderzeichnung: Dunja Khoury in ihrer Freiburger Wohnung Bild: Rüdiger Soldt

Hilfsorganisationen lehnten es ab, sie in syrische Flüchtlingslager mitzunehmen. Dann buchte Dunja Khoury einfach einen Flug. Und kam an – mit eintausend Blatt Malpapier und Buntstiften im Gepäck.

          Als sie nach Freiburg zurückkam, wollte sie am liebsten nur schweigen. Wie anders lässt sich eine Stadt ertragen, deren Markenzeichen Genuss und Wohlstand sind, wenn man das Grauen des syrischen Bürgerkriegs gesehen hat? Dunja Khoury sitzt normalerweise als Psychologie-Studentin in den Hörsälen der Freiburger Universität. Im April war sie ein paar Wochen weg, im Athme-Camp, einem Flüchtlingslager in Syrien, ein paar Kilometer von der türkischen Grenze entfernt. Jetzt sitzt sie in ihrem WG-Zimmer im Freiburger Stadtteil Stühlinger, holt eine Mappe mit Bildern hervor.

          Rüdiger Soldt

          Politischer Korrespondent in Baden-Württemberg.

          „Ein Bild zu malen ist ja eine sehr gute Möglichkeit, Gefühle zu zeigen. Wenn der Mund nichts mehr sagen kann, dann verschafft man sich andere Möglichkeiten“, sagt Dunja Khoury. Ihre Mutter und ihr Vater - beide sind Ärzte in Bayern, kamen aus Syrien zum Studieren und leben seit dreißig Jahren in Oberfranken - waren zunächst skeptisch. Alle Hilfsorganisationen lehnten es ab, die junge Deutsch-Syrerin mit in eines der Flüchtlingslager zu nehmen. Dann buchte sie einfach einen Flug und fand die im Oktober 2012 von dem syrischstämmigen Amerikaner Yakzan Shishakly gegründete „Maram“-Stiftung.

          30.000 Flüchtlinge, zwei Drittel davon Kinder

          Die 22 Jahre alte Studentin mietet sich in einer kleinen Pension im türkischen Grenzort Rehanyle ein. Sie hat etwa 1.000 Blatt Malpapier, Buntstifte, Seifenblasen und Perlen zum Basteln im Gepäck. Mehrere Wochen geht sie jeden Tag über die Grenze in das Flüchtlingslager. Die Zustände sind katastrophal: 30.000 Flüchtlinge leben dort, zwei Drittel von ihnen sind Kinder. Viele sind Kriegswaisen oder haben bei Bombenangriffen schwere Verletzungen erlitten. Der Bürgerkrieg hat sie traumatisiert.

          Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen rechnet bis Ende Juni mit insgesamt 1,1 Millionen syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen. Die internationalen Hilfsorganisationen sind stärker in den Flüchtlingslagern in der Türkei und den anderen Anrainerstaaten tätig; die Spenden für den Roten Halbmond kommen bei den Flüchtlingen auf der syrischen Seite nicht an. „Ich saß auf einer Bank, da sah ich einen Jugendlichen. Er hatte keine Hände, saß im Rollstuhl, denn auch ein Bein war amputiert. Ganz mühsam versuchte er, sich mit dem Rollstuhl mir zu nähern, weil er mit mir reden wollte, doch er kam nicht voran“, sagt Dunja Khoury.

          Junge Kunst aus dem Flüchtlingslager: „Syrien blutet“

          An einem anderen Tag sei ein 58 Jahre alter Vater zu ihr gekommen und habe ihr ein Foto von seinen sechs Kindern gezeigt, die alle im Bürgerkrieg umgekommen seien. „Das sind Bilder und Momente, die ich nie vergessen werde.“ Ihre Sensibilität für das Leid anderer Menschen sei vielleicht auch deshalb so groß, erzählt die junge Frau, weil sie ein Jahr vor dem Abitur an Krebs erkrankt sei und dadurch auf das Leiden, das Menschen ertragen müssten, einen anderen Blick gewonnen habe. „Mir hat die Kunsttherapie damals auch geholfen, es war besser, als immer nur zu reden.“

          Mit ihren Eltern hat sie in Deutschland eine Stiftung für krebskranke Kinder aufgebaut. Jetzt will sie den Flüchtlingskindern weiter helfen und noch in diesem Monat wieder in die türkisch-syrische Grenzregion fliegen. Im Athme-Camp fehlen Toiletten und Duschen. Die Flüchtlinge bekämen nur einmal am Tag eine Mahlzeit aus Eimern, sagt Dunja Khoury. Im Sommer sei wegen der höheren Temperaturen mit der Ausbreitung von Infektionskrankheiten zu rechnen. „Viele Kinder haben keinen Impfschutz, Impfstoffe sind ja auch sehr teuer. Ich habe Angst, dass einige Kinder vielleicht schon gar nicht mehr leben, wenn ich wieder in das Camp gehe.“

          Eine kleine Hilfe, das Erlebte zu verarbeiten

          Bei ihren ersten Besuchen des Lagers seien vor allem die älteren Männer skeptisch gewesen, dann hätten sie aber schnell gemerkt, dass es den Kindern gutgetan habe, die Malstifte in die Hand zu nehmen. „Ich habe gar nicht viel gemacht, ich habe nur eine kleine Kerze angezündet.“ In den Flüchtlingslagern gibt es so gut wie keine Psychologen; ein Bild zu malen sei für die Kinder eine kleine Hilfe, das Erlebte zu verarbeiten.

          Dunja Khoury holt einen Stapel Bilder hervor. Ein 15 Jahre altes syrisches Mädchen hat ein Herz gemalt, das über einer Flamme verbrennt. Die junge Frau sei von der Polizei des Assad-Regimes im Gefängnis mit glimmenden Zigaretten gefoltert worden, weil ihre Mutter, eine Krankenschwester, die Aufständischen unterstützt habe. Auf einem anderen Bild sind zwei Herzen zu sehen, „Syrien blutet“ lautet der Titel. „Fast jedes Kind, mit dem ich sprach, hat jemanden aus seiner Familie verloren.“ Wenn sie im Mai wieder nach Athme aufbricht, wird sie von den „Clowns ohne Grenzen“ begleitet. Die Künstler reisen ehrenamtlich in Krisengebiete, um die Kinder zumindest ein wenig aufzuheitern.

          Mit einer Freiburger Schule will Dunja Khoury demnächst eine Schulpartnerschaft aufbauen, eine Schule aus Bayern hat Schulranzen gespendet. Für Freiburg organisiert sie gerade zusammen mit der Stiftung ihres Vaters - der „Barada-Syrienhilfe“ - einen „Studentenlauf“; aus der Teilnehmergebühr sollen Medikamente für Menschen in der syrischen Krisenregion gekauft werden. Viele Syrer seien empört, fühlten sich in ihrem Leid von der Welt alleingelassen. „Wenn ich die Malstifte an die Kinder verteilt habe, habe ich immer gesagt, dass die gespendet sind, dass es also in Deutschland Menschen gibt, die an die Syrer denken.“

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