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Suzanne Vega : Die spröde Sängerin

  • -Aktualisiert am

Backstage vor dem ersten Deutschlandkonzert Bild: Jan Roeder

Vor zwanzig Jahren wurde Suzanne Vega als Folk-Fräuleinwunder gefeiert. Inzwischen ist sie im Mittelfeld des Pop angekommen. Ihre Musik und Texte bestehen aus Andeutungen, sie sind von einer filigranen Feinsinnigkeit, wie sie selten geworden ist im Popgeschäft.

          Die New Yorker Sängerin Suzanne Vega sitzt in der Garderobe des Veranstaltungszentrums Theaterhaus Stuttgart in einem Industriegebiet am Rande der Stadt und blickt in den Spiegel. Sonst gibt es nichts zu tun. Das Make-up sitzt perfekt, violett schimmern die Lippen und bilden einen scharfen Kontrast zum kühlen Weiß ihrer Haut. Das Violett nimmt die Farbe der Bordüre ihres Boleros auf, der hinter ihr an der Wand hängt. Die selbstverständliche Eleganz der Inszenierung bildet einen eigenartigen Kontrast zur dumpfen Tristesse der Umgebung.

          Mit hypnotisch langsamen Bewegungen schichtet sie ein halbes Dutzend silberner Puderdosen zur Pyramide und schiebt das Gebilde zur Seite; dorthin, wo am Spiegelrahmen ein Zettel hängt. Darauf stehen die Lieder, die sie nachher spielen will. Hinter einigen Titeln stehen Zahlen. Sie sollen daran erinnern, auf welchem Gitarrenbund jeweils der Kapodaster anzubringen ist, der Bügel, um die Saiten so zu verkürzen, dass das Instrument höher klingt.

          Draußen vor der Tür dehnen die Musiker der Band die Glieder. Gemeinsam atmen der Gitarrist und der Schlagzeuger tief ein, heben die Arme über den Kopf und beugen den Rücken zum Boden. Ihr wortloses Exerzitium wiederholen sie ein Dutzend Mal. Es wirkt wie eine spirituelle Handlung. Am Bühnenaufgang stehen die Reste des Büfetts. Salatschüsseln, eine halbvolle Weinflasche, ein angeschnittenes Baguette. Im Abfalleimer kleben Pommes frites auf einem Pappteller.

          Ganz vertieft in ihre Songs

          Wohin bin ich hier geraten?

          Eine Tournee im Mittelfeld des Pop bietet kaum heitere Bilder. In Köln wird sie übermorgen spielen, dann in Mainz und in weiteren zwei Städten in Deutschland oder Dänemark, deren Namen sie aber im Augenblick vergessen hat. Wohin bin ich hier geraten, meint man die Sängerin fragen zu hören. Doch Suzanne Vega hat nichts gesagt. Sie schiebt die Puderdosen-Pyramide auf die andere Seite des Tischs. Noch dreißig Minuten bis zum Auftritt. Die Vorgruppe, ein Folk-Trio aus der Region, steht inzwischen auf der Bühne.

          "Zephyr und ich standen / auf der West End Avenue / Und sprachen über die Dinge / die wir früher machten." So beginnt Suzanne Vegas neues Album "Beauty & Crime". Es ist ihre erste Veröffentlichung seit sechs Jahren. Um Blicke und um Erinnerungen geht es in dieser Musik, und wie sie zusammen das Leben bestimmen. Auch an diesem kühlen Hochsommerabend geht es darum, in der tristen Garderobe des Stuttgarter Theaterhauses. Von ihrem eigenen Leben sagt Suzanne Vega, dass es im Wesentlichen aus Zeitpartikeln bestehe, die sie hier und da gestohlen habe. Gestohlen, sagt sie, als sei das, was sie tut, Unrecht; als benötige ihr Leben, "chaotisch, verwirrt, emotional desorientiert", Absolution von höherer Stelle.

          Sie ist Zeugin der Geschichte New Yorks

          Erst vor kurzem ist sie zurückgezogen in den Stadtteil ihrer Kindheit, die Straßen aus dem Lied mit Zephyr. Dass sie den Sprayer zum Komplizen ihrer skrupulösen Selbstvergewisserung wählte, ist kein Zufall, denn mit dem Künstler, der seine Bilder inzwischen nicht mehr auf Häuserwände und Züge sprüht, sondern auf seiner Homepage im Internet zeigt (www.zephyrgraffiti.com), verbindet sie vor allem der Umstand, dass beide Zeugen sind der Geschichte New Yorks in den zurückliegenden Jahrzehnten. Als Zephyr zu sprayen begann, spielte Suzanne Vega ihre ersten Konzerte in den Folkclubs von Greenwich Village.

          Damals, in den Siebzigern, war die West End Avenue - die auf die damals gerade errichteten Zwillingstürme des World Trade Center zuführte - eine Hauptstraße der Jugend New Yorks, der amerikanischen Jugend schlechthin, wie Suzanne Vega den Graffiti-Künstler behaupten lässt. Dort versammelten sich die Kids in den Abendstunden, "wie minderjährige Cops, die auf Rhythmus sind", und sprachen darüber, wie das Leben werden könnte.

          Suzanne Vega war damals nicht dabei. Ihr Stiefvater, ein Schriftsteller aus Puerto Rico, hatte ihr den Umgang mit Straßenkindern verboten. Ihre Jugendjahre verbrachten Suzanne Vega und ihre drei Geschwister fast ausschließlich in der Wohnung der Eltern. Dort lasen sie Bücher, spielten Theater und machten Musik.

          „Nichts im Leben ist ohne Bedeutung.“

          Die erste Gitarre bekam Suzanne Vega mit elf Jahren. Als Vierzehnjährige schrieb sie ihre ersten Lieder, die sie mit sechzehn erstmals öffentlich vortrug. Ihr Repertoire reichte für eine Dreiviertelstunde und bestand neben Selbstkomponiertem aus Songs von Leonard Cohen, dem Idol dieser Jahre. Kurz darauf übernahm sie einen Ferienjob als Gesangs- und Tanzlehrerin für Kinder, doch ihr Unterricht stieß auf wenig Begeisterung, da sie die Kleinen ausschließlich mit Cohen-Songs und eigenen Liedern traktierte. Immerhin lernte sie bei dieser Gelegenheit ihre erste Liebe kennen. Davon blieben zwei Lieder, die sie heute noch auf der Bühne singt: "Gypsy" und "In Liverpool" - der Junge kam aus der Beatles-Stadt.

          Gleich mit den ersten beiden Alben kam Mitte der achtziger Jahre der Erfolg. Suzanne Vega wurde als Autorin sperriger Hits gefeiert, melancholischer Melodien, die sie mit eigenartig ausdrucksloser Stimme vortrug, als personifiziertes Folk-Fräuleinwunder und als Anführerin einer neuen Weiblichkeit im Rock: feminin, intellektuell, spröde. Bei diesem Bild ist es geblieben. Ihre Musik allerdings kam nicht mehr hinterher. Platten veröffentlichte sie in immer größeren Abständen.

          Das vorletzte Album, "Songs in Red and Grey", erschien unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Ein Zufall, gewiss. Doch ihr Blick auf den Kosmos lässt keine Unwägbarkeiten gelten. Nichts im Leben sei ohne Bedeutung, sagt sie, man müsse nur Zeit finden, die Bestimmungen zu erkennen. Sie selbst kenne keine Eile.

          Was sie denkt und tut, kann man in ihren Songs hören

          Sie fühle, denke und handele in Kreisen, sagt sie, und das gilt auch für ihre Musik. Während der Erfolg ihres A-cappella-Songs über "Tom's Diner" in der 1990 entstandenen Disco-Version des englischen DJ-Duos "DNA" sie selbst zu einigermaßen erfolglosen Ausflügen in den Elektro-Pop stimulierte, vollzogen die roten und grauen Lieder des gleichnamigen Albums Jahre später eine Rückwärtsbewegung zu ihren Anfängen. Die Kritiken jedenfalls bescheinigten ihr, den Weg zurück nach Hause gefunden zu haben. Dabei sei sie doch nie weg gewesen, sagt sie, allenfalls zwischenzeitig mit anderem beschäftigt. Dem Leben zum Beispiel.

          Mitte der Neunziger heiratete sie, bekam eine Tochter und ließ sich scheiden. Nach fast zwanzig Jahren wechselte sie Management und Plattenfirma, und sie brach sich den Arm. Im vorigen Jahr heiratete sie zum zweiten Mal. Mehr fällt ihr an Wichtigem nicht ein. Oder doch: Ihr ganzes Leben hat sie in New York verbracht, und wenn sie nicht dort ist, sehnt sie sich danach. Das sei das Wichtigste überhaupt. Was sie sonst denkt und tut, lässt sich in ihren Liedern nachhören. So auskunftsfreudig ist sie da, dass ihre Tochter unlängst entgeistert fragte, wie die Sängerin dazu komme, intime Einzelheiten in Songs preiszugeben - schließlich würde sie sich ja auch nicht dem Sitznachbarn im Bus offenbaren. Ein Einwand, der ihr zu denken gab, sagt Suzanne Vega.

          Sie nimmt sich Zeit für Seitenblicke

          So habe sie sich für das neue Album darauf konzentriert, von dem Thema zu singen, von dem sie am meisten versteht. "Beauty & Crime" ist ihr New-York-Album, wie es zuvor schon musikalische Porträts der Stadt gegeben habe - von Frank Sinatra und Lou Reed, Elvis Costello, Joe Jackson oder Leonard Cohen. Von deren Liedern unterscheiden sich ihre eigenen Betrachtungen grundsätzlich: durch ihren Blick, der naturgemäß weiblich sei. Durch die Perspektive der Mutter einer inzwischen dreizehnjährigen Tochter, die im Mittelpunkt des Lebens der Sängerin steht und auf "Beauty & Crime" im Hintergrund zu hören ist.

          Dennoch ist das Album weder gefällige Familienpastorale noch eine politisch überkorrekte Nine-Eleven-Bewältigungsplatte, wie sie die amerikanische Kritik immer wieder gefordert hat - und beispielsweise von Bruce Springsteen bereits ein Jahr nach den Anschlägen erhielt. Auch dafür kommt Suzanne Vegas New-York-Album zu spät. Sie nimmt sich Zeit für Seitenblicke, erzählt von der unmöglichen Liebesgeschichte zwischen Ava Gardner und Frank Sinatra, von der New Yorker Schriftstellerin Edith Wharton, vom ewig Weiblichen der Stadt, aber auch von den Blicken mit Zephyr, dem Graffiti-Sprayer, die West End Avenue hinunter - auf die Lücke, die dort klafft, wo einst die Zwillingstürme standen. Von dem unauslöschlichen Todesgeruch, der an der Uniform des Polizisten von der Polizeistation in Ground Zero klebt, handelt das Lied "Angel's Doorway", und davon, wie dieser Geruch seine Frau zur Verzweiflung bringt.

          Eigener Stil- und Bewusstseinsentwurf im Pop

          Suzanne Vegas Musik und Texte bestehen aus Andeutungen, sie sind von einer filigranen Feinsinnigkeit, wie sie selten geworden ist im Popgeschäft; im Grunde war sie dort schon immer selten - außerhalb der Lieder Suzanne Vegas. So wird sie weitersingen, mehr als zwanzig neue Songs seien bei der Produktion von "Beauty & Crime" übrig geblieben, darunter eine Komposition mit dem vielversprechenden Titel "72 Virgins" - klar, dass ein solcher Song auf einem Album, das dem Titel nach von Schönheit und Verbrechen handelt und eine als Gangsterbraut kostümierte Sängerin auf dem Cover zeigt, fehl am Platze wäre. Suzanne Vega, das belegt "Beauty & Crime" neuerlich bezwingend, hat vor langer Zeit einen ganz eigenen Stil- und Bewusstseinsentwurf in den Pop gebracht. Man hatte ihn nur schon fast vergessen.

          Vor der Garderobe des Theaterhauses in Stuttgart sind die Wände mit Konzertplakaten beklebt. Vor elf Jahren spielte sie schon einmal hier, damals war ihr erster Mann mit von der Partie, der Vater ihrer Tochter. Als die Sängerin an diesem Abend die Bühne betritt, wird es ganz still im Saal. Das Glück des Publikums über die Wiederkehr einer der leisen und eindringlichen Stimmen des Pop hält an bis zum Ende der allerletzten Zugabe.

          New Yorkerin aus Profession

          Suzanne Vega wurde am 11. Juli 1959 in Kalifornien geboren und lebt seit ihrer frühen Kindheit in New York. New Yorkerin ist sie aus Liebe, Leidenschaft und Profession. Ihre musikalische Karriere begann Ende der siebziger Jahre mit Auftritten in den Folkclubs der Stadt. Gleich ihr Debütalbum machte Suzanne Vega 1985 populär, sie wurde zur Bannerträgerin einer neuen Weiblichkeit in der Folkszene erhoben. Ihre Platten erscheinen in großen Abständen, gerade hat sie das Album "Beauty & Crime" (Blue Note/EMI) mit elf Liedern über ihr Lieblingsthema New York veröffentlicht. Mitte September beginnt Suzanne Vega in ihrer Heimatstadt eine mehrwöchige Tournee durch Amerika. Sie ist zum zweiten Mal verheiratet und Mutter einer Tochter.

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