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Suzanne Vega : Die spröde Sängerin

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Mitte der Neunziger heiratete sie, bekam eine Tochter und ließ sich scheiden. Nach fast zwanzig Jahren wechselte sie Management und Plattenfirma, und sie brach sich den Arm. Im vorigen Jahr heiratete sie zum zweiten Mal. Mehr fällt ihr an Wichtigem nicht ein. Oder doch: Ihr ganzes Leben hat sie in New York verbracht, und wenn sie nicht dort ist, sehnt sie sich danach. Das sei das Wichtigste überhaupt. Was sie sonst denkt und tut, lässt sich in ihren Liedern nachhören. So auskunftsfreudig ist sie da, dass ihre Tochter unlängst entgeistert fragte, wie die Sängerin dazu komme, intime Einzelheiten in Songs preiszugeben - schließlich würde sie sich ja auch nicht dem Sitznachbarn im Bus offenbaren. Ein Einwand, der ihr zu denken gab, sagt Suzanne Vega.

Sie nimmt sich Zeit für Seitenblicke

So habe sie sich für das neue Album darauf konzentriert, von dem Thema zu singen, von dem sie am meisten versteht. "Beauty & Crime" ist ihr New-York-Album, wie es zuvor schon musikalische Porträts der Stadt gegeben habe - von Frank Sinatra und Lou Reed, Elvis Costello, Joe Jackson oder Leonard Cohen. Von deren Liedern unterscheiden sich ihre eigenen Betrachtungen grundsätzlich: durch ihren Blick, der naturgemäß weiblich sei. Durch die Perspektive der Mutter einer inzwischen dreizehnjährigen Tochter, die im Mittelpunkt des Lebens der Sängerin steht und auf "Beauty & Crime" im Hintergrund zu hören ist.

Dennoch ist das Album weder gefällige Familienpastorale noch eine politisch überkorrekte Nine-Eleven-Bewältigungsplatte, wie sie die amerikanische Kritik immer wieder gefordert hat - und beispielsweise von Bruce Springsteen bereits ein Jahr nach den Anschlägen erhielt. Auch dafür kommt Suzanne Vegas New-York-Album zu spät. Sie nimmt sich Zeit für Seitenblicke, erzählt von der unmöglichen Liebesgeschichte zwischen Ava Gardner und Frank Sinatra, von der New Yorker Schriftstellerin Edith Wharton, vom ewig Weiblichen der Stadt, aber auch von den Blicken mit Zephyr, dem Graffiti-Sprayer, die West End Avenue hinunter - auf die Lücke, die dort klafft, wo einst die Zwillingstürme standen. Von dem unauslöschlichen Todesgeruch, der an der Uniform des Polizisten von der Polizeistation in Ground Zero klebt, handelt das Lied "Angel's Doorway", und davon, wie dieser Geruch seine Frau zur Verzweiflung bringt.

Eigener Stil- und Bewusstseinsentwurf im Pop

Suzanne Vegas Musik und Texte bestehen aus Andeutungen, sie sind von einer filigranen Feinsinnigkeit, wie sie selten geworden ist im Popgeschäft; im Grunde war sie dort schon immer selten - außerhalb der Lieder Suzanne Vegas. So wird sie weitersingen, mehr als zwanzig neue Songs seien bei der Produktion von "Beauty & Crime" übrig geblieben, darunter eine Komposition mit dem vielversprechenden Titel "72 Virgins" - klar, dass ein solcher Song auf einem Album, das dem Titel nach von Schönheit und Verbrechen handelt und eine als Gangsterbraut kostümierte Sängerin auf dem Cover zeigt, fehl am Platze wäre. Suzanne Vega, das belegt "Beauty & Crime" neuerlich bezwingend, hat vor langer Zeit einen ganz eigenen Stil- und Bewusstseinsentwurf in den Pop gebracht. Man hatte ihn nur schon fast vergessen.

Vor der Garderobe des Theaterhauses in Stuttgart sind die Wände mit Konzertplakaten beklebt. Vor elf Jahren spielte sie schon einmal hier, damals war ihr erster Mann mit von der Partie, der Vater ihrer Tochter. Als die Sängerin an diesem Abend die Bühne betritt, wird es ganz still im Saal. Das Glück des Publikums über die Wiederkehr einer der leisen und eindringlichen Stimmen des Pop hält an bis zum Ende der allerletzten Zugabe.

New Yorkerin aus Profession

Suzanne Vega wurde am 11. Juli 1959 in Kalifornien geboren und lebt seit ihrer frühen Kindheit in New York. New Yorkerin ist sie aus Liebe, Leidenschaft und Profession. Ihre musikalische Karriere begann Ende der siebziger Jahre mit Auftritten in den Folkclubs der Stadt. Gleich ihr Debütalbum machte Suzanne Vega 1985 populär, sie wurde zur Bannerträgerin einer neuen Weiblichkeit in der Folkszene erhoben. Ihre Platten erscheinen in großen Abständen, gerade hat sie das Album "Beauty & Crime" (Blue Note/EMI) mit elf Liedern über ihr Lieblingsthema New York veröffentlicht. Mitte September beginnt Suzanne Vega in ihrer Heimatstadt eine mehrwöchige Tournee durch Amerika. Sie ist zum zweiten Mal verheiratet und Mutter einer Tochter.

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