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Gelähmte Wingsuit-Fliegerin : „Wir sind nicht alle Draufgänger“

Susanne Böhme fliegt wieder: Sommer 2013, ihr erster Sprung nach dem Unfall. Bild: Volker Jordan

Susanne Böhme hat sich beim Basejumpen schwer verletzt. Sie ist querschnittsgelähmt. Im Interview spricht sie über ihren Unfall, warum sie sich trotzdem noch aus Flugzeugen stürzt und was sie ihrem Sohn rät, wenn er eines Tages basejumpen will.

          3 Min.

          Frau Böhme, Sie haben gerade das Buch „Steh auf und flieg“ über Ihr Leben veröffentlicht. Sie beginnen mit einer Szene, in der Sie einen Basejump, also einen Fallschirmsprung von einem Felsen, vor dem Absprung abbrechen und stattdessen einen beschwerlichen Rückweg in Kauf nehmen. Warum haben Sie das an den Anfang gestellt?

          Sebastian Eder

          Redakteur im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Als ich das geschrieben habe, hatte das Basejumpen gerade keinen guten Ruf. Es sind einige Unfälle passiert. Ich wollte, dass man ein realistischeres Bild von dem Sport bekommt. Wir sind nicht alle Draufgänger. Was den Sport wirklich ausmacht, ist, dass man sich ganz viel mit Risikomanagement beschäftigt. Lieber einmal mehr zurücklaufen, auch wenn das zwei Stunden dauert, und dafür weiterleben. Das ist das Motto.

          Sie sind Ende 2012 beim Basejumpen gegen einen Felsen gekracht und seitdem querschnittsgelähmt. Im Sommer sind Sie zum ersten Mal wieder mit einem Wingsuit, einem Flügelanzug, aus dem Flugzeug gesprungen. Reicht Ihnen eine Katastrophe nicht?

          Aus einem Flugzeug zu springen ist viel ungefährlicher als von Felsen, Brücken oder Gebäuden, wie man es beim Basejumpen macht. Das Risiko, das ich jetzt eingehe, ist in etwa so hoch wie beim Motorradfahren. Das kann man auch kritisch sehen. Aber es ist nicht mein Lebensziel, es jedem recht zu machen. Niemand wird damit glücklich, das eigene Leben nach den Vorstellungen anderer Leute zu gestalten.

          Susanne Böhme springt wieder: „Niemand wird damit glücklich, das eigene Leben nach den Vorstellungen anderer Leute zu gestalten.“ Bilderstrecke
          Basejumperin Susanne Böhme : Querschnittsgelähmt und trotzdem weiter am fliegen

          Vor Ihrem Unfall wollten Sie mit dem Basejumpen eigentlich schon aufhören.

          Ja, weil ich vorhatte, eine Familie zu gründen, was wir dann nach meiner Verletzung auch gemacht haben. Das hätte für mich nicht zusammengepasst. Jetzt habe ich ein Kind und weiß sicher, dass es mir nicht mehr das Gleiche gäbe. Ich könnte nicht mehr mit freiem Kopf an der Kante stehen, wenn zu Hause mein Kind sitzt.

          Dann ist Ihnen das Risiko als Basejumperin also doch zu groß?

          Es ist ein bewusstes Sicheinlassen auf die Sache. Ein Restrisiko bleibt bestehen. Jeder kann für sich entscheiden, ob das für ihn okay ist oder nicht.

          Sie haben Ende der neunziger Jahre als eine der ersten Deutschen mit dem Wingsuit-Springen angefangen. Dann kamen die sozialen Netzwerke auf. Wie hat das den Sport verändert?

          Grundlegend. Wingsuit-Springen war die Randdisziplin einer Randsportart. Seit es Youtube und kleinere Kameras gibt, kommen auch Leute, die mit unserem Sport nichts zu tun haben, recht nah ran und können das Gefühl nachvollziehen. Leider lässt sich in Filmen aber nicht erkennen, ob ein spektakulärer Sprung purer Zufall war, ob der Springer ein Draufgänger oder ein Profi ist, der sich Schritt für Schritt an diesen Schwierigkeitsgrad herangearbeitet hat. Da ist ein Eindruck entstanden, der nicht ansatzweise der Realität entspricht, weil die akribische Vorbereitung keine Rolle in den Videos spielt. Und das Spektakulärste klickt sich am besten, dadurch gibt es auch mehr Draufgänger.

          Was ist bei Ihrem Unfall Ende 2012 schiefgelaufen?

          Ich gehe davon aus, dass ich beim Wegspringen ausgerutscht bin, obwohl ich Steigeisen anhatte. Ich bin von einem Berg gesprungen, der unterhängend war, also das Gegenteil von überhängend. Über den ersten Absatz hätte man einen kräftigen Satz machen müssen. Aus irgendeinem Grund bin ich nicht weit genug weggekommen und nach vielleicht 20 Metern mit dem ersten Stück des Felsens kollidiert.

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          Wie schwer war es für Sie, danach Ihr Schicksal zu akzeptieren?

          Ich konnte es ja nicht ändern, was sollte ich machen. Geholfen hat, dass ich vorher wusste, auf was ich mich einlasse. Es war nichts, das aus heiterem Himmel kam. Mich hat niemand über den Haufen gefahren oder so. Sonst hätte ich damit vielleicht mehr gehadert. Und wenn man ehrlich ist, kann man so einen Unfall eigentlich nicht überleben. Insofern bin ich super aus der Sache rausgekommen.

          Sie haben im Krankenhaus Mentaltraining gemacht, sich also vorgestellt, dass Sie Ihre Beine bewegen. Wie kommt man darauf?

          In unserem Sport hat man so verdammt wenig richtige Trainingszeit. An einem guten Tag kommt man vielleicht auf fünf bis zehn Sprünge, da hat man zehn Minuten Trainingszeit. Das reicht nicht für so komplexe Bewegungsabläufe. Deswegen haben wir uns sehr viel mit mentalem Training beschäftigt, das hilft wirklich enorm. Das Traurige ist, dass ich von den Therapeuten immer gebremst wurde. Da hieß es: Außer abwarten können Sie nichts machen. Inzwischen gibt es aber sogar eine Studie, die belegt, dass mentales Training essentiell ist. Ich kann heute mit Krücken wieder ganz gut laufen. Wenn man sich das Laufen nicht mal vorstellt, verlernt man es ganz.

          Wie sieht Ihr Alltag heute aus?

          Ich arbeite weiter in meiner eigenen Werkstatt als Fallschirmtechnikerin, früher war ich auch Fallschirmlehrerin. Wenn es drauf ankommt, komme ich den ganzen Tag ohne Rollstuhl aus. Alles geht langsamer, aber es geht. Und ich feiere jeden kleinen Schritt: zum ersten Mal an ein hohes Regal kommen, zum ersten Mal den Rollstuhl in den Kofferraum packen und bis zum Fahrersitz laufen. Das sind Höhepunkte, die wahnsinnig viel Lebensqualität bringen. Mein Ziel ist es, nächstes Jahr nur noch einen Wanderstock zu brauchen.

          Sie haben 2014 einen Sohn bekommen. Wenn er eines Tages basejumpen will: Was sagen Sie?

          Tja. Ich kann es ihm schlecht verbieten. Er sagt schon: ,Mama, ich auch hop, hop.‘ Aber ich will ihn so erziehen, dass er sich viele Gedanken darüber macht, sich die richtige Ausrüstung holt und auch weiß, auf was er sich einlässt. Aber das brauche ich ihm nicht groß zu erklären. Das sieht er ja jeden Tag.

          Die Fragen stellte Sebastian Eder.

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