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„Der Arzt konnte kein Deutsch“ – mit diesem Plakat provoziert die „Süd-Tiroler Freiheit“. Bild: Süd-Tiroler Freiheit

Sprachenstreit in Südtirol : „Der Arzt konnte kein Deutsch ...“

Der Sprachenstreit in Südtirol treibt makabere Blüten: Plakate einer Kleinpartei warnen vor Ärzten, die kein Deutsch sprechen und deshalb Patienten gefährden würden. Kritiker sprechen von einer populistischen Angstkampagne.

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          Die Initiatoren der gezielten Provokation sehen sich bereits bestätigt angesichts der heftigen Kritik in ganz Italien. Zu den Reaktionen auf ihre Plakataktion zählen bisher zwei Anzeigen – eine von der linkspopulistischen Fünf-Sterne-Partei, die zweite von der Ärztekammer in Rom.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Seit Mitte vergangener Woche hängen an 15 Standorten in Bozen, Meran und Brixen, meist an Bushaltestellen vor staatlichen Krankenhäusern und Polikliniken, mannshohe Plakate der Partei „Süd-Tiroler Freiheit“. Die separatistische Kleinpartei, die bei den vergangenen Regionalwahlen in Südtirol (italienisch Alto Adige) sechs Prozent der Stimmen erreichte, strebt die „Heimkehr“ der norditalienischen autonomen Provinz zu Österreich an: Vom „Mutterland“ jenseits des Alpenhauptkamms war der Süden Tirols nach dem Ende des Ersten Weltkriegs abgetrennt und Italien zugeschlagen worden.

          Auf dem Plakat der „Süd-Tiroler Freiheit“ sind die Füße einer mit einem weißen Tuch bedeckten Leiche auf dem Obduktionstisch zu sehen. Am großen Zeh des linken Fußes hängt ein Zettel mit der Aufschrift: „Hier stirbt das Recht auf Gebrauch der Muttersprache!“ In großen weißen Lettern steht über dem Foto: „Der Arzt konnte kein Deutsch...“. Bei dem Umstand soll es sich offenkundig um die Todesursache handeln. Der in kleinerer Schrift hinzugefügte Erklärtext unter dem Foto lässt wissen: „Um Patienten zu verstehen und gut zu behandeln, müssen Ärzte in Süd-Tirol Deutsch können!“

          Das Echo ist überwiegend negativ

          Dass es wegen der Sprachbarriere zwischen Patient und Arzt in Südtirol, wo rund zwei Drittel der etwa 530.000 Einwohner deutsche Muttersprachler sind, jemals zu einem Todesfall gekommen wäre, behauptet nicht einmal die „Bindestrichpartei“, der die Schreibweise „Süd-Tirol“ sehr am Herzen liegt. Die Partei lässt aber kolportieren, dass jüngst ein deutschsprachiger Patient bei einem Arzttermin in einer staatlichen Gesundheitseinrichtung wegen akuter Beschwerden seine Vorerkrankung nur in seiner Muttersprache habe schildern können, worauf der rein italienischsprachige Arzt die falschen Medikamente verschrieben habe. Nur dank der Skepsis des Patienten, der sich vor Einnahme der Arznei nochmals bei seinem deutschsprachigen Hausarzt erkundigt habe, sei nichts Schlimmes passiert.

          Die Kampagne wird mit dieser „Version“ des Plakats bereits auf die Schippe genommen.

          Das Medienecho auf die Aktion in Politik und Medien ist überwiegend negativ. Die Rede ist von einer populistischen Angstkampagne, die Todesgefahr suggeriere und eine ganze Berufsgruppe diffamiere. Die „Süd-Tiroler Freiheit“ wolle daraus offenbar bei den Kommunalwahlen im Frühjahr politisches Kapital schlagen, heißt es. Ärztekammer-Präsident Filippo Anelli sieht einen Berufsstand verunglimpft und das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient mutwillig beschädigt. Parteigründerin Eva Klotz zeigt sich dagegen zufrieden über den durchaus erwünschten Aufschrei des Entsetzens. Seit Jahrzehnten werde das im Autonomiestatut von 1972 verbriefte Recht auf Gebrauch der (deutschen) Muttersprache in Südtirol mit Füßen getreten, weil man in vielen staatlichen Einrichtungen der Provinz nur Italienisch verstehe. Jetzt endlich rede und streite man über diesen Skandal.

          Im Internet kursiert derweil eine neue „Version“ des Plakats. Darauf ist ein Teller Penne Rigate mit angebratenen Würstchenscheiben zu sehen, dazu eine Ketchup-Flasche. „Der Koch konnte kein Italienisch...“, steht daneben. Und darunter: „Um al dente zu kochen und Sugo zu verstehen, müssen Köche in Süd-Tirol Italienisch können!“ Auf die neuerliche Angstkampagne hat der Berufsverband der Köche noch nicht reagiert.

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