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Südsudan will neue Hauptstadt : Ein kapitaler Plan

Zwei Soldaten in Südsudan: Im September erst schlossen die Kriegsparteien ein Friedensabkommen. Bild: dpa

Nach dem jüngsten Friedensabkommen hat Südsudan sich vorgenommen, mitten im Busch eine neue Hauptstadt zu bauen. Was noch fehlt, ist Geld – und eine bessere Sicherheitslage.

          Im September erst schlossen die Kriegsparteien in Südsudan ein Friedensabkommen. Nun soll schon möglichst bald eine neue Hauptstadt gebaut werden. Mitte November hat deshalb eine Delegation marokkanischer und koreanischer Ingenieure die Region, die von einem Jahrzehnte andauernden Bürgerkrieg gezeichnet ist, besucht und den dafür vorgesehen Ort begutachtet. Zudem erklärte sich Marokkos König Mohammed VI. bereit, mit fünf Millionen Dollar eine Studie zu finanzieren, mit deren Hilfe die koreanischen Experten einen Plan für den Hauptstadtbau entwerfen sollen. „Wir träumen schon lange von einer neuen Hauptstadt“, sagt der südsudanesische Anwalt Lawrence Korbandy. „Nun soll es endlich losgehen. Wir rechnen damit, dass in den nächsten 18 bis 24 Monaten ein Masterplan für den Bau vorgestellt wird. Dann fangen wir an.“

          Thilo Thielke

          Freier Berichterstatter für Afrika mit Sitz in Kapstadt.

          Noch befindet sich die Hauptstadt in Juba, das 1922 von Griechen als Handelsstützpunkt am Nil gegründet worden war. Juba ist zwar immer schon die größte Stadt im Südsudan gewesen, und Juba liegt auch nicht allzu weit von der ugandischen Grenze entfernt, was den Handel erleichtert. Deshalb wurde im Jahr 2011, als Südsudan die Unabhängigkeit erlangte, entschieden, dass der Ort erst einmal Hauptstadt und Sitz der Regierung werden solle. Allerdings wurde schon damals in die Verfassung geschrieben, dass später eine neue Hauptstadt errichtet werden soll.

          Sogar der Name und die Örtlichkeit stehen schon fest – Ramciel, was soviel bedeutet wie: „Der Ort, an dem sich die Nashörner treffen.“ Früher war dort einmal ein Tierschutzgebiet, der Ort liegt rund zwei Autostunden nördlich von Juba. Allerdings liegt Ramciel auch mitten in der Einöde des Bundesstaats Lakes und ist etwas versumpft, weil immer wieder der Nil über die Ufer tritt – jener Fluss, über den der sudanesische Schriftsteller Tajjib Salich einmal schrieb, er winde sich dahin „wie eine heilige Schlange altägyptischer Gottheiten“ durch „ein sattgetrunkenes, glattes Land“ mit „fruchtbarem, endlich gelabtem Boden“.

          So könnte es werden: Entwurf für Ramciel

          Kritiker halten die Idee für eine neue südsudanesische Hauptstadt mitten im Busch, an einem Ort, an dem es weder Stromleitungen noch Straßen und nicht einmal ein paar Häuser gibt, für verrückt – zumindest für ein bitterarmes Land, das alleine bei China 1,2 Milliarden Dollar Schulden haben soll und das in den Gemetzeln der vergangenen fünf Jahre fast 400 000 Tote zu beklagen hatte.

          Lawrence Korbandy ist 56 Jahre alt, Rechtsberater des südsudanesischen Präsidenten, Silva Kiir, und Mitglied einer Kommission, die sich um die Schaffung der neuen Kapitale kümmern soll. Derzeit arbeitet sich Korbandy, ein Veteran des südsudanesischen Unabhängigkeitskampfs, durch die fast 700 Seiten dicke Che-Guevara-Biographie von John Lee Anderson. Sie liegt griffbereit neben ihm auf dem Kunststoffsofa. „Seien wir realistisch und fordern wir das Unmögliche“, soll der argentinische Guerrillero gesagt haben. Korbandy findet das Motto gut.

          „Die Chance für einen Neuanfang“

          Schon der ehemalige Anführer und Gründer der Südsudanesischen Volksbefreiungsbewegung, John Garang, habe den Traum von einer neuen Hauptstadt gehabt, sagt Korbandy. Er selbst habe nun keinen geringeren Auftrag, als den Traum des Revolutionärs Wirklichkeit werden zu lassen. Garang kam bei einem Hubschrauberabsturz im Jahr 2005 ums Leben. 1983 hatte er die Südsudanesische Volksbefreiungsbewegung gegründet, die nun seit 2011 regiert.

          „Seine Hauptstadt Ramciel nannte Doktor Garang immer Zeltstadt“, erinnert sich Korbandy, weil es dort noch keine festen Gebäude gab. Nach der Unabhängigkeit sollte eine komplett neue Stadt entstehen, die alle Kulturen des Südsudan repräsentiert. Das wäre unmöglich gewesen an einem Ort, an dem es schon etablierte Strukturen gibt – „man hätte ja alles niederreißen müssen“. Also sei die Idee gewesen, „die Stadt zu den Menschen zu bringen“.

          Ramciel sollte im Zentrum des Landes liegen, weit genug von den Grenzen entfernt, um den Nachbarstaaten einen Angriff auf die Regierung möglichst schwer zu machen. Außerdem sei auf diese Weise gewährleistet, dass sich die verschiedenen Stämme des Landes gleichermaßen vertreten fühlen. Auf dem Territorium des Südsudan leben 64 verschiedene Stämme, die einander seit Jahrhunderten bitter befehden und derzeit rund 30 verschiedenen Milizen unterhalten. „Während Juba mitten im Kernland des Stammes der Dinka liegt, könnte die Jungfräulichkeit Ramciels die Chance für einen Neuanfang bieten.“

          Korbandy hofft nun auf ausländische Investoren, die sich dann, sollten die Koreaner ihren Masterplan erst einmal entwickelt haben, an den Bau der Hauptstadt machen. Natürlich hätten Marokkaner und Koreaner als Pioniere in dem ambitionierten Projekt Vorrang, aber auch deutsche Firmen könnten sich gerne um Aufträge bewerben.

          Dass die Regierung in nächster Zeit in der Lage sein wird, ihre ambitionierten Pläne umzusetzen, bezweifelt der kanadische Sicherheitsexperte Shawn Robert Duthie von der Firma „Africa Risk Consulting“ allerdings. „Noch immer toben im Land Kämpfe“, sagt der 56 Jahre alte Duthie, „es ist schwer, die verschiedenen Milizen in den Griff zu bekommen.“ Zudem herrsche in weiten Teilen des Landes das Bandenwesen. Eine gerade veröffentlichte Law-and-Order-Studie des Washingtoner Meinungsforschungsinstituts Gallup gibt Duthie recht. Südsudan rangiert unter allen Staaten der Welt auf dem drittletzten Platz, was die Sicherheit anbelangt. Nur in Afghanistan und Venezuela ist die Lage demnach noch schlimmer. Deshalb fragt Duthie auch eher rhetorisch: „Wer soll denn dort im Moment investieren?“

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