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Südkorea : Die Krieger des Internets

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Jede Mannschaft hat einen Hauptsponsor, der seine eigenen Hintergedanken hat, im E-Sport aktiv zu werden: „Khan“ wird vom Elektronikgiganten Samsung getragen, „Hero“ vom Fernsehsender MBC Game, „T1“ gehört zur führenden Mobilfunkgesellschaft SK Telecom. Die Branche wächst, und E-Sport wird zum großen Geschäft. Vor acht Jahren wurde in 72 Turnieren ein Preisgeld von rund 1,5 Millionen Euro ausgeschrieben, inzwischen sind es 280 Wettbewerbe und mehr als sechs Millionen Euro. Zu großen Endspielen kommen bis zu 120.000 Zuschauer.

Der oberste Lobbyist des koreanischen E-Sports residiert schon so gediegen, dass er es ohne weiteres mit den Statthaltern der Versicherungs- oder Automobilbranche aufnehmen kann. Nahe dem Regierungsviertel sitzt Je Hun-ho im schwarzen Ledersessel an einem schweren Kirschholztisch und referiert über sein Lieblingsthema: Warum spielen Koreaner so gut, vor allem Echtzeitsimulationen wie Starcraft oder Warcraft? Je Hun-ho glaubt an eine natürliche Begabung: „Wir haben eine ausgeprägte Kampfmentalität, wir schätzen das direkte Kräftemessen und bevorzugen daher Gruppen- und Online-Spiele.“

Weltmarktführer der Softwareentwicklung

Je Hun-ho setzt auf einen weltweiten Siegeszug: „E-Sport als olympische Disziplin, das ist mein Traum.“ Was ihn, die Regierung und die Sponsoren so fasziniert, ist das Potential: Der Markt für Computerspiele erreichte im Jahr 2006 in Südkorea eine Größe von 1,8 Billionen Won (1,5 Milliarden Euro) und wird vom Nationalen Institut für Spielentwicklung und -förderung in diesem Jahr auf 2,2 Billionen Won geschätzt. In der Softwareentwicklung ist Südkorea Marktführer, gefolgt von Amerika und China.

Der globale Wert dieser Branche wird auf 25 Milliarden Dollar geschätzt und soll sich innerhalb von zwei Jahren mehr als verdoppeln. Für das in Südkorea entwickelte „Lineage“, das in aller Welt 117 Millionen spielen, werden für echtes Geld virtuelle Produkte aus der Online-Welt gehandelt. Ein magisches Schwert kostet 2500 Euro.

Cyber-Weltmeisterschaft 2008 in Köln

„Ein Zurück gibt es nicht. Die Spiele sind längst die Sprache unserer Kinder, und wer noch mit seinen Kindern kommunizieren will, der sollte sie beherrschen.“ Man könnte fast glauben, Oh Won-suk spreche von einer Revolution: Der Marketingexperte sieht eine globale Bewegung, eine neue Freizeitkultur. Vor allem aber sieht er Umsatz.

Seine Agentur, International Cyber Marketing (ICM), organisiert die „World Cyber Games“. An dieser Weltmeisterschaft der Computer-Athleten nahmen vor sieben Jahren siebzehn Länder teil. In diesem Jahr sollen in Seattle schon siebzig Nationen an den Start gehen. Dahinter steht vor allem der südkoreanische Elektronikkonzern Samsung, aber auch Microsoft hat Gefallen an dem Wettbewerb gefunden. „Die Sponsoren nutzen ihn als Werbeplattform für ihre Mobiltelefone, Monitore oder MP3-Musikgeräte“, sagt ICM-Vizepräsident Oh. Gerade wurde entschieden, dass die Cyber-Weltmeisterschaft 2008 in Köln ausgefochten wird.

Herzversagen, Dehydrierung oder Erschöpfung

Zwei Prozent der südkoreanischen Bevölkerung gelten als hochgradig abhängig, jeder Zehnte als gefährdet. Vor fünf Jahren gab es den ersten Todesfall durch exzessives Computerspiel. Inzwischen sind es ein paar Dutzend. Die Fälle gleichen sich: Nach dreißig, sechzig oder gar neunzig Stunden im PC Bang brachen die Spielsüchtigen zusammen, starben an Herzversagen, Dehydrierung oder Erschöpfung.

Draußen vor der Tür der Mannschaftsunterkunft von Ma Jae-yoon warten nicht nur junge Fans, sondern auch ehrgeizige Eltern. „Vor ein paar Jahren noch waren unser Beruf und unsere Arbeit nicht anerkannt“, sagt lächelnd Trainer Kim, der seine Angehörigen selbst lange nicht eingeweiht hatte. „Heute bringen uns Väter ihre Kinder vorbei: Mein Sohn hat eine besondere Begabung, schauen Sie ihn sich doch bitte an!“

Die achtzehnjährige Schülerin Ko-un hat ein goldenes Schweinchen dabei, um ihrem Idol, dem Savior, für das nächste Match Glück zu wünschen. „Einmal mit ihm reden, ihm ganz nahe sein!“ Ma Jae-yoon genießt den Rummel, die kultische Verehrung. Das viele Geld schickt er der Mutter. Er träumt von einem Sportwagen von Mercedes-Benz.

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