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Südkorea : Die Krieger des Internets

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Heute haben fast 80 Prozent der Haushalte, sämtliche Universitäten und die meisten Schulen einen solchen Hochgeschwindigkeitsanschluss. Auch die „PC Bang“ florieren seither, öffentliche Computerspielzimmer, wo man sich für einen Euro in der Stunde ans High-Speed-LAN anschließen, sich mit Millionen anderen in sogenannte Multi- User-Spiele, MPU, einklinken und sich virtuell austoben kann. Etwa 25.000 solcher Internetcafés gibt es in Südkorea.

Das PC Bang ist ein Treffpunkt der Jugendlichen, die Keimzelle von Fanklubs, Freundschaften und Chat-Gemeinden, in denen mit wissenschaftlicher Akribie die Taktik der nächsten Meisterschaftsspiele besprochen wird. So hat auch Ma Jae-yoon einmal angefangen, als Vierzehnjähriger in der Stadt Taegu die Zeit totgeschlagen, als seine alleinerziehende Mutter zur Arbeit ging.

„Als wäre ich in ein tiefes Loch gefallen“

Seit sechs Jahren spielt Ma alias Savior nichts als Starcraft. „Ich war schon süchtig, als wäre ich in ein tiefes Loch gefallen“, erinnert er sich an seine Anfangsjahre als Amateur. Damals verbrachte er Tage und auch Nächte mit seinen Freunden im PC Bang, brach schließlich sogar die Schule ab.

Er hatte Glück, wurde von einem „Talentsucher“ entdeckt und schaffte das, wovon in Korea Millionen Jungen träumen: Er ist der Star der Profimannschaft CJ Entus, mit der der Lebensmittelkonzern CJ sein altbackenes Image aufpeppt. Fünfzehn junge Werbeträger hält sich der Konzern, Krieger, aber saubere Jungs, keine Raucher, keine Trinker. In einem alten Einfamilienhaus im teuren Süden Seouls hausen sie wie Kadettenschüler einer Militärakademie unter der patriarchalischen Obhut ihrer Trainer. Dort kickt Ma Jae-yoon nach dem Spiel seine Turnschuhe in die Ecke. Die WG der Profispieler ist seine Heimat.

Konfuzianische Werte

„Mich hier einzuordnen fiel mir am Anfang schon schwer, vor allem das Putzen und Abwaschen“, sagt er, ermattet von einem Kampf, der ausnahmsweise nicht gut für ihn ausging. Disziplin, Hierarchie und Gehorsam sind das Fundament der Spielerkommune, konfuzianische Werte auch hier: Der Neuling muss sich hochdienen, den Alten Respekt erweisen und darf die Autorität des Lehrers niemals in Frage stellen.

Die schwächsten sieben des Profiteams teilen sich im Erdgeschoss ein Schlafzimmer, ihnen obliegt auch ein Großteil der Hausarbeit. Die Leistungsträger leben einen Stock höher, doch selbst Ma, der sich als Champion schon einiges herausnehmen kann, muss sich mit einem Mannschaftskollegen das Zimmer teilen. Ein karger Raum, das einzig Persönliche ein paar Plüschteddybären, Liebesbeweise treuer Fans.

Zwei Einheiten à vier Stunden

Der Trainingsalltag ist geregelt, Frauenbesuch nicht willkommen. Um neun Uhr früh klingelt der Wecker, nach dem Frühstück werden die Zöglinge im CJ-Entus-Bus zu Lockerungsgymnastik und Laufbandjogging gefahren, zu Hause erwartet sie ein von der Köchin zubereitetes Mittagsmahl, dem zwei Trainingsblöcke Starcraft folgen.

„Zwei Einheiten à vier Stunden haben sich als optimal herausgestellt“, sagt Kim Dong-woo, der Trainer, ein ehemaliger Profispieler. Gegen 11 Uhr abends endet die Pflicht, könnten die Cyber-Sportler eigentlich schlafen gehen. Doch die meisten spielen weiter in der langen Reihe der Monitore, versenken Welten, retten Planeten und nippen an Vitamindrinks, oft bis drei Uhr früh. „Freiwillig“, wie Kim versichert. Nur Champion Ma macht das selten mit: „Er ist ein bisschen faul, dafür aber ein Naturtalent.“

„Wir haben eine ausgeprägte Kampfmentalität“

In keinem anderen Land gibt es mehr professionelle Computerspieler als in Südkorea. Der nationale Branchenverband KeSPA zählt 326, davon spielen 236 Starcraft. Zwölf Profimannschaften treten in den verschiedenen Arenen an, inzwischen geht auch ein Team der südkoreanischen Luftwaffe an den Start.

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