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Der „weiße Zulu“ : Südafrika trauert um Johnny Clegg

Legendärer Auftritt: Johnny Clegg (Mitte) mit Mandela (rechts) 1999 in Frankfurt Bild: Picture-Alliance

Johnny Clegg hatte es wie kaum ein anderer verstanden, sich mit seiner Musik gegen das Regime der Rassentrennung in Südafrika zu stemmen. Einen legendären Auftritt hatte er in Frankfurt. Jetzt ist er gestorben.

          Es war ein Konzert mit unnachahmlicher Symbolkraft: Als Johnny Clegg 1999 in Frankfurt „Asimbonanga“ zu Ehren Nelson Mandelas anstimmte, tauchte plötzlich der Nationalheld Südafrikas aus dem Hintergrund auf. Er tanzte beschwingt, während Clegg eines seiner berühmtesten Lieder sang. Bis heute ist der Anti-Apartheid-Song eine inoffizielle Hymne des Landes, die weiße wie schwarze Südafrikaner bewegt.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Johnny Clegg, der am Dienstag im Alter von 66 Jahren in Johannesburg gestorben ist, hatte es wie kaum ein anderer verstanden, sich mit seiner aus afrikanischen und europäischen Stilen gemischten Musik gegen das Regime der Rassentrennung zu stemmen. Er war nicht nur ein Gitarrist und Liedermacher, sondern auch ein Freiheitskämpfer, einer, der sich von seinem Traum eines friedlichen Südafrikas nicht abbringen ließ.

          Die Nachricht von seinem Tod rief am Mittwoch Reaktionen hervor, die fast an die Trauer um Nelson Mandela erinnerten. „Wir sind gesegnet, ihn erlebt zu haben. Wir werden weiter für ein Land kämpfen, von dem er geträumt hat“, teilte die Nelson-Mandela-Stiftung mit. Staatspräsident Cyril Ramaphosa drückte seine „Trauer aus tiefem Herzen“ aus. Im Radio und auf Twitter nahmen die Kondolenzbekundungen den ganzen Tag über kein Ende. 25 Jahre nach dem Ende der Apartheid sind die sozialen Medien oft Foren für einen rassistisch aufgeladenen Schlagabtausch. Doch in der Trauer um Clegg zeigte sich die Nation in seltener Weise über alle Volksgruppen hinweg geeint.

          Der 1953 in Großbritannien geborene Sohn einer Zimbabwerin und eines Engländers wuchs in Zimbabwe auf, kam im Alter von sieben Jahren nach Südafrika und zog später für zwei Jahre nach Sambia, bevor er nach Südafrika zurückkehrte. Die Erfahrung, immer wieder ein Einwanderer zu sein, habe ihn solidarisch fühlen lassen mit den schwarzen Wanderarbeitern, sagte er vor einigen Jahren in einem Radio-Interview. Schon in frühen Jahren begleitete er seinen Stiefvater, einen Journalisten, bei Besuchen in Townships und lernte die Zulu-Sprache.

          Später, als Anthropologie-Student an der Johannesburger Wits-Universität, engagierte er sich in einer Gewerkschaft, übersetzte auch Arbeitermagazine in Zulu. Doch bald schon sei ihm bewusst geworden, dass ihm Protest mit Musik und Sprache näher lag als politischer Widerstand. Mit Sipho Mchunu, einem Gärtner und Straßenmusiker aus Johannesburg, gründete er in den siebziger Jahren die Band Juluka. Sie trat in Schwarzensiedlungen auf dem Lande, in Arbeiter-Unterkünften und auf Fußballfeldern auf. „Die Leute sagten, da sind der schwarze Gärtner und der weiße Professor mit der komischen Musik“, erinnerte sich Clegg. „Unsere ersten Zuhörer waren schwarze Arbeiter und weiße Studenten. Über die Musik brachten wir sie zusammen.“ Die Apartheid-Regierung aber sah in den Konzerten ein Aufbegehren gegen die Staatsgewalt. Oft beendeten Sicherheitskräfte mit Hunden und Schlagstöcken die Auftritte.

          Den Aufstieg von Juluka und Cleggs späterer Band Savuka konnten aber weder Polizei noch Regierung verhindern. 1983 war der Song „Scatterlings Of Africa“ einer der 40 erfolgreichsten Hits des Jahres in Großbritannien. Clegg, der unter anderem den Order of the British Empire (OBE) bekam, trug den Spitznamen „weißer Zulu“. Seine energiegeladenen Zulu-Tänze wurden legendär. Starallüren blieben ihm fremd. Viele in Südafrika nennen ihn einen Freund, obwohl sie ihn nie persönlich getroffen haben. Als vor vier Jahren bekannt wurde, dass Johnny Clegg unheilbar an Bauchspeicheldrüsenkrebs erkrankt war, löste das weithin Bestürzung aus. 50 Musiker, unter ihnen Stars wie Peter Gabriel, fanden sich zusammen, um einen von Cleggs Klassikern, „The Crossing“, neu aufzunehmen. Es war ein bedeutungsvolles Abschiedsgeschenk. „Wir überqueren diese dunklen Berge, wo wir unsere Sorgen niederlegen“, heißt es im Refrain.

          Clegg selbst hielten weder Krankheit noch Chemotherapie von Auftritten ab. Im vergangenen Jahr ging er noch einmal auf eine Welttournee, um sich von seinen Fans zu verabschieden. Als sich das letzte Konzert dem Ende zuneigte, tauchte die berühmte Szene aus dem Konzert in Frankfurt auf den Bildschirmen auf. „Wenn ich Musik höre und tanze, versöhne ich mich mit der Welt und mit mir selbst“, hatte Mandela damals dem Publikum zugerufen. Dann bat er um eine Zugabe von „Asimbonanga“, ehe er Arm in Arm mit dem „weißen Zulu“ die Bühne verließ.

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