https://www.faz.net/-gum-120np

Südafrika : Flucht in den Unterricht

Drei Klassen in einem Raum: In der Schule für Flüchtlinge aus Zimbabwe muss man sich dreifach konzentrieren. Bild: Claudia Bröll

Die meisten flüchteten vor Gewalt und Armut. Viele haben ihre Eltern verloren und kamen den Weg allein: Eine Schule in Johannesburg unterrichtet Flüchtlingskinder, die aus Zimbabwe geflohen sind. Die Mittel sind bescheiden, der Ehrgeiz ist groß.

          Es sind grausame Poster, die in der Albert-Street-Schule in Johannesburg an der Wand hängen. Auf einem Bild sind verbrannte Gliedmaßen zu sehen, auf einem anderen ein Mann mit großer Wunde am Kopf. „Zimbabwe blutet, der Rest Afrikas schläft“, steht darunter. Die Schüler scheinen die Poster der früheren zimbabwischen Oppositionspartei MDC nicht zu schockieren. Viele haben damals, zu Hause, ähnliche Szenen mit eigenen Augen gesehen.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Die Albert-Street-Schule liegt im Zentrum der für ihre Kriminalität berüchtigten Stadt. 360 Jungen und Mädchen kommen jeden Tag in das lachsfarbene Gebäude in der grauen Straße. Die meisten flüchteten vor der Gewalt und der Armut in Zimbabwe. „Viele haben ihre Eltern verloren, sind traumatisiert von der Flucht und den Erlebnissen in ihrer Heimat. Wir hatten Elfjährige, die ganz allein hierhergekommen sind“, sagt Paul Verryn, Bischof der Johannesburger Methodistenkirche, die Flüchtlinge aus Zimbabwe aufnimmt und im vergangenen Jahr die Albert-Street-Schule eröffnete - die den Kindern Schutz vor den Gefahren der Großstadt bietet und eine Rückkehr in die häufig nur vermeintliche Normalität.

          Zimbabwe scheint weit weg

          In ihren dunkelblauen Schuluniformen mit den blau-gelben Krawatten sehen die Jungs und Mädchen aus wie die Schüler einer normalen südafrikanischen Schule. Nur passen die Uniformen kaum jemandem. Die Hosen und Röcke sehen abgewetzt aus, und viel normale Straßenkleidung blitzt hervor - das Geld reicht nicht für Uniformen für alle. Auf der überfüllten Treppe zum Schulhof wird in der Pause gelacht, geschäkert, gekreischt. Das Leitmotiv der Schule - „Hoffnung für die Hoffnungslosen“ - will nicht zu dem Treiben passen: Zimbabwe scheint weit weg.

          Takudzwa Chikoro geht in die Oberstufe. Er ist der Beste seines Jahrgangs. Stolz listet er die Fächer auf, in denen er ein „A“ bekommen hat. Es sind fast alle, bis auf Biologie und Physik. Der 16 Jahre alte Zimbabwer kam im August nach Johannesburg. Seine Eltern waren gestorben, bei einem Onkel erging es ihm schlecht. Zur Schule war er seit 2006 nicht mehr gegangen, aus Geldmangel. „Ich wollte eine bessere Zukunft, ich wollte eine Ausbildung.“ So entschied er sich zur Flucht. Mit fünf anderen Flüchtenden schlug er sich bis zur südafrikanischen Grenze durch. Sie stiegen über elektrische Zäune und versuchten Wildtieren aus dem Weg zu gehen. „Ich hatte große Angst.“ Tatsächlich wurden sie bei einem Überfall ihrer letzten Habseligkeiten und Papiere beraubt. Schließlich schmuggelte er sich in einen Zug nach Johannesburg, wo man ihm von Bischof Verryn erzählte. Nach zweimonatiger Odyssee kam er hier an.

          Stühle sind Mangelware

          In der Albert-Street-Schule ist ein solcher Lebensweg nicht ungewöhnlich. „Die meisten hier haben Ähnliches hinter sich“, sagt der stellvertretende Schulleiter William Kandowe, der selbst vor eineinhalb Jahren aus Harare flüchtete, weil es die Schlägertrupps der Regierung auf ihn abgesehen hatten. Vom Alltag besserer südafrikanischer Schulen ist die aus Spenden finanzierte Albert-Street-Schule weit entfernt. Durch die Räume dringt der Geruch von Schweiß und gekochtem Huhn. Farbe blättert von den Wänden, die Stuckdecken sind verrußt, Fensterscheiben zerbrochen. Ein halbes Jahrhundert lang war das Gebäude nicht mehr als Schule genutzt worden. Gegen den Verfall wird erst jetzt langsam etwas unternommen.

          In den Klassenzimmern sitzen die Schüler buchstäblich aufeinander. In einem Raum werden drei Klassen mit 70 Schülern gleichzeitig von drei Lehrern unterrichtet. Um Schreibpulte, die in den dreißiger Jahren für zwei Schüler gezimmert wurden, drängen sich zehn. Eine Klasse sitzt in einem schmalen dunklen Gang, geschrieben wird auf dem Boden. Überhaupt sind Stühle Mangelware. Oft halten Bücher als Sitzfläche her. Was hier fehlt: Papier, Stifte, Möbel, Essen.

          Unterricht nach Cambridge-Lehrplan

          Kandowe und seine Kollegen - die meisten aus Zimbabwe, zwei aus Südafrika - versuchen ein Niveau zu erreichen, das mit dem einst hohen Niveau zimbabwischer Schulen vergleichbar ist. Der Unterricht, der auch Fächer wie „Computer Sciences“, „Management of Business“ und „English Literature“ umfasst, folgt dem Cambridge-Lehrplan, wie er als Relikt der Kolonialzeit noch an Privatschulen in Zimbabwe gilt. „Unter den Flüchtlingen sind hervorragende Lehrer und gebildete Menschen“, sagt Kandowe. „Sie müssen jetzt auf der Straße schlafen und sind froh, eine Arbeit zu haben.“ Stolz setzt er hinzu, eine Abordnung der Universität Cambridge habe bei einem Besuch den Lehrplan für gut befunden. „Die Jugendlichen können mit diesem Abschluss in Großbritannien studieren - zumindest theoretisch.“ Südafrika jedoch lässt sich mit der Anerkennung der Schule Zeit. Wenn bald die Ersten ihren Abschluss machen, müssen sie zu einer anderen Schule wechseln.

          Die Jugendlichen stehen mit ihren Zielen der Schulleitung in nichts nach. Die 16 Jahre alte Paidamoyo, die oft im Johannesburger Gerichtshof den Verhandlungen zuhört, will Rechtsanwältin oder Journalistin werden. Maliza träumt von einer Karriere als Pilotin. Falls das nicht klappt, will sie zumindest Stewardess werden. Chikoro will Jura studieren. Dafür lernt er jetzt fleißig, damit das Examen so gut ausfällt wie sein letztes Zeugnis. Der schmächtige Junge sagt es mit so einer tiefen Überzeugung - man möchte ihn nicht nach der Finanzierung der Studienpläne fragen.

          Weitere Themen

          Hilfe durch streng strukturierte Tage

          Suchthilfe : Hilfe durch streng strukturierte Tage

          Ein neues Leben aufbauen fern von Suchtmitteln. Cleantime im Eifelort Mayen versucht, kranken Menschen eine Perspektive zu zeigen.

          Das Hobby als Problem

          Mediensucht : Das Hobby als Problem

          Sie hängen stundenlang am Smartphone und Computer und stranden dann bei Michael Krämer. Der Psychotherapeut hilft mediensüchtigen Jugendlichen.

          Topmeldungen

          Zukunft der Koalition : Heißer Herbst

          Die Koalition versucht zur „Halbzeitbilanz“ im Dezember zu retten, was noch zu retten ist. Nun entscheidet auch die Wahl des neuen SPD-Vorsitzenden über ihre Agenda.
          „Fridays for Future“-Demonstration vom vergangenen Freitag in Berlin

          „Fridays for Future“ : Glaube an die eigene Macht

          Eine Studie zeigt, wie die Demonstranten der „Fridays for Future“-Proteste ticken. Was ihre Motive sind, welchen sozialen Hintergrund sie haben – und für welche Parteien sie stimmen würden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.